Sozioprudenz

Sozial klug handeln
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. Juni 2020
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  • 443 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-44338-6 (ISBN)
 
Sozioprudenz ist die Lehre von der sozialen Klugheit. Sie reicht zurück bis in die ältesten Texte der Menschheit und begleitet seit jeher unser Handeln als Ratschlag für das richtige Verhalten in sozialen Situationen. Wer musste nicht schon einmal einen geselligen Abend organisieren, in der Familie Streit schlichten oder ein passendes Geschenk aussuchen? Soziologie und Sozialpsychologie stellen viele Erkenntnisse über soziale Beziehungen bereit - Sozioprudenz macht sie für den Alltag nutzbar. Dieser Band ist Lehrbuch, Ratgeber und Geschichtenbuch in einem. Er führt anhand zahlreicher Beispiele und Übungen, die von Studierenden entwickelt und erprobt wurden, in die Kunst des sozial klugen Handelns ein und stellt nebenbei die Theorien soziologischer Klassiker zu Themen wie Geselligkeit, Gabe oder Geheimnis vor.
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Clemens Albrecht ist Professor für Kultursoziologie an der Universität Bonn.
Inhalt Leseanleitung 11 Zur Entstehungsgeschichte der Sozioprudenz - oder: Wie kann man Soziologie lehren, indem man sie handlungspraktisch interessant macht? 15 1. Sozioprudenz: die Kunst des klugen Handelns 27 1.1 Inwiefern wir beim Handeln frei sind 30 1.2 Warum wir über das Handeln etwas wissen sollten 34 1.2.1 Werkzeug, Sprache, exzentrische Position, Introspektion 36 1.2.2 Alltagswissen und Expertenwissen 40 1.3 Über den Unterschied zwischen Verhalten und Handeln 43 1.3.1 Arten des Handelns 46 1.4 Warum soziales Handeln nicht nett sein muss und andere anders handeln 51 1.4.1 Doppelte Kontingenz 52 1.4.2 Interaktion, soziale Beziehung 55 1.4.3 Identität und Interaktion 57 1.5 Zweckrationalität und Strategie 60 1.5.1 Strategisches Handeln 63 1.5.2 Grenzen der Rationalität 66 1.6 Nicht nur rational, auch klug sein: sozioprudentes Handeln 67 1.6.1 Zweckrationalität und Klugheit 68 1.6.2 Wertrationalität und Klugheit 71 1.6.3 Außenführung 73 1.6.4 Innenführung 76 1.6.5 Durchführung 78 Lektürekompass 81 2. Gabentausch: Schenken und Beschenktwerden 85 2.1 Die Auswahl von Geschenken 90 2.1.1 Individuelle und kollektive Reziprozität 91 2.1.2 Gabeninvestments 93 2.1.3 Reziprozitätszyklen 97 2.2 Ein ganz besondere Situation: die Geschenkübergabe 99 2.2.1 Exkurs zur Korruption 101 2.2.2 Gratifikationsperformanz 102 2.3 Was man mit Geschenken sonst noch erreichen kann 108 2.3.1 Gabeneffekte 108 2.4 Sozioprudentes Schenken 110 Lektürekompass 115 3. Geselligkeit: Einladungen und Partys, Feste und Feiern 119 3.1 Was man aus der Geschichte für die Geselligkeit lernen kann 120 3.1.1 Lebensführung 123 3.1.2 Salon als Reflexionsmedium von Geselligkeit 126 3.1.3 Maximen 128 3.1.4 Konversationskunst 130 3.2 Was man allgemein über Geselligkeit wissen sollte 131 3.3 Was ist der Anlass? 135 3.3.1 Fest und Feier 136 3.3.2 Die Festrede 141 3.4 Wen soll ich einladen? 142 3.4.1 Gemeinschaft oder Gesellschaft 143 3.5 Wen habe ich eingeladen? 148 3.5.1 Sozialtypus 149 3.5.2 Lebensführung 152 3.5.3 Lebenshorizont 155 3.6 Wie ist der Ablauf? 161 3.6.1 Spiel 162 3.6.2 Essen 165 3.6.3 Manieren 168 3.6.4 Konversation 173 Lektürekompass 180 4. Alltagsdiplomatie: Vermitteln, Verhandeln, Manipulieren 183 4.1 Was macht gute Diplomaten aus? 186 4.1.1 Takt 193 4.2 Alltagsdiplomatie in Zweierbeziehungen 197 4.2.1 Konsensfiktion 198 4.2.2 Wissen und Nicht-Wissen 201 4.3 Alltagsdiplomatie in Gruppen 206 4.3.1 Triade 206 4.3.2 Figuration 207 4.3.3 Triadische Figurationen 211 4.3.4 Koalition 219 4.3.5 Stellvertretung 221 4.4 Alltagsdiplomatie in sozialen Situationen 225 4.4.1 Weihnachtsdiplomatie 229 Ablauf 235 Regie 242 Dinge 244 4.5 Alltagsdiplomatie durch Atmosphären 246 4.5.1 Atmosphärenimpulse 250 4.5.2 Räume 254 4.5.3 Dinge 255 4.5.4 Emotionen 257 4.5.5 Performanz 264 Lektürekompass 267 5. Intrige: geheimes Handeln 271 5.1 Täuschung und Betrug bei Tier und Mensch 276 5.1.1 Lüge 278 5.2 Elemente der Intrige 283 5.2.1 Ablauf 285 Konflikt 286 Notsituation 289 Intrigenplan 293 Zwischenfälle 295 Gegenintrigen 297 Anagnorisis 298 5.2.2 Personal 302 Intrigant 303 Intrigenopfer 306 Intrigenhelfer 307 5.2.3 Intrigenmittel 311 Intrigenrequisit 311 Mimikry 313 Empathie 315 Intrigengeduld 320 5.3 Figurationen der Intrige 322 Lektürekompass 326 6. Ethik der Sozioprudenz 329 6.1 Soziologie als Moralbegründung 332 6.1.1 Sein und Sollen 334 6.1.2 Pluralität der Werte 335 6.2 Sozioprudenz der Verführung 338 6.2.1 Das Kierkegaard-Dilemma 345 6.3 Elemente der Alltagsethik - oder: Ist Sören Kierkegaard ein Schwein? 349 6.3.1 Norm und Alltagshandeln 350 6.3.2 Reziprozität und Funktionalität 353 6.3.3 Motiv und Handlungsfolgen 354 6.3.4 Gesinnung vs. Verantwortung 356 6.3.5 Nutzen und Schaden 359 6.3.6 Die altruistische Nützlichkeitsethik 360 6.4 Noch einmal: Ist Kierkegaard ein Schwein? 362 6.4.1 Klugheitsethik 364 6.4.2 Sozioprudenz-Ethik 366 Kierkegaard, der Liebende 368 Kierkegaard, der Ästhet 371 Kierkegaard, der Moralist 372 Kierkegaard, der Philosoph 374 Kierkegaard, der Theologe 376 Letzturteil 378 6.5 Die ethische Inversionspyramide 379 6.5.1 Sozioprudenz-ethisches Reflexionsschema 380 Motive 381 Ziele 383 Nebenfolgen 383 Funktion 385 Lektürekompass 387 7. Epilog: die Grenzen der Sozioprudenz 391 1. Aus der Erfahrung lernen 391 2. An sich selbst arbeiten, das Leben führen 391 3. Ziele anpassen 392 4. Nichts tun 393 5. Sich überlassen 394 6. Haltung bewahren 396 Lektürekompass 397 Anmerkungen 399 Literaturverzeichnis 421 Danksagung 431 Personen- und Sachregister 433
Leseanleitung Liebe Leser, dies ist ein Lehrbuch für Soziologie. Vielleicht ist es aber auch ein Ratgeber: Wie kann man sozial klug handeln? Alles wird an Beispielen erklärt. Sie sammeln viele kleine Geschichten, die aus dem Alltagsleben von jungen Leuten stammen, wie sie zufällig in meinen Seminaren zusammengewürfelt wurden. Also ein Alltagsgeschichtenbuch? Schwer zu entscheiden. Dieses Buch ist eine Mischung aus all dem, ein Hybrid. Es enthält ganz unterschiedliche Textsorten. Mal ist etwas ganz einfach zu verstehen, mal wird es richtig kompliziert. Es gibt ziemlich viele, manchmal lustige, manchmal problematische Beispiele, und dann kommt wieder ein abstraktes Schema. Ich möchte ja Verständnis für einen theoretischen Stoff entwickeln, indem ich ihn wie eine Erzählung präsentiere. Narrative Didaktik nennt man das. In einem solchen Mischwald muss man sich zurechtfinden. Deshalb habe ich die Textsorten getrennt. Den Ratgeber finden Sie im normal gedruckten Text. Er sollte fortlaufend lesbar sein, Sie können also die anders gedruckten Textteile auch einfach überschlagen und verlieren nicht den Faden. Um ein tieferes Verständnis für die Ratschläge zu bekommen, muss man allerdings verstehen, wie sie theoretisch begründet werden. Dafür gibt es Theorieblöcke. Sie fassen ein soziologisches Thema, das am Anfang genannt wird, knapp zusammen. Die Summe dieser Theorieblöcke ergibt ein soziologisches Lehrbuch. Welche soziologischen Theoreme und welche Theoretiker aufgegriffen wurden, ist aus dem Register ersichtlich. Wo im Text Theoreme genannt sind, die an anderer Stelle ausführlich erklärt werden, sind sie hervorgehoben. Über das Register findet man diese Stelle. Und dann werden die Einsichten durch Beispielgeschichten erklärt. Sie sind meist Zitate aus Protokollen, in denen die Studierenden über ihre praktischen Versuche berichten, eine kluge Handlung auszuführen: einen Geschenkplan für Weihnachten, eine Party, einen Konflikt in ihrer Wohngemeinschaft, eine kleine Intrige. Wo es sich anbot, habe ich bei diesen Beispielen auch Stoffe aus Filmen, Serien oder Romanen aufgegriffen. Man kann dieses Buch auf allen Ebenen lesen: Rat suchen, Soziologie lernen, man kann ihm aber auch nur schöne Geschichten entnehmen, wenn einen die soziologische Theorie langweilt und der Ratgeber nervt. Der allerdings ist eng mit den Geschichten verbunden, man versteht die Ratschläge nur, wenn man auch die Beispiele liest. Aber man kann hin- und herspringen. Sie können zum Beispiel das erste Kapitel einfach überschlagen. Sie brauchen nicht zu verstehen, was eine sozioprudente Handlung ist, um ein gelungenes Geschenk auszusuchen. Springen Sie also zwischen den Kapiteln, die Sie interessieren, hin und her. Die Kapitel in sich enthalten allerdings so etwas wie eine zusammenhängende Erzählung, durch die der Stoff entwickelt wird. Und jetzt, liebe Leser, noch ein Vorschlag: Sie alle haben eigene Geschichten. Wenn Sie hier Beispiele für sozioprudente Handlungen lesen, dann fällt Ihnen sicher ein, wie Sie einmal geschickt einen Streit lösen konnten, wie Sie Ihre Gäste am besten unterhalten oder ein geniales Geschenk gefunden haben. Von gelungenen Intrigen erzählen die Leute selten, das behalten sie lieber für sich. Aber auch hier bin ich prinzipiell interessiert. Schreiben Sie mir diese Geschichten! Schicken Sie mir Beispiele für Ihre Sozioprudenz - oder für die Klugheit anderer. Die Welt ist voll mit solchen Beispielen, ich sammle sie und verwende sie in meinen Seminaren und Büchern, damit andere sie auch kennenlernen können - und dadurch vielleicht sozial klüger werden. Also, wenn Sie mitarbeiten wollen, hier meine Anschrift: Prof.?Dr.?Clemens Albrecht Universität Bonn Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie Lennéstr. 25 53113 Bonn sozioprudenz@uni-bonn.de ? Zur Entstehungsgeschichte der Sozioprudenz - oder: Wie kann man Soziologie lehren, indem man sie handlungspraktisch interessant macht? Lehrbücher sollen anlockend sein; das werden sie nur, wenn sie die heiterste, zugänglichste Seite des Wissens und der Wissenschaft hinbieten. Goethe, Maximen und Reflexionen Es war auf der Insel Reichenau am Bodensee, im September 2008. Der Lipp-Kreis hatte sich getroffen. Eine Runde älterer Soziologen, meist schon aus dem Dienst ausgeschieden, seit Jahrzehnten befreundet. Neben dem Mentor Wolfgang Lipp gehörten Horst Baier dazu, der das Treffen organisiert hatte, Bernhard Schäfers, Arnold Zingerle, Justin Stagl, Carlo Mongardini und Hartmann Tyrell. Zwei Jüngere waren dazugeladen, außer mir Joachim Fischer aus Dresden. Ich kannte ihn seit Jahren, wir hatten viel in der Sektion Kultursoziologie zusammengearbeitet. Gleich zu Beginn trug Fischer unter dem Titel Soziologie als Sozioprudenz einen Gedanken vor, der mich faszinierte. Neben der Kameralistik, der ethnographischen Reportage und der Sozialkritik habe unsere Disziplin noch eine weitere Wurzel, die er in sozialen Klugheitslehren der frühen Neuzeit verortete. Baldassare Castigliones Hofmann, Machiavellis Fürst, später dann Knigges Über den Umgang mit Menschen und Schleiermachers Geselligkeitslehre stehen für einen eigenen Strang der Reflexion, der soziale Zusammenhänge durchschauen und den Menschen zugleich klüger im sozialen Umgang machen wolle. Die Soziologie könne diese Traditionslinie heute aufgreifen und zu einer eigenen Dienstleistung an der Gegenwartsgesellschaft weiterentwickeln. Bei einigen der älteren Herren stieß dieser Gedanke auf Kritik: Die Soziologie mache sich dadurch zur Sozialpädagogik. Nicht erstaunlich, dieser Einwand, steht Soziologie als Sozioprudenz doch gegen eine grundlegende Intention, die in dieser Generation noch sehr lebendig ist: Soziologie muss als ernsthafte empirische Disziplin anerkannt werden und sich deshalb von allen Protosoziologien distanzieren. Mich dagegen fesselte die Idee. Ich hatte mich Jahre zuvor durch die französische Moralistik hindurchgelesen, Autoren wie La Rochefoucauld, LaBruyère, Vauvenargues, Montesquieu, Chamfort. Auch Teile von Pascals Pensées und Montesquieus Aphorismen zählen dazu. Auch hier war ich auf viele proto-soziologische Gedanken gestoßen, wenn etwa La Rochefoucauld in seiner Reflexion De la société überlegt, durch welche persönlichen Eigenschaften freie Geselligkeit gelingen kann: Indem der Einzelne auf seinen gesellschaftlichen Rang verzichtet, sich zurücknimmt und durch Distanz zu sich selbst die gelingende soziale Beziehung in den Vordergrund stellt. Plötzlich ging die Türe auf, ein alter Mann schlurfte herein. Er unterschied sich eigentümlich von den distinguierten Krawattenträgern im Raum: verschwitztes Flanellhemd mit aufgekrempelten Ärmeln, zerbeulte Hose, längere Haare. Als er an meinem Sitzplatz vorbeikam, kramte er aus den Plastiktüten, die er bei sich trug, zwei Äpfel heraus und legte sie auf den Tisch: »Da, habe ich am Acker aufgelesen. Bin mit dem Fahrrad gekommen. Wär schad, wenn sie verfaulen.« Er wurde freundlich begrüßt und suchte sich einen Sitzplatz: Roland Girtler, Professor für Soziologie an der Universität Wien - eines der Originale im Fach, das sich wohltuend von den üblichen Schwarz-T-Shirt-Trägern abhebt, die zwischen ihren Bildschirmen und den Szene-Kneipen pendeln und sich auf ihre Karrieren, politische Projekte und Lebensprobleme konzentrieren, nicht aber auf die Gesellschaft. Girtler - »Doktor der Philosophie, Vagabund, Feldforscher, Experte für Sandler & Sennerinnen, für Dominas & Pfarrköchinnen, für Aristokraten & Ganoven, Scholar in Gottes Weltuniversität, Universitätsprofessor«, wie auf seiner Visitenkarte steht, die er mir später in die Hand drückte - ein schlecht kopierter und schief zugeschnittener Zettel -, ist einer, der ?ins Feld geht?. Er kennt die Gesellschaft an ihren unteren wie an ihren oberen Enden. Kein Milieu ist ihm fremd, er treibt sich unter Bauern, Wilderern, Huren und Adeligen herum, auf seine ganz besondere Art kann er mit allen. Er fährt mit dem Fahrrad auf Tagungen und hält dabei die Augen offen. Er spricht jeden an, dem er begegnet. In seiner kauzigen Art verbiegt er sich keinen Zentimeter und versteht es doch, dass andere ihm ihre Geschichten erzählen und soziale Wirklichkeiten öffnen, aus denen er dann seine Bücher strickt. ?Ist Girtler nicht sozioprudent??, ging mir durch den Kopf. ?Kann er nicht genau das, was wir schon rein methodisch unseren Studierenden beibringen müssten: Ein soziales Feld scharfsichtig beobachten und kommunikativ erschließen?? Wie viele von ihnen vibrieren vor Nervosität, wenn sie nur einer Oma an der Bushaltestelle ein paar Fragen stellen müssen, und ziehen sich auf Sprechformeln zurück, sobald sie ihresgleichen vor der Mensa interviewen. Wie wenig durchschauen sie die Besonderheiten ihres eigenen Milieus, wie schwierig ist es manchmal für