Erdbebenwetter

 
 
Tropen (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. August 2020
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-608-12007-3 (ISBN)
 
»Endlich: ein moderner Hexenroman! Zaia Alexander erzählt ebenso mitreißend wie reflektiert von der Begegnung mit Menschen, deren Worte so ins Zentrum der eigenen Existenz treffen, als hätte man ein Leben lang darauf gewartet.«
Denis Scheck

Kojoten ziehen hungrig durch die Wohnviertel, in den Nachrichten warnen sie vor Schießereien und blinder Verkehrswut. Mit der Hitze kommt eine unheimliche Stille. Erdbebenwetter. Das Leben in L.A. gleicht in diesem Roman nicht dem Hollywood, das uns die großen Studios in ihren Filmen vorgaukeln. Und auch Lous Alltag ist nicht aus dem Stoff der Traumfabrik. Ihr Leben scheint in einer Endlosschleife hängengeblieben zu sein, als sie bei einer Filmpremiere einen alten Freund wiedertrifft, der mittlerweile ein erfolgreicher Regisseur ist. Er nimmt sie mit zu einem Kurs in einem Tanzstudio in Santa Monica und führt sie in die Welt der Hexer ein. Damit gewinnt ihr Leben eine elektrisierende Intensität. Das allzu Bekannte wird außergewöhnlich, der Alltag rückt in ein neues Licht. Lou erkennt, dass es Ausfahrten und Schlupflöcher im vermeintlich festgelegten Koordinatensystem des Lebens gibt. Ein poetischer, kraftvoller, kosmopolitischer Roman, der Grenzen überschreitet, Hierarchien zwischen Tier und Mensch und Kindern und Eltern ins Wanken bringt und L.A. als jenes flirrende Geheimnis in der Wüste zeigt, das die Stadt bis heute ist.

»Als ich am nächsten Morgen durch den windigen Canyon fuhr, stand vor mir auf der Straße ein Kojote. Ich hatte den starken Impuls, Gas zu geben. Kurz vor ihm bremste ich ab und brachte das Auto zum Stehen. Wir starrten uns durch die Windschutzscheibe an. Reglos und lange, wie es schien. Dann machte er kehrt und rannte ins verdorrte Gebüsch.«
1. Aufl.
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • 3,64 MB
978-3-608-12007-3 (9783608120073)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Zaia Alexander lebt in Potsdam und Los Angeles. Sie promovierte in Germanistik an der UCLA, war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Getty Research Institute und Programmdirektorin der Villa Aurora in Pacific Palisades/Los Angeles. 2008 erhielt sie die Lannan Residency in Marfa, Texas. Erdbebenwetter ist ihr erster Roman.

Die goldene Flöte


Normalerweise war ich skeptisch, was Versprechen betraf. Ich hatte schlechte Erfahrungen mit Leuten gemacht, die mir etwas versprachen. Aber diesmal war es anders. Ich glaubte Josh. Hexer in Los Angeles, das war so weit hergeholt, dass es nur wahr sein konnte. Andererseits war die Tatsache, dass etwas weit hergeholt war, noch nie eine Garantie für Wahrheit gewesen.

Nachdem ich mehrere Tage lang nichts von Josh gehört hatte, wurde ich nervös. Es war, als ginge die Sache mit der goldenen Flöte wieder los.

Im Alter von fünf oder sechs Jahren hatte ich Flöte spielen gelernt. Auf Partys meiner Mutter und ihrer Zwillingsschwester gab ich kleine Konzerte auf meiner Kinderflöte, während man plauderte und trank.

Fast immer war »Whitey« da. Er besuchte meine Tante und meine Mutter regelmäßig, gewöhnlich an Feiertagen, und kam immer allein. Sein richtiger Name war Arthur James, aber schon als Kinder hatten sie ihn »Whitey« genannt, weil seine Haut so hell war, sogar seine Wimpern waren weiß. Schon damals war er in die Zwillinge verliebt gewesen, die, wollte man den anderen glauben, atemberaubend aussahen; violettblaue Augen, blauschwarzes Haar, ein doppelter toxischer Cocktail. Damit sich keiner zwischen sie drängen konnte, hatten sie sogar eine eigene Sprache erfunden, aber das hielt »Whitey« nicht davon ab, es trotzdem zu versuchen.

