Blutklingen

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. April 2013
  • |
  • 752 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10396-5 (ISBN)
 
Helden zwischen Gut und Böse, Action wie im Kino und spannend bis zum Schluss

Jenseits der Grenze zum Königreich der Union beginnt das Land der Gesetzlosen. Ein Land, in dem jeder sich selbst der Nächste ist und in dem nur das schnellste Schwert oder die härteste Faust überlebt. Doch nun wurde hier Gold gefunden, und im großen Sturm auf die einst verlassenen Berge treffen Tausende Goldsucher, zwei rachedurstige Nordmänner, eine Bande von Mördern und die Agenten des Königreiches zusammen - und Blut, Gold und Tränen fließen in Strömen .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 5
  • |
  • 5 s/w Abbildungen
  • |
  • 5 schwarz-weiße Abbildungen
  • 1,82 MB
978-3-641-10396-5 (9783641103965)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Joe Abercrombie arbeitet als freischaffender Fernsehredakteur und Autor. Mit seinen weltweit erfolgreichen Klingen-Romanen hat er sich auf Anhieb in die Herzen aller Fans von packender, düsterer Fantasy geschrieben und schafft es regelmäßig auf die internationalen Bestsellerlisten. Joe Abercrombie lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Bath.

EIN ECHTER FEIGLING

Gold.« So, wie Weh das sagte, klang es wie ein Rätsel, zu dem es keine Lösung gab. »Das macht die Männer verrückt.«

Scheu nickte. »Jedenfalls diejenigen, die es nicht sowieso schon sind.«

Sie saßen vor Stupfers Fleischladen, dessen Name zwar nach einem Bordell klingen mochte, der aber tatsächlich das schlechteste Essen im Umkreis von fünfzig Meilen auftischte, und das wollte bei der hiesigen Konkurrenz schon etwas heißen. Scheu hockte auf den Säcken, die auf ihrem Karren lagen, und Weh saß auf dem Zaun, wie er das immer zu tun schien, als hätte er einen riesigen Splitter im Hintern und sei mit dem dort hängen geblieben. Sie beobachteten die Leute.

»Ich bin hierhergekommen, weil ich niemanden mehr sehen wollte«, sagte Weh.

Scheu nickte. »Und jetzt sieh dir das alles bloß mal an.«

Im letzten Sommer hätte man einen Tag lang durch die Stadt streifen können, ohne auf ein bekanntes Gesicht zu treffen; überhaupt wäre man auch an mehreren Tagen kaum mehr als zwei Menschen begegnet. Aber ein paar Monate und ein Goldfund können eine Menge verändern! Jetzt platzte Handelsguth aus seinen ausgefransten Nähten, so viele kühne Pioniere strömten durch die Straßen. Der Verkehr ging nur in eine Richtung, nach Westen, den erträumten Reichtümern entgegen. Manche drängten sich so schnell hindurch, wie es die dichte Menge eben zuließ, andere machten Rast, um selbst zu Geschäftigkeit und Chaos beizutragen. Wagenräder ratterten, Maultiere schnaubten und Pferde wieherten, es blökte das Vieh und die Ochsen brüllten. Männer, Frauen und Kinder gleich welcher Herkunft und Rasse brüllten und blökten ebenfalls in den verschiedensten Sprachen und aus den unterschiedlichsten Gründen. Es hätte ein buntes Treiben sein können, wenn der herumwirbelnde Staub nicht alle Farben mit einer grauen, allgegenwärtigen Dreckschicht überzogen hätte.

Weh nahm geräuschvoll einen Schluck aus seiner Flasche. »Ziemlich gemischtes Publikum, was?«

Scheu nickte. »Alle fest entschlossen, irgendwas umsonst zu bekommen.«

Die Menschen waren von verrückter Hoffnung gepackt. Oder von Gier, je nachdem, wie viel Vertrauen der Beobachter in die Menschheit setzte, und das war in Scheus Fall nicht übertrieben viel. Sie alle waren geradezu besoffen von der Möglichkeit, dort draußen im großen Nichts in einen kalten Teich zu fassen und sich mit beiden Händen ein neues Leben herauszuziehen. Ihr langweiliges Ich am Ufer hinter sich zurückzulassen wie eine abgestreifte Haut, um die Abkürzung zum Glück zu nehmen.

