Der Weg des Falken

 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Februar 2013
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81103-2 (ISBN)
 
Auf den Spuren des Jungen Tor Baz - des schwarzen Falken - führt Jamil Ahmad den Leser durch eine archaische Welt. Er erzählt aus der Grenzregion zwischen Pakistan, Afghanistan und Iran, von berückenden Landschaften, von Stammesriten und dem Kampf ums Überleben, aber auch von Weisheit, Mitgefühl und Liebe.

Das Schicksal von Tor Baz steht unter einem schlechten Stern. Seine Eltern haben die Stammesregeln verletzt, waren jahrelang auf der Flucht und werden schließlich doch von ihren Angehörigen aufgespürt und erbarmungslos gerichtet. Den Sohn lässt man allein in der Wüste zurück. Zwar überlebt Tor Baz, doch sein Leben entpuppt sich als einzige Odyssee. Mal steht er unter der Obhut eines Soldaten, dann ist er Begleiter und Lehrling eines wandernden Mullahs, schließlich Ersatzsohn eines Paares, dessen eigener Sohn auf zweifelhafte Weise zu Tode kam. Tor Baz erlebt Stammeszwiste und Mädchenhandel, er begegnet Rebellen und Militärs, aber auch ganz normalen Männern und Frauen, die alles geben würden, um ihre traditionelle Lebensweise zu bewahren. Die jedoch beginnt sich vor ihren eigenen Augen aufzulösen.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,57 MB
978-3-455-81103-2 (9783455811032)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jamil Ahmad wurde 1933 in Jalandhar, Indien, geboren. Als pakistanischer Staatsbeamter arbeitete er vor allem in der Frontier Province und Belutschistan. Später war er Vorsitzender der Tribal Development Corporation. 1979, während der sowjetischen Invasion in Afghanistan, war er als Minister in der pakistanischen Botschaft in Kabul tätig. Sein Debüt Der Weg des Falken, wurde erst dreißig Jahre nach seiner Entstehung veröffentlicht. In der Zeitschrift GRANTA erschien ein Teilabdruck. Ahmad lebt mit seiner deutschen Frau in Islamabad. Der Weg des Falken war nominiert für die Shortlist des Man Asian Literary Prize sowie die des Commonwealth Prize.

Die Sünden der Mutter


In der Wirrnis von zerbröckelnden, schartigen und verwitterten Hügeln, in der sich die Grenzen des Irans, Pakistans und Afghanistans berühren, befindet sich ein militärischer Stützpunkt mit etwa vierzig Soldaten Besatzung.

Einsam, wie alle solche Außenposten, ist dieser eine besonders furchterregend. Über Kilometer hinweg keine menschliche Behausung und keinerlei Vegetation, abgesehen von ein paar verkümmerten, unfruchtbaren Dattelpalmen, die sich wie irr aneinanderlehnen, und kein Wasser, außer einem Rinnsal zwischen salzverkrusteten Felsen, das zuzeiten, wie aus bösem Willen, ebenfalls austrocknet.

Doch die Natur hat sich damit nicht begnügt. In diesem Landstrich hat sie außerdem den gefürchteten bad-e-sad-o-bist-roz erschaffen, den Hundertzwanzig-Tage-Wind. Dieser Wind wütet während der vier Wintermonate und treibt dabei fast ununterbrochen Wolken von Sand und alkalischem Staub vor sich her, die so dicht sind, dass Menschen, die in sie geraten, kaum noch atmen oder die Augen offen halten können.

Es war nur natürlich, dass einige Männer, nachdem sie zu lang einer solchen Öde und Einsamkeit ausgesetzt waren, den Verstand verloren. Daher hatte sich mit der Zeit die Praxis eingebürgert, keinen Soldaten zwei aufeinanderfolgende Jahre auf diesem Posten zu belassen, damit niemand länger als hundertzwanzig Tage lang die verheerende Wirkung des Sturms ertragen musste.

Es herrschte gerade eine dieser kurzen windstillen Perioden, als der Mann und die Frau auf diesen zwischen den Senken der Hügel versteckten Stützpunkt stießen. Der Wind hatte drei Tage lang mit besinnungsloser Heftigkeit gewütet, und hätte seine Gewalt nicht plötzlich nachgelassen, wären die beiden an dem Posten, und damit an der einzigen Wasserquelle weit und breit, ahnungslos vorübergezogen. Tatsächlich hatten sie sich bereits darauf gefasst gemacht, durch die nahende Nacht weiterzuwandern, als der undurchdringliche Vorhang von Staub und Sand sich hob und das Fort mit seinen trostlosen Dattelpalmen offenbarte.

Die Soldaten, die während des Sturms aneinandergedrängt hinter geschlossenen Läden gekauert hatten, waren ins Freie gekommen, sobald der Himmel sich aufgehellt hatte. Matt und entmutigt nach drei Tagen und Nächten in lichtlosen, stickigen und übelriechenden Quartieren, gingen sie jetzt umher, säuberten sich und sogen gierig frische Luft ein. Sie mussten diese kurze Ruhepause ausnutzen, ehe der Wind wieder aufkam.