Wenn er kam, versprach er mir jedes Mal, beim nächsten Mal eine glänzende goldene Flöte mitzubringen. Ich stellte mir die Flöte lebhaft vor, wie sie sich drehte und herumwirbelte wie ein glitzernder Tambourstab, der durch die Luft geschwenkt wurde. Und jedes Mal, wenn »Whitey« wieder vor der Tür stand, sich an die Stirn schlug und sagte: »Es tut mir soo leid, ich hab sie zu Hause vergessen, ich Dussel!«, wurde mein Verlangen nach der Flöte noch größer. Immer war er sichtlich erschüttert von seiner Nachlässigkeit und versprach mir mit Nachdruck, sie das nächste Mal ganz bestimmt nicht zu vergessen.

»Hast du mir die goldene Flöte mitgebracht?«, fragte ich Arthur James.

Den Tränen nahe jammerte er: »O nein, ich habe sie wieder vergessen!«

Einmal rief ein betrunkener Gast aus dem Wohnzimmer: »Warum zum Teufel erlaubst du ihm, dem armen Kind das anzutun? Dass dieser Idiot ein zwanghafter Lügner ist, weiß doch jeder!«

Ich konnte mich nicht erinnern, ob Arthur James mir daraufhin noch einmal versprach, die goldene Flöte mitzubringen, oder ob mir irgendwann endlich jemand erklärte, dass es ein harmloser Witz war, oder ob ihm jemand sagte, dass es jetzt reiche. Ich fragte nicht mehr nach der Flöte und ich wartete auch nicht mehr darauf, und für eine lange Zeit vergaß ich die Sache sogar komplett.

Die goldene Flöte hielt mich davon ab, Versprechungen zu glauben. Dafür glaubte ich so ziemlich alles andere. In der Schule nannten mich die Kinder einen Naivling. Ich musste das Wort im Wörterbuch nachschlagen. Sie hatten recht. Nichts schien je so weit hergeholt, als dass es nicht hätte wahr sein können. Man konnte mir alles Mögliche erzählen, und ich glaubte es. Besonders meine Mutter. Sie erzählte mir beispielsweise, dass unser Telefon verwanzt sei und ich auf keinen Fall etwas sagen solle, das uns in Schwierigkeiten bringen könne. Manchmal legte sie einen Zeigefinger an die Lippen und sah an die Decke, um anzudeuten, dass wir auch in der Wohnung abgehört wurden, was mich darin schulte, gut zuzuhören und den Worten Beachtung zu schenken.

Im Auto hörte ich auf dem Rücksitz aufmerksam zu, wenn sich meine Mutter mit ihrer Schwester in ihrer Privatsprache unterhielt. Schläfrig schaute ich auf ihre Hinterköpfe mit den Kurzhaarschnitten. Sie lachten und rauchten bei geschlossenen Fenstern, und eines Tages merkte ich, dass ich alles, was sie sagten, verstand. Unbeabsichtigt hatte ich den Code der Zwillinge geknackt und nun ebenfalls eine Geheimsprache: »Köllewönnt ihrlewir billeweilltellewe dallewas Fellewensterlewe aulewaufmallewachellewen?«

Irgendwann fand ich es einfacher, mit dem Reden ganz aufzuhören. Es gab keine Worte, die hätten erklären können, warum ich häufig in der Schule fehlte, unterschiedliche Socken trug oder tagelang dasselbe anhatte. Manchmal weckte mich meine Mutter mitten in der Nacht, weil eine Flutwelle aus Honolulu auf uns zurollte oder unser Haus im Treibsand versank oder die Regenfluten die Baldwin Hills hinabströmten und uns überschwemmten. Sie hatte einen kleinen Koffer unter meinem Bett deponiert für den Fall, dass wir in aller Eile packen mussten, um zu fliehen, aber in meiner Panik vergaß ich oft die wichtigsten Dinge, eine Socke, einen Rock, die Zahnbürste.

Einmal sagte meine Mutter, eine riesige Seifenblase sei über den Olympic Boulevard gerollt und gegen ihren Magen geprallt. Solange sie sich von dem Angriff erholte, durfte ich im Haus meiner Großeltern bleiben, fast ein ganzes Jahr.

Das war meine Zuflucht.

