Versteckte Erinnerungen

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. April 2020
  • |
  • 216 Seiten
 
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978-3-7519-3988-1 (ISBN)
 
Jakob Frölich erfährt von seinem Arzt, dass er nur noch einige Wochen zu leben hat. Der Krebs habe ihn ganz aufgefressen. Jakob beschließt, seine Erinnerungen und die Reisen, die ihn quer durch die Welt geführt haben, festzuhalten und die Manuskripte an geheimen Orten zu verstecken.
2. Auflage
  • Deutsch
  • 0,34 MB
978-3-7519-3988-1 (9783751939881)
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Pseudonym.
der Autor lebt im Ausland. Es ist seine zweite Veröffentlichung. Das erste Buch trägt den Titel "Zosia und die dunkle Seite der Erde"

Der Tod des Vaters 1971


Er war als einfacher Soldat den ganzen Krieg über von 1939 an im Einsatz und dann in einem amerikanischen Gefangenenlager in Bayern. Das ist alles, was wir drei Kinder wissen, wahrscheinlich hat es Mama mal so beiläufig erzählt. Vom Vater kein Wort. Wir wohnten in Köln in der Eintrachtstraße direkt unter der Eisenbahnbrücke im zweiten Stock. Was jetzt kommt, hat mir Sabine erzählt, meine Schwester, sieben Jahre älter und mit einem super Erinnerungsvermögen. Eines frühen Abends lehnten sie und Mama aus dem Fenster, um den wenigen Passanten zuzuschauen. Und da kam plötzlich unter der Unterführung ein spindeldürrer großer Mann mit kurzen Hosen hervor. Er fiel den beiden sofort auf, weil er so ausgemergelt war, und Männer mit kurzen Hosen selten durch die Stadt gingen. Der Mann schaute hoch und suchte etwas. Er hatte nach all den schrecklichen Kriegsjahren die Orientierung verloren. Er wusste nicht mehr, wo er gewohnt hatte, wo er hingehörte. Dann ein schriller Aufschrei von Mama, Sabine erzählte später, sie habe einen Todesschreck bekommen. Hannes, Hannes, Hannes, sie wiederholte immer wieder Papas Namen, sie hatte kein anderes Wort mehr. Ich war keine vier, der Vater für mich ein fremder Mann.

Danach Schweigen. Nie wurde am Tisch über den Krieg gesprochen, nie, kein Wort. Häufig hörten wir Kinder die Eltern leise in ihrem Schlafzimmer reden, lange, sehr lange. Wir trauten uns nicht, an der Tür zu horchen, aber wir spürten, dass es sehr ernste Gespräche waren. Ein- vielleicht zweimal beim Spaziergang Sonntagnachmittags, Papa hielt mich an der Hand, bat ich ihn, mir Geschichten erzählen von früher, Abenteuer, Reisen, was immer, aber er zögerte lange. Dann sagte er und beugte sich dabei zu mir herunter, "das darfst du aber nicht weitererzählen, niemandem, versprochen?"

Ja, hoch und heilig, rief ich aufgeregt.

"Weißt du, draußen im Krieg, da gibt es kein schönes Klo mit Wasserspülung und so. Da machst du in die Natur oder, wenn man einige Tage am selben Ort blieb, wird eine Latrine aufgebaut, ein langes Holzbrett, mit mehreren Löchern, so dass mehrere Männer auf einmal ihr Geschäft nebeneinander erledigen konnten, verstehst du. Dort habe ich einmal gesessen und mich gerade ganz nach unten gedrückt, vor Anstrengung, du weißt schon, und da hat es plötzlich unheimlich geknallt und gekracht, und alles um mich herum war weggesprengt. Mir war nichts passiert, wie durch ein Wunder."

Und Papa lachte grimmig. Mehr war nicht drin. Ich rief, was war denn passiert oder noch eine Geschichte, Papa, bitte, bitte. Aber nein.

Ein anderes Mal, wir gingen am Rheinufer spazieren, da war mein Bruder dabei, da hatte unser Vater nach langem Schweigen während des gesamten Spaziergangs ganz leise vor sich hingesprochen, mein Bruder, vier Jahre älter und natürlich größer, konnte es trotzdem verstehen. Papa sagte, wenn man nicht wollte, musste man an den Exekutionen nicht teilnehmen, man konnte sich weigern, wehrlose Gefangene zu erschießen, wenn man ein russisches Dorf eingenommen hatte. Es hatte keine negativen Folgen, man wurde als Feigling belächelt, mehr nicht, man musste nicht erschießen und morden, man konnte es ablehnen, ich habe da keinmal mitgemacht.

Mein Bruder Ralf war ganz aufgeregt und rief, "was hast du gesagt, Papa, man konnte kaum was verstehen, irgendwas von Erschießen. Erzähl Papa, bitte."

Doch unser Vater schüttelte unwillig den Kopf, er habe nichts gesagt, wir müssten geträumt haben. Er hätte nichts zu erzählen.

"Wie warst du denn in der Schule beim Sport, bestimmt der beste der Klasse, Papa, so groß und stark, wie du bist. Hab ich recht?"

