Das Dunkel der Seele

Die Erleuchtete 1 - Roman
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Mai 2013
  • |
  • 576 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09955-8 (ISBN)
 
Ein altes Luxushotel, ein dunkler Pakt und eine fast unlösbare Aufgabe für die junge Haven Terry.

Sie weiß nicht, woher sie kommt oder wer ihre Eltern sind, denn sie wurde einst ohne Erinnerungen am Straßenrand gefunden. Doch nun führt Haven ein behütetes Teenager-Leben, bis sie ein Praktikum im besten Hotel Chicagos antritt. Haven ist tief beeindruckt von der glamourösen Chefin Aurelia und deren atemberaubendem Assistent Lucian. Sie genießt die luxuriöse Atmosphäre ebenso wie Lucians zunehmende Aufmerksamkeiten. Bis sie merkt, dass sich hinter Aurelias schönem Äußeren eine finstere Seele verbirgt und dass ihre Chefin einen grausamen Plan verfolgt. Doch zum Glück steckt auch in Haven mehr, als ihre Widersacherin ahnt ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 1,18 MB
978-3-641-09955-8 (9783641099558)
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1

Eine einmalige Chance

Bis zu diesem Zeitpunkt war der Englischunterricht ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Wir lasen gerade Das Bildnis des Dorian Gray. Mrs Harris hatte es sich mit ihrem ausladenden Hintern auf der Kante des angeschlagenen hölzernen Pults gemütlich gemacht und suchte in den Augen ihrer Schüler nach einem Aufflackern von Verständnis oder zumindest Interesse, blickte aber nur in ratlose Gesichter. Ich rutschte auf meinem Stuhl weiter nach hinten und versteckte mich hinter meinen dünnen langen Haaren, die von der schmuddelig-klammen Winterkälte noch ganz feucht waren. Auf aktive Teilnahme am Unterricht hatte ich noch nie viel Wert gelegt. Ich hätte zwar meistens etwas beitragen können, erregte aber ungern Aufmerksamkeit. Jede richtige Antwort würde meinen Ruf als Bücherwurm und Außenseiterin nämlich noch untermauern, jede falsche bewies nur, dass ich selbst als Streberin eine Niete war. Egal, wie ich es anstellte, ich machte es falsch, also las ich lieber im Buch weiter, blendete Mrs Harris aus und sah nur gelegentlich zur Uhr über der Tafel oder zu den Fenstern hinüber, vor denen sich an diesem eisigen Januartag ein aufgewühlter, kalkweißer Himmel zeigte. Evanston, Illinois. So würde die Tundra rund um Chicago bis April aussehen, aber das störte mich eigentlich kaum. Wer sich einem so wütend peitschenden Wind stellen muss, fühlt sich nämlich automatisch stärker, selbst wenn er sich wie ich leicht herumschubsen ließ.

»Kommen wir also auf die Eigenschaften von Gut und Böse sowie den Hedonismus zu sprechen«, leierte Mrs Harris weiter ihren Text herunter.

Dieses Stichwort ließ mich automatisch zu Jason Abington rübersehen. Der Basketballer mit dem kurz geschorenen Schopf trug sein Trikot mit der Nummer Neun, um für das große Spiel am Wochenende zu werben. Er knabberte gerade an der Kappe eines blauen Kugelschreibers herum – meines blauen Kulis. Plötzlich hatte ich Schmetterlinge im Bauch. Und aus genau diesem Grund quoll die Außentasche meines Rucksacks auch immer vor Kugelschreibern über, die ich mir hoffnungsvoll in rauen Mengen zugelegt hatte. Offenbar brachte Jason nie selbst was zum Schreiben mit, und nachdem er sich vor Wochen mal einen Stift von mir geliehen hatte, war es wieder und wieder passiert, bis ich zu seinem offiziellen Kugelschreiberlieferanten avanciert war. Am Tisch neben ihm schwang eine blonde Kreatur – seine blonde Kreatur – namens Courtney ihre aufregende Lockenstabmähne nach hinten. Auf so etwas waren Jungen wie Jason gepolt. Ich hatte mit Courtney nichts gemein und konnte mir auch nicht vorstellen, jemals wie sie zu werden, trotz der ach so wundersamen Wandlung, die man doch angeblich in der Highschoolzeit durchmachte. Bei mir waren die Veränderungen noch in vollem Gange, es gab aber keinerlei Anzeichen dafür, dass das Endprodukt jemals einer Courtney gleichen würde.