Ein paar Männer bemerkten die zwei Gestalten und ihr Kamel, als sie den Höhenkamm erreichten und langsam und zögernd auf das Fort zuhielten. Beide wankten, während sie näher kamen. Die – wie die des Mannes ursprünglich schwarze – Kleidung der Frau war grau vor Staub und Sand, und Grate von verkrustetem Schlamm stachen scharf aus den Falten hervor, in die der Schweiß gesickert war. Selbst die liebevoll auf das Kleid der Frau und die Kappe des Mannes aufgenähten Scheibchen von Spiegelglas wirkten glanzlos und blass.

Die Frau war von Kopf bis Fuß in Kleidungsstücke gehüllt, doch während sie näher kam, glitt ihre Kopfbedeckung herunter, sodass die zuschauenden Soldaten ihr Gesicht sahen. Sie unternahm einen halbherzigen Versuch, das Tuch wieder hinaufzuziehen, war aber offensichtlich zu erschöpft, um es wirklich wichtig zu nehmen, und konzentrierte ihre verbleibende Energie darauf, Schritt für Schritt auf die Gruppe von Männern zuzugehen.

Als der Schleier vom Gesicht der Frau glitt, wandten sich die meisten Soldaten ab, doch jene, die das nicht taten, sahen, dass sie kaum mehr als ein Kind war. Auch wenn das Aussehen ihres Begleiters nichts preisgab, so verrieten ihre geröteten, geschwollenen Augen, ihr verfilztes Haar und ihr unirdischer Gesichtsausdruck, was die beiden durchgemacht haben mussten.

Der Mann bedeutete der Frau, stehen zu bleiben, und ging allein weiter auf den subedar zu, der das Kommando über das Fort innehatte. Er hielt den Lauf eines alten, rostigen Gewehrs, das ihm über den Rücken hing, krampfhaft umklammert. Er hatte keine Zeit für Formalitäten.

»Wasser«, sagte seine heisere Stimme aus rissigen und blutenden Lippen, »wir haben kein Wasser mehr, gebt uns etwas Wasser.« Der subedar deutete wortlos auf einen halbleeren Eimer, aus dem die Soldaten getrunken hatten. Der Mann hob den Eimer auf und ging zurück zur Frau, die jetzt auf dem Boden kauerte.

Er stützte ihren Kopf in seiner Armbeuge, befeuchtete das Ende ihres Schals im Eimer und drückte ein paar Tropfen Wasser auf ihr Gesicht. Zärtlich und ohne Scham ob der vielen Augen, die ihn beobachteten, wischte er ihr das Gesicht mit dem feuchten Tuch ab, während sie in seinem Arm lag.

Ein junger Soldat lachte meckernd, verstummte aber augenblicklich, als sich die Augen seines Vorgesetzten und seiner Kameraden böse auf ihn richteten.

Nachdem er ihr Gesicht gereinigt hatte, schöpfte der Belutsche mit der rechten Hand etwas Wasser und spritzte ihr ein paar Tröpfchen auf die Lippen. Als sie Wasser spürte, fing sie an, wie ein Tierjunges an seiner Hand und seinen Fingern zu saugen. Urplötzlich warf sie sich auf den Eimer, steckte den Kopf hinein und trank mit langen keuchenden Geräuschen, bis sie sich verschluckte. Da schob der Mann sie geduldig zurück, trank selbst ein wenig und trug den Eimer zum Kamel, das ihn in einem einzigen Zug leer soff.

Der Mann trug den leeren Eimer zum Grüppchen von Soldaten zurück, setzte ihn ab und stand schweigend und regungslos da.

Endlich sprach der subedar. »Wir haben dir Wasser gegeben. Wünschst du sonst noch etwas?«

In dem Mann schien sich ein innerer Kampf abzuspielen, und nach einer gewissen Zeit erwiderte er sehr widerwillig den Blick des subedars. »Ja, ich wünsche Zuflucht für uns beide. Wir sind Siahpads aus Killa Kurd und auf der Flucht vor ihrer Familie. Wir waren drei Tage im Sturm unterwegs, und weiterzuziehen wäre sicherlich …«

»Zuflucht«, unterbrach der subedar schroff, »kann ich nicht bieten. Ich kenne eure Gesetze gut, und weder ich noch einer meiner Männer wird sich zwischen einen Mann und das Gesetz seines Stammes stellen.«

Er wiederholte: »Zuflucht können wir dir nicht gewähren.«

Der Mann biss sich auf die Lippe vor innerer Qual. Durch seine Bitte um Zuflucht hatte er sich selbst erniedrigt. Er hatte seine Ehre aufs Spiel gesetzt, indem er angeboten hatte, sein Dasein als hamsaya zu verbringen, als einer, der im Schatten und unter dem Schutz eines anderen lebt. Er wandte sich wie zum Gehen, begriff aber, dass er keine andere Wahl hatte, als sich noch weiter herabzuwürdigen.