Das Schlafzimmerfenster im Haus meiner Großeltern zeigte auf den Garten - Zitronenbäume, Pflaumen und Avocados, Paradiesvögelbüsche, eine Rebe giftiger, lila Beeren, die von der weißen Wand hing, Rosmarin- und Lavendelbüsche und leuchtend rosa Bougainvilleen. In den frühen Morgenstunden war es vollkommen still bis auf die Vögel, die im ersten Morgenlicht zu zwitschern begannen. Ich lag im Bett und lauschte, hypnotisiert von den Staubkörnchen, die in der Luft tanzten.

Es gab einen japanischen Gärtner, der, solange ich mich erinnern konnte, den Garten meiner Großeltern pflegte. Seine Haut war gebräunt und faltig. Manchmal scherzte mein Großvater mit ihm, aber sonst redete der Gärtner mit niemandem. Er kümmerte sich um die Pflanzen und verschnitt die Büsche, legte Fallen mit giftigem Zuckerwasser gegen die Ameisen aus und hängte Netze über die Bäume, damit die Vögel nicht das Obst fraßen. Ich saß meistens im Garten und malte, oft das Gesicht von Abraham Lincoln, aber am häufigsten Menschenopferungen vor flachen Azteken-Pyramiden. Der Gärtner war mein Modell für den aztekischen Hohepriester, der einen blutigen Dolch in die Luft streckte oder ein schlagendes Herz in der Hand hielt, das er gerade aus der Brust des Opfers gerissen hatte, und er war auch mein Modell für Abraham.

Eines Tages sagte der Gärtner zu meinem Großvater, für ihn sei es nun an der Zeit, zu gehen, und übergab ihm »als kleines Zeichen« seiner Dankbarkeit eine Flasche Cognac, in der eine Ballerina steckte. Der Gärtner zog den Flaschenboden auf, und die Ballerina drehte zur Musik langsame Pirouetten. Zufällig saß ich gerade in der Nähe und beobachtete eine Reihe von Ameisen, die auf ihren Tod zumarschierten, als die beiden sich verabschiedeten. Nachdem die Musik aufgehört hatte, nahm mein Großvater die Hand des Gärtners in seine Hände und sagte: »Alles Gute muss irgendwann ein Ende haben, nicht wahr?« Sie standen eine Weile so da, dann kehrte mein Großvater ins Haus zurück, ohne sich noch einmal umzusehen.

Der Gärtner musste an mir vorbei, als er ging, und bevor er das Tor erreichte, blieb er stehen. Ich sah seine Augen. Die Lider waren schwer, der tiefbraune Halbkreis der Iris schwebte über gelblichem Weiß. Er zeigte auf sein vergiftetes Zuckerwasser und sagte: »Geh nicht in die Falle.«

Josh meldete sich nicht.

Nachdem die Flächenbrände abgeklungen waren, kamen die Regenfälle und überschwemmten die Stadt. Ein Gerichtsurteil entzündete erneut Krawalle, die ausgebrochen waren, nachdem ein Polizist einen Schwarzen bei einer einfachen Verkehrskontrolle erschossen hatte. In den Nachrichten warnten sie vor Staus. Es hieß, blinde Verkehrswut bringe immer mehr Leute dazu, ziellos aus den Autofenstern zu schießen. Ich hatte mir Strategien zurechtgelegt, um jederzeit die Flucht antreten zu können: nie Stoßstange an Stoßstange fahren, immer eine Autolänge Abstand fürs Manövrieren halten.

Gegen das dumpfe Gefühl dräuenden Unglücks, das mich wieder überkommen hatte, hatte ich keine Strategie und schrak beim Klingeln des Telefons zusammen.

»Hey, Sis, morgen Abend gibt es einen Kurs. Du bist eingeladen. Sie werden alle da sein.«

»Warte, lass mich kurz in meinen Terminkalender schauen .«, sagte ich mit einem britischen Akzent, der meine Erleichterung überspielen sollte.

»Ach, vergiss es.« Josh war kurz angebunden.

»Natürlich komme ich mit!«

»Gut. Der Kurs beginnt um acht. Ich hole dich um sieben ab.« Dann fügte er hinzu: »Zieh dir was Bequemes an, wir werden ein paar Übungen machen.«

Übungen entsprachen nicht unbedingt meiner Vorstellung von einem Treffen mit Hexern - nicht, dass ich mich damit ausgekannt hätte.

Der Kurs...

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