Inzwischen achtete ich überhaupt nicht mehr auf Harris’ Unterricht, bis mich schließlich ihre Stimme aus meinen Träumen riss: »Miss Terra? Haven? Hören Sie mir überhaupt zu?«

Eigentlich nicht. Ich klaubte die Bruchstücke zusammen, die ich von ihrem Vortrag mitbekommen hatte, überlegte, was sie mich wohl gefragt haben konnte, und fabrizierte dann eine Antwort, die schon irgendwie passen würde. »Äh, Dorian und Lord Henry lassen sich von ihren Gefühlen leiten und tun, wonach ihnen der Sinn steht, ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen oder, äh, moralische Bedenken?«, schlug ich vor und spürte, wie sich auf meiner Stirn Schweißtröpfchen bildeten. Jason drehte sich ein wenig in meine Richtung um, und jetzt konnte ich auch die Blicke anderer Mitschüler spüren.

»Danke, wunderbar.« In der Hand hielt Mrs Harris einen Zettel, den ihr eine gelangweilte, Kaugummi kauende Schülerin aus der Abschlussklasse überreicht hatte, die gerade schon wieder den Raum verließ. »Aber Sie werden im Büro der Schulleitung erwartet.«

Meine Klassenkameraden ließen ein leises »Oooh« vernehmen, ich packte die Bücher zusammen und schulterte meinen Rucksack. Als ich mich durch den Gang zwängte und an Jason vorbeikam, sah der kurz auf. Mit völlig ausdrucksloser Miene kaute er immer noch an meinem Stift herum.

Ich ging jetzt bereits seit zweieinhalb Jahren auf die Highschool, war aber noch nie ins Büro von Rektorin Tollman zitiert worden – ich gehörte einfach nicht zu dieser Sorte Mädchen. Also fragte ich mich wirklich, was da los war. Meine Schritte hallten in den Gängen wider, und aus den Klassenzimmern, an denen ich vorbeikam, erklang unterdrücktes Gemurmel. In Gedanken spielte ich die Möglichkeiten durch: Ging es um Joan? War ihr vielleicht etwas zugestoßen? Typisch, ich rechnete eben immer mit dem Schlimmsten. Was in meinem Fall aber gerechtfertigt war.

Immerhin hatte man mich im Alter von etwa fünf Jahren mitten im Winter in einem schlammigen Graben irgendwo in der Nähe des Lake Shore Drive gefunden. Eine kleine Miss X, die kaum noch atmete und keinerlei Erinnerungen an die Zeit vor dieser Nacht hatte, nach der niemand suchte. Die liebevolle Krankenschwester aus der Klinik hatte mich bei sich aufgenommen, mir Kleidung und Essen, ein Zuhause und einen Namen gegeben. Wenn man so etwas erlebt hat, dann ist diese Grundsorge mehr als nur ein Reflex, sie wird zur zweiten Natur, die das tägliche Leben überschattet und jedes Mal erdrückend wird, wenn jemand spät nach Hause kommt oder nicht anruft, obwohl er es eigentlich versprochen hatte.

»Miss Terra, nehmen Sie doch bitte Platz«, bat Rektorin Tollman und sah mich über ihre randlose Lesebrille hinweg an, als sie mich in ihrer Bürotür stehen sah. Sie richtete sich in ihrem Stuhl auf. »Offensichtlich sind hier wohl Glückwünsche angebracht.« Unwillkürlich riss ich die Augen auf. »Man hat uns gerade mitgeteilt, dass Sie und zwei Ihrer Mitschüler aus der elften Klasse das Stipendium des Kultusministeriums Illinois für künftige Führungskräfte bekommen haben.«

Ich brauchte etwas länger, bis diese Information bei mir angekommen war.