»Keine Lust, da mitzumachen?«, fragte Weh.

Sie drückte die Zunge gegen die Vorderzähne und spuckte durch die Lücke. »Ich? Nee.« Wenn sie es überhaupt lebend bis nach Fernland schaffen würden, dann standen die Chancen gut, dass sie einen Winter lang mit dem Hintern im eisigen Wasser hockten und nichts als Dreck herausschaufelten. Und wenn der Blitz in den Spatenstiel einschlug, was dann? Es war ja nicht so, dass Reiche keine Sorgen kannten.

Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte Scheu noch daran geglaubt, dass man etwas umsonst bekam. Da hatte sie ihre Haut abgestreift und war lächelnd beiseitegetreten. Aber oft genug war letztlich die nackte Wahrheit die gewesen, dass Abkürzungen einen nicht an den Punkt brachten, auf den man gehofft hatte, und oft genug durch blutiges Land führten.

»Schon allein das Gerücht, dass es irgendwo Gold gibt, macht sie verrückt.« Der Knubbel an Wehs Hals bewegte sich, als er noch einen Schluck nahm, während er zwei Möchtegern-Goldsuchern zusah, die an einem Verkaufsstand um die letzte Spitzhacke stritten. Der Verkäufer versuchte, sie vergeblich zu beruhigen. »Jetzt stell dir mal vor, wie diese Ärsche sich aufführen würden, wenn sie erst mal einen Goldklumpen in die Hände bekämen.«

Das musste sie sich gar nicht erst vorstellen. Sie hatte es bereits erlebt, und das zählte nicht gerade zu ihren schönsten Erinnerungen. »Männer brauchen nicht viel, um sich wie Tiere aufzuführen.«

»Frauen auch nicht«, ergänzte Weh.

Sie sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Wieso guckst du mich dabei an?«

»Hatte dich wohl gerade im Kopf.«

»Hm. Ich weiß nicht, ob es mir gefällt, deinem Gesicht so nahe zu sein.«

Weh zeigte ihr lachend seine Grabsteinzähne und reichte ihr die Flasche. »Wieso hast du keinen Mann, Scheu?«

»Wahrscheinlich mag ich Männer nicht besonders.«

»Du magst niemanden besonders.«

»Die anderen haben angefangen.«

»Sie alle?«

»Genug von ihnen jedenfalls.« Sie wischte die Flaschenöffnung sorgfältig ab und achtete darauf, nur einen kleinen Schluck zu nehmen. Sie wusste, wie leicht ein Schluck zum nächsten führte, mehrere zu einer ganzen Flasche und eine Flasche schließlich leicht dazu, dass man, wenn man aufwachte, nach Pisse stank und mit einem Bein im Bachbett lag. Es gab Leute, die sich auf sie verließen, und sie hatte genug davon, eine Enttäuschung zu sein.

Die Streithähne waren inzwischen getrennt worden und spuckten einander nun in ihren jeweiligen Sprachen Beleidigungen entgegen, die zwar vom Gegenüber nicht im Wortlaut entschlüsselt, aber trotzdem grundsätzlich verstanden wurden. Offenbar war die Spitzhacke in dem ganzen Durcheinander verschwunden; vermutlich hatte ein weniger begriffsstutziger Pionier sie beherzt eingesteckt, während aller Augen anderswohin blickten.

»Ganz sicher kann Gold die Leute verrückt machen«, brummte Weh so wehmütig, wie sein Name nahelegte. »Aber trotzdem, wenn sich der Boden unter mir auftäte und das gute Zeug direkt vor meiner Nase läge, dann würde ich die Goldklumpen wahrscheinlich auch nicht liegen lassen.«

Sie dachte an den Hof, an die viele Arbeit, die zu tun war - Arbeit, für die sie niemals genug Zeit hatte -, und rieb sich mit den rauen Daumen die wund gekauten Finger. Für einen winzigen Augenblick schien eine Reise in die Berge doch keine so verrückte Idee. Was, wenn es da oben wirklich Gold gab? Wenn es dort in irgendeinem Bachbett in unfassbarer Fülle herumlag und nur darauf wartete, von ihren juckenden Fingerspitzen geküsst zu werden? Scheu Süd, die glücklichste Frau in ganz Naheland .

