Honigkuss

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 125 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81180-3 (ISBN)
 
"Ein Loblied auf die Lust." Al-Akhbar, Libanon
"Es gibt Menschen, die Geister beschwören - ich beschwöre Körper. Ich weiß nichts über meine Seele, nichts über die Seelen anderer, aber ich kenne meinen Körper und den der anderen. Das genügt mir ." Sie stammt aus Damaskus, arbeitet als Bibliothekarin in Paris und hütet sorgsam das Geheimnis ihrer sexuellen Eskapaden. Mit ihren Liebhabern lebt sie die wollüstigen Darstellungen der arabischen Erotikklassiker nach. Da sie verheiratet ist, droht für diese Abenteuer nach islamischem Recht das Gefängnis. Erst als sie zu einem Kongress über verbotene Bücher eingeladen wird, findet sie Gelegenheit, von ihrem verborgenen Leben zu erzählen - dem Liebesleben einer arabischen Frau, die begierig ist auf Männer, Sex und Geschichten.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,98 MB
978-3-455-81180-3 (9783455811803)
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2. Kapitel Über den Denker und meine Geschichte


Der Denker ist eine Geschichte für sich.

Ich teile mein Leben in zwei Zeitalter ein: V.D. und N.D. – die Zeit vor dem Denker und die Zeit nach dem Denker.

Wenn ich bei ihm eintraf, war ich bereits feucht. Ich brauchte nur an ihn zu denken, da glühte mein Körper.

Der Denker kam aus dem Staunen nicht heraus. Er sagte: »Wie kann das sein, dass du ständig erregt bist? Ich habe dich noch nie anders erlebt als bereit für die Liebe.«

Ich lächelte nur. Und hielt es für überflüssig, ihm zu erklären, dass er es war, der mein Blut in Wallung brachte. Stattdessen presste ich mich an ihn, und er konnte sich selbst davon überzeugen, dass er die Antwort bereits kannte.

Eines Abends in der Metro. Ich saß da, mit den Gedanken ganz woanders, und ließ unser Beisammensein in allen Einzelheiten Revue passieren. Plötzlich spürte ich, wie der Mann, der mir gegenübersaß, mich anstarrte. Sein Ausdruck machte mir klar, dass er meine Gedanken las. Man hätte meinen können, er wäre in die Betrachtung eines Pornofilms vertieft.

Da rief ich mir eine andere Episode in Erinnerung. Ich saß mit dem Denker in einem Café und bemühte mich, meine Lust nicht zu zeigen. Er sagte: »Ich bin noch nie einer Frau begegnet, deren Gesicht so deutlich ihre Erregung verrät.«

Kaum war ich bei ihm, schob er seinen Finger zwischen meine Beine, um den »Honig« zu kosten. Und wenn er mich dann küsste, drang seine Zunge tief in meinen Mund ein. »Es gefällt mir«, sagte ich, »dass du die Gebote des Propheten befolgst.« Wie heißt es bei ihm? Keiner von euch soll über seine Gattin wie ein Stück Vieh herfallen. Lasst den Kuss und das Gespräch euer Mittler sein. Und Aischa, die Lieblingsfrau des Propheten, sagte: Wenn der Gesandte Gottes eine von uns Frauen küsste, sog er an ihrer Zunge.

Bin ich nicht die rechtmäßige Tochter eines solchen Erbes? Daran wollte ich auch den Denker gemahnen. Dabei hatte er es nicht nötig, an sein Erbe erinnert zu werden – in solchen Dingen war er ein mustergültiger Muslim. So wie ich eine mustergültige Muslima war.