»Oh, wow. Das ist toll, danke«, brachte ich zurückhaltender hervor, als Tollman vermutlich erwartet hatte, aber die Neuigkeiten verwirrten mich. In Gedanken ging ich alles durch, wofür ich mich im Verlauf des letzten Jahres beworben und eingeschrieben hatte. Da gab es so viel, jedes einzelne Angebot, durch das ich an etwas Extrageld fürs College kommen oder ein Stipendium für eine meiner Traumunis ergattern konnte. Praktika, Stipendien, Essaywettbewerbe – in meinem Posteingang herrschte stets reger Andrang. So viele Anmeldungen und Abgabetermine, so viel Hoffnung, und trotzdem klingelte bei mir gerade gar nichts.

Die Schulleiterin nahm die Brille ab und sah mich mit leisem Lächeln an, während sie von mir offensichtlich irgendeine Reaktion erwartete. »Das klingt super«, beteuerte ich. »Und ich fühle mich auch wirklich geehrt. Aber ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht daran erinnern, dass ich mich dafür beworben habe.« Ein nervöses Grinsen umspielte meine Mundwinkel.

Sie lachte, es war ein leises, charmantes Glucksen. »Tja, haben Sie auch gar nicht, das ist ja das Tolle an diesem Projekt. Die suchen sich einfach die besten, brillantesten Schüler aus und bringen sie ein Semester lang bei florierenden Firmen hier in Illinois unter. Es handelt sich um ein Pilotprogramm, das der Staat im Moment noch testet. Jedem von Ihnen wird in den entsprechenden Unternehmen ein Ansprechpartner zugeteilt, der Ihnen in diesem Zeitraum als Tutor und Mentor zur Seite steht. Und …« Sie setzte sich die Brille wieder auf und las von einem Blatt Papier ab: »Sie setzt man offensichtlich im Lexington Hotel in Chicago ein. Also, wissen Sie, das ist wirklich beachtlich. Das Hotel steht kurz vor seiner Neueröffnung, und die Besitzerin hat sich quasi über Nacht zum Liebling von Chicagos Businesswelt gemausert. Vielleicht haben Sie sie schon einmal in der Tribune oder in den Nachrichten gesehen. Wir sprechen hier von einem unglaublichen Privileg. Hier steht, dass Kost und Logis mit inbegriffen sind und dass ordentlich mit angepackt werden muss, es aber im Gegenzug auch ein saftiges Stipendium gibt.«

Ihre Worte prasselten zu schnell auf mich ein, um einen Sinn zu ergeben. Ich würde da also wohnen? Im Hotel? Und Vollzeit arbeiten? Ohne richtigen Unterricht? »Saftiges Stipendium«? Das wollte mir alles nicht in den Kopf. Fallen einem solche Dinge denn einfach in den Schoß? Vielleicht zahlten sich meine beinahe makellosen Noten, für die ich so hart arbeitete, mein Nachmittagsjob, den ich seit fast zehn Jahren hatte, und die Samstagabende, an denen ich zu Hause blieb und lernte, langsam doch aus. Vielleicht kam ich den teuren und angesehenen Unis auf meiner Wunschliste ja doch ein Stückchen näher.

»Der Zeitpunkt so mitten im Halbjahr ist natürlich ungünstig – offensichtlich feilt die Schulbehörde noch an den Feinheiten. Aber weil es sich um eine einmalige Chance handelt, drücken wir da mal ein Auge zu.« Dies verkündete sie mit ernster Miene und zusammengepressten Händen, die verrieten, dass sie im Gegenzug aber schon ein wenig Dankbarkeit und Begeisterung erwartete.

»Vielen Dank, Miss Tollman, das ist ja super. Ich weiß das wirklich zu schätzen.« In Gedanken war ich bereits fünf Schritte weiter und fragte mich, was Joan wohl dazu sagen würde. Ließ sie mich überhaupt gehen? Was musste ich alles einpacken? Und was sollte ich den Leuten im Krankenhaus bloß sagen?

»Sie fangen nächste Woche an. Hier finden Sie alle wichtigen Informationen.« Tollman stand auf und reichte mir einen dünnen braunen Umschlag, dann...

"Ein spannender Kampf zwischen Gut und Böse mit einer beeindruckenden Heldin!"

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