»Ha.« Sie verscheuchte den Gedanken wie eine lästige Fliege. Große Hoffnungen waren ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnte. »Meiner Erfahrung nach tut sich der Boden aber nicht einfach auf und gibt seine Schätze preis. Da ist er genauso geizig wie wir alle.«

»Du hast wohl jede Menge, was?«

»Hä?«

»Erfahrung.«

Sie zwinkerte, als sie ihm die Flasche zurückgab. »Mehr, als du dir vorstellen kannst, alter Mann.« Verdammt mehr als die meisten Pioniere jedenfalls, das stand mal fest. Scheu schüttelte den Kopf, als sie den nächsten Schwung Leute erblickte, hochwohlgeborene Unionisten, augenscheinlich eher für ein Picknick gekleidet als für einen anstrengenden, viele Meilen langen Marsch durch ein Land, in dem es kein Gesetz gab. Leute, die mit ihrem bequemen Leben hätten zufrieden sein sollen, die aber plötzlich den Entschluss gefasst hatten, sich noch mehr sichern zu wollen. Sie fragte sich, wie lange es dauern würde, bis diese Menschen wieder in die andere Richtung humpeln würden, kaputt und pleite. Wenn sie es denn überhaupt noch schafften .

»Wo steckt eigentlich Gully?«, fragte Weh.

»Auf dem Hof. Der kümmert sich um meinen Bruder und meine Schwester.«

»Hab ihn schon lange nicht mehr gesehen.«

»Er war auch schon lange nicht mehr hier. Meint, dass ihm das Reiten wehtut.«

»Der wird alt. Aber so geht's uns allen. Wenn du ihn siehst, sag ihm, dass ich ihn vermisse.«

»Wenn er hier wäre, hätte er dir die Flasche in einem Zug ausgesoffen, und du würdest jetzt seinen Namen verfluchen.«

»Stimmt.« Weh seufzte. »So ist das wohl mit Sachen, die einem fehlen.«

Inzwischen bahnte sich Lamm einen Weg durch die Menschenflut auf der Straße, und sein grauer, wilder Schopf ragte trotz seiner gebeugten Haltung über die Köpfe der anderen; er sah so aus, als ob ein noch größeres Gewicht auf seinen Schultern lastete als sonst.

»Was hast du gekriegt?«, fragte sie und sprang vom Wagen.

Lamm verzog das Gesicht, als wüsste er schon, was nun kommen würde. »Siebenundzwanzig?« Seine tiefe, grollende Stimme ging am Wortende ruckartig in die Höhe, um eine Frage daraus zu machen, die eigentlich lautete: Wie schlimm habe ich es denn vergeigt?

Scheu schüttelte den Kopf, spielte mit der Zunge in der Innenseite ihrer Wange und zeigte damit an, dass es ihrer Meinung nach irgendwo zwischen mittel und schlimm lag. »Du bist echt so ein blöder Feigling, Lamm.« Sie klopfte auf die Säcke, sodass eine kleine Wolke Kornstaub aufstieg. »Ich habe die doch keine zwei Tage lang bis hierher geschleppt, damit du sie verschenkst.«

Er blickte noch ein wenig besorgter drein, und sein graubärtiges Gesicht knitterte rund um die alten Narben und Lachfältchen, wettergegerbt und mit Dreck zugesetzt. »Ich kann nicht so gut handeln, Scheu, das weißt du doch.«

»Sag noch mal schnell, was kannst du überhaupt gut?«, warf sie ihm über die Schulter hinweg zu und schlug bereits den Weg zu Clays Börse ein, ließ schnell noch ein paar gescheckte Ziegen blökend passieren und huschte dann seitlich durch das Gedränge. »Außer Säcke schleppen?«

»Das ist doch auch schon was, oder nicht?«, brummte er.

Der Laden war sogar noch voller als die Straße. Es roch nach...

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