Wieder sah er dem subedar ins Gesicht. »Ich akzeptiere die Antwort«, sagte er. »Ich werde nicht um Zuflucht bitten. Kann ich für ein paar Tage Essen und Obdach haben?«

»Das können wir dir gewähren.« Der subedar beeilte sich, seine vorherige Härte wiedergutzumachen. »Obdach ist dir gewiss. Solange du es wünschst, solange du bleiben möchtest.«

In einiger Entfernung vom Fort gab es eine lange Reihe von Unterkünften. Sie waren während des Ersten Weltkriegs errichtet worden, als die Mannschaftsstärke dieses Forts für kurze Zeit fast auf das Hundertfache angestiegen war. Kaum war der Bau vollendet gewesen, hatte sich Sand an den Wänden angelagert. Langsam und unablässig war er höher und höher gestiegen und hatte, da ihn niemand wegräumte, nach wenigen Jahren die Höhe der Dächer erreicht. Im Lauf der Zeit hatten die meisten Wände und Decken unter seinem krümelnden Druck nachgegeben. Jetzt, fast fünfzig Jahre nach ihrer Errichtung, waren diese Unterkünfte von Sandhaufen besetzt. Dennoch gab es einige wenige Räume, die noch nicht eingestürzt waren.

In einem davon gewährte man Gul Bibi und ihrem Geliebten Obdach. Ein paar Tage lang rührte sich das Paar kaum aus seiner kleinen Kammer. Die einzigen Lebenszeichen waren die sich öffnenden und schließenden Fensterläden, wenn der Wind nachließ oder erstarkte oder wenn die Soldaten Essen zur Hütte brachten. Eine Weile nachdem das Essen an der Türschwelle abgestellt worden war, öffnete sich die Tür verstohlen, und der Blechteller wurde hineingezogen, um eine Weile später wieder hinausgeschoben zu werden.

Als die Tage verstrichen, gewann das Paar offenbar an Mut. Wenn der Mann herauskam, um nach seinem Kamel zu sehen, ließen sie die Tür manchmal offen. Eines Tages kam dann auch die Frau heraus, um aus Dornensträuchern einen Besen zu binden, mit dem sie den Raum auskehren könnte. Nach einer kurzen Zeit der Untätigkeit fing der Mann aus eigenem Antrieb an, mit seinem Kamel Wasser für die Soldaten zu holen. Zweimal am Tag belud er das Tier mit Wasserschläuchen und suchte die Quelle auf. Einmal brachte er als Geschenk ein paar Körbe zum Fort, die das Mädchen aus Dattelpalmenblättern geflochten hatte. »Darin könnt ihr euer Brot aufbewahren«, erklärte er den Soldaten. Und diesem Muster folgte das Leben, während die Zeit verging. Aus Tagen wurden Wochen und aus Wochen Monate. Der Winter wich dem Sommer. Einige Soldaten verließen das Fort, als ihre Dienstzeit endete. Andere kamen an, um ihren turnusmäßigen Dienst an diesem Stützpunkt abzuleisten.

Bei jeder – selbst noch so unbedeutenden – Veränderung schien sich das Paar für eine Weile zurückzuziehen. Sie wagten sich kaum nach draußen, und alle Läden blieben geschlossen. Dann, nach einer gewissen Zeit, kamen sie vorsichtig heraus und passten sich langsam der Veränderung an. In diesem Zustand erinnerten sie die Soldaten an kleine furchtsame Wüstenechsen, die beim geringsten Anzeichen von Gefahr Hals über Kopf in ihre Schlupflöcher...

»Beeindruckendes
Debüt.«
 
»Jamil Ahmads meisterhafter Erzählungsreigen. Seine Geschichten leben aber von einer herzerwärmenden Poesie.«
 
»Eins der Bücher, die den Leser mit den ersten drei Sätzen in der Tasche haben. Jamil Ahmad hat sich mit Der Weg des Falken in die literarische Topografie Südasiens eingeschrieben.«
 
»Manchmal erscheinen Bücher, die blinde Flecken ausfüllen, ungehörte Töne erklingen lassen, mit Farbe ausmalen, wo Anschauung fehlte. Ein solches Buch ist Der Weg des Falken.«
 
»Jamil Ahmad macht mit seinem Debütband eine hochbrisante, aber kaum bekannte Krisenregion der Welt literaturfähig.«
 
»Ahmad verknüpft die einzelnen Geschichten zu einer großen Erzählung über eine entschwundene Welt.«
 
»Jamil Ahmads eindrucksvoller
Roman [.] ein phantastisches Erstlingswerk.«
 
»In einer wunderbaren, nie
gehörten Sprache [...] leichthändig verknüpft er die Erzählung zum grandiosen
Paroma einer archaischen Welt.«
 
»Aus der Kargheit dieser
Lebenswelten steigt eine strenge Poesie auf, der sich der Leser kaum entziehen
kann.«

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

11,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen