Blumen im Feuer

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. Januar 2018
  • |
  • 176 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7460-2324-3 (ISBN)
 
Der harmonische Alltag der Familie Breglia in der paraguayischen Hauptstadt Asunción wird eines Tages unterbrochen durch einen schwerkranken Jungen, der an der Tür um Essen bettelt. Beim Versuch, ihn und seine Familie zu unterstützen, treffen die Breglias auf immer mehr Kinder und Jugendliche, die dem Crack verfallen sind. Die Familie beschließt zu helfen und den Spuren des sich immer weiter verbreitenden Drogenhandels in ihrer Nachbarschaft nachzugehen. Dabei stoßen sie auf unheimliche Zusammenhänge mit den skrupellosen Erben der engsten Vertrauten von Diktator Stroessner ...
Ein spannender Querschnitt durch das tägliche Leben der verschiedenen paraguayischen Gesellschaftsschichten, und am Ende bleibt die Einsicht: Man sieht sich immer zweimal im Leben.
2. Auflage
  • Deutsch
  • 0,43 MB
978-3-7460-2324-3 (9783746023243)
3746023246 (3746023246)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Nelson Aguilera wurde 1961 in Asunción (Paraguay) geboren und arbeitet dort als Schriftsteller, Theaterdarsteller und Lehrer. Bislang hat er 48 Bücher veröffentlicht, darunter Romane, Gedichte, Kinderbücher und Sachbücher.
Schon früh interessierte er sich für Literatur und Theater. Aus einfachen Verhältnissen stammend, erhielt er dank der Unterstützung eines Mentors die Möglichkeit, auf eine sehr gute deutsche Schule in Asunción gehen zu können. Später studierte er Englisch an der nationalen Universität von Asunción und erhielt ein Stipendium für ein Masterstudium in Literaturdidaktik an der Universität Strathclyde in Glasgow.
Schon früh träumte Aguilera davon, eines Tages seine Bücher in Deutschland bzw. Europa vorstellen zu können. "Blumen im Feuer" ist ein Anfang zur Erfüllung dieses Traums.
1 Blumen in Flammen

Die glühende Novembersonne schien unbarmherzig auf Esperanzas Garten. Seit Wochen war keine Wolke am Himmel zu sehen. Die Blätter an den Bäumen waren versengt, das Gras verdorrt, die Blütenblätter der Blumen papierdünn und trocken wie Zunder. Alle Mühe, sie mit der Gießkanne hier und da zum Leben zu erwecken, war vergebens. Es herrschte extrem heißes Sommerwetter. Jeden Tag stieg die Temperatur auf über vierzig Grad, nachts kühlte es sich kaum ab. Abends ging die Sonne in einem blutroten Spektakel unter und gönnte den Bewohnern der glutheißen Stadt Asunción einen Moment des Aufatmens. Viele wiederholten die immergleichen Sprüche, während sie sich mit Palmblattfächern Luft zuwedelten oder vor dem Ventilator oder der Klimaanlage nach etwas Erfrischung suchten: "Was für eine Hitze! Wie lange bleibt es noch so höllisch heiß? Ach wenn doch nur bald der Winter käme! Jetzt reicht es aber! Wann regnet es denn endlich einmal? Wir Paraguayer wohnen in einem Kochtopf! Es ist viel zu heiß!" Andere wiederum versuchten, die Leidenden und Schwitzenden mit Worten zu trösten: "So ist es hier nun einmal, mein Freund! Was sollen wir machen, das ist nun mal unser Klima! Wenn dir die Wärme nicht passt, kannst du ja nach Feuerland ziehen." Doch ein Paraguayer liebt sein Land trotz der Hitze und der Tatsache, dass er sechs Monate des Jahres vor Schweiß trieft. Der Paraguayer liebt sein Land trotz allem.

Jeden Tag kämpfte Esperanza um das Leben ihrer Orchideen in den Blumentöpfen, ihrer Rosen, Lilien, Azaleen und Margeriten in den rustikalen Tonkrügen. Doch nach und nach verdorrten die Blumen immer mehr, sie welkten und kränkelten und schienen keinen Gefallen mehr am Leben zu finden.

Eines Nachmittags während ihrer Siesta hörte sie den verzweifelten Schrei ihrer Tochter: "Mama! Mama! Deine Blumen brennen, deine Blumen haben Feuer gefangen! Mama!" Sie sprang auf, öffnete hastig das Fenster zum Garten und sah, wie die Flammen langsam die vertrockneten Blütenblätter verzehrten.

"Wie seltsam!", sagte sie zu ihrer Tochter. "Wie konnte das passieren?"

Das Mädchen antwortete:

"Ich lag in der Hängematte mit meinem Tereré, auf einmal hörte ich, wie die Blätter knisterten, dann habe ich geguckt und gesehen, wie die Sonnenstrahlen auf die Blüten schienen, bis eine kleine Flamme gekommen ist, die langsam größer wurde, da habe ich dich gerufen."

Beide sahen zu, wie die Flammen nach den Blütendolden und Blumen züngelten und sich ausdehnten, bis nur noch ein Häufchen Asche übrigblieb. Als sie sahen, dass das Feuer sich in den Baumkronen auszubreiten drohte, befahl die Mutter ihrer Tochter Aramí, mit dem Wasser für die Hunde, das in zwei Eimern bereitstand, den Brand zu löschen. Das Mädchen gehorchte und die Mutter verfolgte gebannt das traurige, äscherne Ende ihrer schönen Blumen.

An der Haustür klingelte es mehrmals. Der Lehrer Cristóbal seufzte, nahm die Brille ab und legte den roten Stift beiseite, mit dem er gerade Klassenarbeiten korrigierte. Er ging zur Tür, hob den kleinen Vorhang im Fenster und sah am Tor einen dunkelhäutigen jungen Mann, kaum zwanzig Jahre alt. Er war dünn und ungepflegt, seine Bermudashorts schlotterten ihm um die blassen Beine. Sein T-Shirt hing ihm ebenfalls lang herunter und gab den Blick auf die Schlüsselbeine frei, die weit aus seinem klapperdürren, fast leichenhaften Körper hervorstachen. Seine schmutzigen Füße steckten in Flipflops, und von seiner Stirn floss ein klebriger, dunkler Schweiß. Die Wangen bestanden nur aus Knochen, die die Augenhöhlen umgaben, in denen zwei düstere Funken glommen und ihn trübe anblickten. Der Lehrer öffnete die Tür und näherte sich ihm. Er schaute ihn an und fühlte großes Mitleid. "Was ist los?", fragte er, und der Junge antwortete:

"Guter Mann, hast du nicht etwas zu essen oder irgendetwas zum Anziehen oder Schuhe, die du nicht mehr brauchst? Ich habe Tuberkulose und wohne bei meiner Oma, die ist schon sehr alt und wir haben Hunger, und keiner will mir Arbeit geben wegen meiner Krankheit."

Cristóbal hatte Mitgefühl für seine kurze Geschichte und holte schnell ein paar Brötchen und eine Tüte Milch. Er reichte ihm die Lebensmittel aus einiger Entfernung, aus Angst, sich mit dem Bazillus anzustecken, und fragte, ob er sich denn im Max-Boettner-Krankenhaus behandeln ließe, ob er sein Essgeschirr getrennt halte und genug Milch trinke. Der Junge bejahte, bedankte sich für die Gaben, senkte den Kopf und verschwand langsam in der Abenddämmerung. Der Lehrer blieb nachdenklich zurück und beobachtete, wie die Schritte des elenden Jungen sich in Richtung der unteren Häuserblöcke von Zeballos Cué verloren. Die Stimme seiner Tochter Aramí holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. "Papa! Das Abendessen ist fertig." - "Ich komme", antwortete er. Er ging ins Bad, wusch sich die Hände ein ums andere Mal, benutzte Desinfektionsgel, trocknete sich ab und setzte sich an den Tisch. Esperanza und seine Töchter lächelten ihn an und zeigten, was sie gekocht hatten: Buntbarsch in Knoblauchsauce. Cristóbal lächelte dankbar zurück, nahm das Besteck und begann, seiner Familie die Geschichte des Jungen zu erzählen, den er gerade am Tor getroffen hatte.

"Du musst aufpassen, dass du dich nicht ansteckst, Lieber", warnte ihn seine Frau.

"Tuberkulose, in unserer Zeit?", fragte Dalia überrascht.

"Ja, es gibt viele Leute mit Tuberkulose in Paraguay, und das Schlimme ist, dass sie sich nicht einmal behandeln lassen. Du kannst jederzeit neben jemandem im Bus sitzen, der krank ist, und dich anstecken, und merkst es nicht einmal, dass du den Bazillus bekommen hast", erklärte Jazmín.

"Gut, lassen wir das mit den Krankheiten und genießen wir lieber den Fisch, den wir extra für dich gebraten haben, Papa", riet Aramí.

Alle lachten, Esperanza sprach das Tischgebet, und sie begannen zu essen. Cristóbal fühlte sich wie ein König, wie er so im Kreis seiner drei schönen Töchter saß, alle hübsch und noch ledig, und seiner tüchtigen Frau, die für ihre Frömmigkeit im ganzen Viertel bekannt war. Dalia war zweiundzwanzig und stand kurz vor dem Abschluss ihrer Krankenschwesterausbildung, Aramí einundzwanzig und bald mit ihrem Studium der Betriebswirtschaft fertig, während Jazmín, die Jüngste, gerade die Schule beendete. Ihr Traum war es, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und Lehrerin zu werden. Die Idee, mit Kindern zu arbeiten, begeisterte sie. Sie stellte sich vor, wie sie das paraguayische Bildungssystem umwälzen würde. Sie hasste es zu sehen, wie die Kinder stundenlang öde Lektionen von der Tafel abschrieben oder endlose Texte ohne jeden Sinn aus den Büchern in ihre Hefte übertrugen. Das war, als trüge man Leichen von einem Grab ins andere. Der Gedanke, dass die Lehrerinnen im Lehrerzimmer tratschten, während auf dem Schulhof gerade das Recht des Stärkeren gegen die Schwächeren durchgesetzt wurde, war für sie unerträglich. Schlimmer noch, dass die Lehrerinnen während des Unterrichts sich die Nägel lackierten oder nach mehr und mehr Lohn riefen, obwohl die Wissenslücken der Kinder von ihrer scheußlich schlechten Arbeit zeugten und sie nach der sechsten Klasse nicht einmal ordentlich lesen, schreiben und rechnen konnten. Sie war auch besorgt darüber, dass sich der Drogenhandel langsam, aber sicher in den Schulen ausbreitete und niemand irgendetwas tat, um zu verhindern, dass diese Geißel das Leben von immer mehr Kindern und Jugendlichen in Paraguay zerstörte.

Am Ende des Abendessens gab es einen Nachtisch aus Früchten mit Zucker. Sie sprachen über die Geschehnisse des Tages, die drückende Hitze, die letzten Lektionen, Prüfungen, arrogante Lehrer, die letzten Nachrichten und die Neuigkeiten über die Absicht, Marihuana zu legalisieren.

"Diese Abgeordneten sind doch alle verrückt!", protestierte Esperanza.

"Aber Mama, das hilft doch, damit die Leute nicht mehr ins Gefängnis kommen, bloß weil sie einen Joint geraucht haben", erklärte Aramí.

"Ich glaube, das steigert nicht nur den Konsum von Marihuana, sondern auch von anderen Drogen. Diese Redner und Politiker sind selber süchtig und wollen, dass alle ihre Laster akzeptieren", behauptete Cristóbal.

So ging die Diskussion eine Weile weiter. Esperanza sagte, wenn man dem Teufel das Fenster öffnet, nutzt er das aus, um dann die ganze Tür einzutreten und zu rauben, zu töten, zu zerstören. Dalia, die gerade ihr Praktikum im Suchtzentrum absolvierte, fand, dass ihre Mutter übertrieb; Jazmín stimmte mit ihrer Schwester überein. Sie fand es normal, dass die Erwachsenen andere Meinungen hatten als die junge Generation. Nach vielem Hin und Her von Argumenten für und gegen die Legalisierung des Teufelskrauts widmete sich jeder wieder den eigenen Angelegenheiten. Gegen zehn...

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