Morgens vor der Arbeit ging ich zu ihm. Ich stürzte die Treppe hinauf, und noch ehe ich den Finger von der Klingel genommen hatte, öffnete er die Tür, als hätte er, obwohl er noch im Halbschlaf war, dahinter gestanden und auf mich gewartet. Ich riss mir die Sachen herunter und stieg zwischen die Laken. Ich zog ihn in meine Arme und sog seinen Duft ein. Er hob die Decke an und glitt mit der Hand ganz sacht an meinem Körper hinab. Mit genüsslicher Bedächtigkeit kostete er meinen Honig, während meine Lippen seinen Körper gründlich erkundeten. Meine Augen öffneten sich im Gleichklang mit meinem Körper. Zwischen der Hast meiner Gier und der Bedächtigkeit seines Genießens fanden wir unseren Rhythmus. Die Zeit verging, und wir konnten nicht voneinander lassen. Es gab kein Halten. Unter ihm, auf ihm, neben ihm, auf dem Bauch, auf den Knien. Ehe wir die Stellung wechselten, sagte er stets: »Ich habe eine Idee.« Die Ideen gingen ihm nie aus. Und ich, die die Philosophie so liebt, nannte ihn deshalb: »der Denker«.

Der Denker ist eine Geschichte für sich.

Ich habe mein Leben in zwei Zeitalter eingeteilt: V.D. und N.D. – vor dem Denker und nach dem Denker.

Vor dem Denker lag die Zeit der Unwissenheit.

Das soll nicht heißen, dass ich an Seele und Leib jungfräulich gewesen wäre. Weder das eine noch das andere. Ich war nicht so ahnungslos wie Eva. Als Adam zum ersten Mal mit ihr schlief, fragte sie: »Was ist das?« Er antwortete: »Man nennt es Vögeln.« – »Oh«, hauchte sie, »mach weiter, es tut gut.«

Trotz aller heimlich und nicht heimlich gelesenen Bücher und praktischen Erfahrungen war ich, was Wollust betraf, nur halb gebildet. Anders gesagt, ich ahnte mehr als ich wusste, was das sein könnte. Als hätte ich ein unscharfes Foto vor mir. Dann kam der Denker und verlieh den Details Konturen. Der Scheinwerfer ging an, und die Linien und Farben traten klar hervor. Ich spielte keine Rolle mehr, ich wurde ich selbst.

V.D. – dunkle Vorzeit?

Damals traf ich mich mit den Männern, die mir gefielen und denen ich gefiel. Ich wusste, worauf ich aus war; was sie wollten, kümmerte mich nicht. Ich war ein Buch, dessen Seiten immer wieder überschrieben wurden, dessen Zeilen und Wörter sich ineinanderballten, ohne dass je etwas gelöscht wurde. Zum Schluss lag ein vertracktes Gekritzel vor mir, dessen Symbole niemand verstand, nicht einmal ich. Ein Buch, dessen Schrift kodiert war. Der Denker kam, warf Licht darauf und gab den Zeichen einen Sinn. Er wollte nicht herausfinden, was vor ihm gewesen war, sondern gab mir den Schlüssel, mit dem ich das Palimpsest meines Lebens entziffern konnte.

N.D. – das war das Zeitalter meiner sexuellen Renaissance. Alles, was ich nach dem Denker mit anderen Männern erlebte, war in die Farben seiner Geschichte getaucht.

Sie hatte nichts mit Sättigung zu tun.

Vor der Zeit mit ihm war ich immer satt und zufrieden gewesen, und das sah man mir an. Als sich eine Freundin beschwerte, bei einer Fernsehshow habe eine Lesbe mit ihr geflirtet, sagte ich: »Bei mir hat das noch nie eine versucht.«

Der lakonische Kommentar des Weltenbummlers lautete: »Kein Wunder, dir haftet der Duft der Männer an, und das hält die Lesben ab.«

Der Denker verstand es auf Anhieb. »Bis jetzt«, sagte er, »hast du dich mit Fastfood begnügt, mit mir wirst du die Haute Cuisine kennenlernen.«

Hatte er recht?

Schon möglich.

Er sagte: »Es gibt zwei Arten von Frauen. Die eine Art erfrischt einen wie Lattich, die andere Art verbrennt einen wie Feuer.«

»Und ich? Wozu gehöre ich?«, fragte ich.

Er antwortete nicht, sondern zog mich an sich. Ich erwiderte das Drängen seines Körpers, während er meine Augen und Lippen küsste und ich seinen Speichel kostete. Er fuhr mit der Hand über meinen Bauch, ich spreizte die Beine, und er drang tief in mich ein, um mit mir zu verbrennen. Ich hatte ihn fragen wollen: Und wie viele Arten von Männern gibt es? Aber die Wollust ließ mich alle Fragen vergessen.

 

Von Anfang an fanden wir unseren Rhythmus. Es gab kein Aneinander-Herantasten und kein Zögern. Er war verwundert und bekundete sein Erstaunen. Ich hingegen hatte keine Zeit zum Reden. Meine Worte hob ich mir für später auf, für den höchsten Genuss. Ich schwieg, schmiegte mich an ihn, barg das Gesicht in seiner Achselhöhle und sog tief seinen Duft ein.

Der Nutzen des Geschlechtsverkehrs ist erstens die Befriedigung der Lust, zweitens der damit verbundene Genuss und drittens die heilende Wirkung.

Wenn wir uns an der Tür verabschiedeten, gelang es uns nicht, uns zu trennen. Er küsste mich, küsste mich immer wieder, und ich konnte nicht von ihm lassen. Ich knie vor ihm nieder, beuge mich vor und reibe das Gesicht an seinem Schritt. Ich will, dass er mir den Mund füllt. Mein Verlangen erstickt mich nahezu. Als er kommt, sauge ich gierig bis zum letzten Tropfen. Dann schaue ich auf, um in sein von Begierde gepeinigtes Gesicht zu blicken. Er hat den Kopf in den Nacken gelegt, seine Hände ruhen auf meinem Haar. Ja, jetzt kann ich zurückkehren in die Welt – erleuchtet von seinem Geschmack: von sämigem Weiß, süß, berauschend wie das Aroma des Kampfers. Wie es in den Büchern steht.

»Wie schön du bist«, sagte er zu mir, und wenn wir uns ein Weilchen nicht gesehen hatten, flüsterte er, als sei er schockiert: »Du bist noch schöner geworden. Strohwitwe zu sein bekommt dir.« Ich fühlte mich nicht als Strohwitwe, wenn er abwesend war. Ich lächelte und war versucht, Garance aus dem Film Kinder des Olymp zu zitieren: »Ich bin nicht schön, ich bin einfach nur lebendig.« Und obwohl ich schwieg, verstand er mein schweigendes Lächeln.

Er umschloss mein Handgelenk mit zwei Fingern und sagte: »Das hier fällt mir stets ein, wenn ich an dich denke: Auf und zu. Auf und zu.« Und während er sprach, schlossen und öffneten sich seine Finger rhythmisch, während er den Druck erhöhte. »Keine andere Frau macht das so wie du.« Mit ihm gab es immer wieder etwas zu entdecken. Alles war neu für mich. »Nussknacker« nannte er das, was er mit den Fingern um mein Handgelenk beschrieb, und ich musste den Begriff sofort im Lexikon der Erotik nachschlagen.

Noch lange nachdem er sich aus mir zurückgezogen hatte, pulsierte mein Körper, als hätte ich ihn noch in mir. Ich sehnte den Augenblick herbei, in dem ich mich aus der Gesellschaft anderer entfernen und die Augen schließen konnte, um mich von Neuem von ihm erfüllen zu lassen. Doch das behielt ich für mich.

Er sagte zu mir: »Du redest nicht viel.« Wieder lächelte ich nur. Ich redete mit mir selbst. Ich hatte mir angewöhnt, mit mir selbst zu reden. Auch wenn er bei mir war?

Er schloss die Augen und ließ Bilder aufsteigen. Er sagte: »Ich sehe die Furche auf dem Rücken vor mir, die bei den tiefen Grübchen endet, dort, wo sich unterhalb der Taille der Po zu runden beginnt. Und unter der Wölbung liegt die Seidenstraße. Kennst du sie?«

»Wie soll ich aus meinem Blickwinkel sehen, was du siehst?«, fragte ich amüsiert.

»Nächstes Mal nehme ich eine Kamera, dann kannst du es ebenfalls sehen«, erwiderte er.

Eines Tages, als er nach einer längeren Abwesenheit zurückkehrte, fragte er mich: »Denkst du an mich, wenn wir uns nicht sehen?« Ich bejahte die Frage, und er sagte: »Dann ist es Liebe.« Ich schwieg.

Es war dem Denker unmöglich, neben mir zu gehen und nicht meinen Po zu streicheln. Manchmal schob er seine Hand unter mein...

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