sie, die theoretischen Kenntnisse der Gruppensoziologie, die sie am Morgen in der Vorlesung gelernt haben, am Abend in der Wohngemeinschaft oder in der Clique anzuwenden. Mir wurde schlagartig klar: Soziologinnen und Soziologen,1 sofern sie nicht nur rechnen oder theoretisieren wollen (was anständige Beschäftigungen sind, ich möchte sie hier nicht denunzieren), sollten sich auch in verschiedenen sozialen Kontexten bewegen können, sie sollten eine scharfe Beobachtungsgabe haben, mit anderen ins Gespräch kommen, und sie sollten alles, was sie in den Vorlesungen und den Seminaren so lernen, auch in ihrem Alltag umsetzen und anwenden können. Um ein Beispiel zu geben: Wer im November in einer Vorlesung etwas über Marcel Mauss' Theorie des Gabentausches gehört hat, sollte ein paar Wochen später ganz von alleine bemerken: Aha, Weihnachten ist ja ein Fest des Gabentausches! Wie wäre es, wenn ich einmal unter diesen Gesichtspunkten beobachte, was da so alljährlich in meiner Familie vor sich geht? Ob das nun Sozialpädagogik oder Methodenkompetenz genannt wird, ist mir eigentlich egal - aber müssen wir unseren Studierenden nicht beibringen, was Roland Girtler (und viele andere) können: Soziale Wirklichkeiten kommunizierend und handelnd erschließen? In der Pause ging ich zu Joachim Fischer und schlug ihm vor, seine Idee in ein paar Modulen umzusetzen.2 Der Bologna-Prozess hatte gerade die Universitäten umgewühlt, und vielleicht bot sich hier die Möglichkeit, eine an sich idiotische Strukturvorgabe sinnvoll zu nutzen. Jahre vergingen, 2013 kam die Gelegenheit. Im Zwei-Fach-Bachelor-Studiengang an der Universität Koblenz bat die Hochschulleitung alle beteiligten Institute, kleinere Wahlfächer einzurichten, die zur Profilierung das Studium der Hauptfächer ergänzen könnten.3 Ich entwarf zwei Module. Das erste heißt Grundlagen der Sozioprudenz. Es enthält neben einer Einführung in soziologische Grundbegriffe, die für Fachfremde gedacht war, ein Seminar Klassische Texte der Sozioprudenz, in dem wir Castiglione, Machiavelli, Gracián, La Rochefoucauld, aber auch Knigge, Kleist und Wilhelm Busch lasen, und ein Seminar Theorien der Sozioprudenz, in dem soziologische Klassiker wie Plessner, Elias, Simmel, Goffman u. a. behandelt wurden, alles natürlich unter dem Gesichtspunkt: Wie werden wir durch eine solche Lektüre auch sozial klug? Im zweiten Modul Angewandte Sozioprudenz wurde es dann praktisch: Systematische Beobachtung der sozialen Umgebung im Alltagshandeln, generell Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit in sozialen Situationen, dann Kommunikationsanbahnung mit einzelnen und sozialen Gruppen. Beobachtungs- und Kommunikationsfähigkeit bilden die Grundkompetenzen der Sozioprudenz. Über solche Skills muss auch verfügen, wer qualitative empirische Sozialforschung betreibt. Sensibilität und Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber dem sozialen Geschehen kann man schulen. Es gab Sonderpreise (meist in Form von Schokoladentafeln) für diejenigen, die den Mut hatten, sich an einen normalen Dorfstammtisch zu setzen oder unter die Bundeswehroffiziere, die regelmäßig in der Mensa zu Mittag aßen. Auch die Erkundung der Motive einer gepflegten alten Dame, die jeden Abend über den Campus lief und die Pfandflaschen einsammelte, wurde zur Aufgabe. Die wenigstens hatten sie bisher überhaupt bemerkt, und einer traute sich, sie anzusprechen. Siehe da: Die alte Dame suchte eine sinnvolle Beschäftigung, und war nicht auf das Geld angewiesen, das sie damit einlösen konnte. Anders war das mit den Wohnsitzlosen, die am Morgen nach den Sommerfesten über den Campus liefen und die Bierflaschen leertranken. Auch mit ihnen gab es interessante Gespräche. Wir trainierten die Fähigkeit, nach einem Restaurant-Besuch die Personen an den Nachbartischen bemerkt zu haben und ihren Habitus skizzieren zu können. Wir wollten beobachten lernen, in welcher Situation sich die Personen befinden, denen wir flüchtig begegnen: Das ältere Paar am Nachbartisch, das sich miteinander langweilt und dies über mühsame Gespräche kaschiert, der Sitznachbar im Flix-Bus, die Freundinnengruppe, die uns auf der Treppe begegnet und eine aus ihrer Mitte tröstet. Wir versuchten, Atmosphären in sozialen Situationen systematisch beobachten und beschreiben zu lernen. Diese Schulung der Grundkompetenzen der Sozioprudenz (Beobachtung, Beschreibung, Gespräch, Konversation, Verhandlung, situationsadäquate Selbstinszenierung, Sozioexperiment als Methode etc.) werden in diesem Buch nicht behandelt. Sie sollen in einer eigenständigen Publikation als Methoden der Sozioprudenz behandelt werden. Das vorliegende Buch greift den Stoff auf, der im ersten Modul und zweiten Teil des praktischen Moduls gelehrt und in eigenen kleinen Experimenten (Sozioexperimente, auch darüber im Methodenbuch) als sozioprudente Handlung praktisch erprobt wurde. Erste Aufgabe war, einen geselligen Abend zu planen und ihn so durchzuführen, dass er für alle Beteiligten in möglichst angenehmer Erinnerung bleibt. Wir diskutierten, welchen Stellenwert das gemeinsame Essen für Geselligkeit hat (und lasen dazu noch einmal Simmels Soziologie der Mahlzeit). Wir überlegten, ob ein Abend unter Freunden besser gelingen kann, wenn man ihn durch ein Spiel regelt, oder wenn man Gesprächen freien Lauf gibt. Wir besprachen, wie man entgleiste Gespräche (politische Differenzen!) wieder ins gesellige Miteinander zurückholt und Gäste, die gerne ihre Steckenpferde reiten (Fußball, Systemtheorie, GNTM) so einfängt, dass die anderen nicht entnervt die Augen verdrehen. Wer die Musik bestimmen darf, war ebenso wichtig wie die Frage, ob man schon gemeinsam kochen sollte. Eine ernste ethische Debatte entzündete sich an der Frage, ob man Freunde belügen darf, damit der Abend besser gelingt. Fängt die Lüge nicht schon dort an, wo wir im Gespräch auch nur eine Nebenabsicht verbergen? Ja ist die Lüge nicht konstitutiv in das Handlungsprogramm des Menschen eingelassen, indem man latent andere Handlungsmöglichkeiten auf Vorrat hält und sein Tun erst später mit einem Sinn unterlegt? Interessante Fragen, sie werden in diesem Buch behandelt. Weiter ging es mit den tausend kleinen Verhandlungen, die wir im Alltag so führen, um ein soziales Problem zu lösen. Wir nannten das Alltagsdiplomatie. Wir machten kleine Planspiele, sahen uns historische Beispiele an, ermittelten, über welche Eigenschaften der perfekte Diplomat verfügen müsse. Wir überlegten, in welchem Grad bei Verhandlungen Wissen offengelegt und Wissen verborgen bleiben muss - und für wen - und lasen dazu das Geheimnis-Kapitel von Simmel. Zum Abschluss dann die Königsklasse: Wie mache ich eine gute Intrige? Wir lernten mit Peter von Matt die Elemente und den Ablauf von Intrigen kennen und gingen dann in die Planung: Intrigenziel, Intrigenhelfer, Mimikry, Ablaufschema, unvorhergesehene Ereignisse, Anagnorisis. Einige mit großen ethischen Skrupeln, andere mit einer ungeheuren Lust an der Verstellung. Die ethische Generalfrage erledigte sich schnell in der Praxis, weil die meisten Intrigen eben doch ganz nett waren und nur für Gesinnungsradikale problematisch: Überraschungspartys für Freunde oder Eltern.

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