Aber auch der Trick nützte nichts. Unser Vater legte seine Hände auf unsere Schultern und blickte abwesend auf den Fluss. Wir mussten uns mit dem Schweigen zufriedengeben, obwohl wir so gerne abenteuerlichen Geschichten aus dem Krieg gelauscht hätten. Wir liebten unseren Vater und versuchten zu verstehen, warum er nichts erzählen wollte. Es gab keine Antwort.

Viele Jahre später, als ich in der Schule von den Schrecken des Krieges erfuhr, fing ich an, Papa zu verstehen. Er muss an dem Widerspruch gescheitert und zerbrochen sein, dass er den grausamsten aller Kriege mitgemacht hat, dass er untilgbare Schuld auf sich geladen hat, ohne ein Nazi gewesen zu sein, Hitler gehasst zu haben, den ganzen Krieg, das aberwitzige Gemetzel. Tiefe Schuld bei einem im Grunde reinen Gewissen. Tausende müssen das durchgemacht haben wie er. Diesen Widerspruch, diese Verstrickung kann man nachträglich niemandem erklären. Und man muss daran zerbrechen.

Hinzu kam die absurde Situation, dass viele ehemalige Naziparteibonzen nach dem Krieg wieder hohe Ämter bekleideten, dass sie Staatsanwälte und Richter sein durften, völlig unbehelligt. Dass viele in ihre alten Positionen als Lehrer und Hochschulprofessoren zurückkehren konnten, völlig unbehelligt. Dass viele ungeniert zu den Mitbegründern der neuen Parteien gehörten. Dass Unzählige ihre Zugehörigkeit zur Waffen - SS oder den Totenkopfverbänden nach dem Krieg in ihren Personalakten schlicht vergessen hatten. Vielleicht waren ja selbst unter Vaters Kollegen am Gymnasium alte Nazis. Es gab ja nach dem Krieg nicht genug junge unbelastete Lehrkräfte, klar.

Und dann muss Vater unheimlich darunter gelitten haben, dass entweder mein Bruder oder ich jedes Mal nach dem Geschichtsunterricht den Eltern zuhause aufgeregt über die Naziverbrechen berichteten und nicht auf den Gedanken kamen, dass es wie Stiche in Vaters Herz waren. Wir überfielen die Eltern mit Fragen, ganz unbefangen, ohne Hintergedanken oder gar Schuldzuweisungen. Wir wollten nur wissen, wie man damals in den Dreißigern in Nazideutschland gelebt hat, mit Hitlergruß und antisemitischen Schmierereien an Geschäften und Hauseingängen. Eine Frage, die ich mir bis heute stelle. Wie konnte man mit diesem dummen Hochmut und Hass zurechtkommen, wenn man ihn nicht teilte? Aber wir bekamen nie eine Antwort von den Eltern. Mutter wiegelte immer ab mit der Bemerkung, um das zu verstehen, seid ihr doch noch viel zu jung, Kinder, was wir jedes Mal als feige Ausrede interpretierten, oder sie sagte, lasst die Vergangenheit ruhen. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber das brachte uns Jungs erst recht auf die Palme. Vater schaute still in sich hinein.

Auch in der Presse wurden der Holocaust und die Konzentrationslager beschrieben und die große untilgbare Schuld der Deutschen. Es musste meinen Vater jedes Mal wie eine persönliche Anklage angegangen sein. Die Vernichtung der Juden, die Millionen und Abermillionen Toten, er war indirekt mitschuldig, da gab es nichts zu beschönigen. So jedenfalls empfand er es. Wie sollte er da einfach so weiterleben?

Unser Vater war immer für uns da, aber er hatte keine Ambitionen, keinen Lebenswillen mehr, Er ging morgens ins Gymnasium, gab seinen Unterricht, deutsch und englisch, zurückhaltend, freundlich, aber immer irgendwie abwesend. Mama wollte ihn pushen, er solle es bei der Uni versuchen, ein Mann mit drei Sprachen, er hatte in all den Kriegsjahren sehr gut russisch gelernt. Aber Papa wehrte ab, er wollte nichts riskieren. Das wenige, was er, was wir hatten, nur nicht aufs Spiel setzen.

Über fünf Jahre im Krieg und dann in der Gefangenschaft, von seinem 28. bis zum 34. Lebensjahr, nur Front und Kämpfe, Tote, Verwundete, schreiende Kinder und Frauen, und alles so grenzenlos sinnentleert. Und dann die täglichen Nazidurchhalteparolen, wie kann dies ein junger Mann durchstehen, jahrelang, tausende Male im Dreck liegen und nicht einschlafen können, jeden Tag den eigenen Tod mit einkalkulierend, aber der Kamerad neben dir verreckt und bittet dich, nach dem Krieg seine Frau und die Kinder aufzusuchen, um ihnen einen letzten Gruß zu übermitteln, und natürlich versprichst du es hoch und heilig und weißt doch, dass du lügst. Denn du wirst es nie tun, weil du jede Hoffnung aufgegeben hast auf ein Menschsein. Und das jahrelang. Das muss man sich vor Augen halten. Mein Vater, wie Hunderttausende, wie Millionen in der Scheiße. Ihre Erlebnisse und Erinnerungen, wenn sie denn überlebt haben, müssten die Geschichtsbücher in den Schulen füllen und nicht die paar Daten von Feldzügen und Schlachten, die Pläne und Befehle von irgendwelchen Heeresführern, die immer schön weit hinter der Front zuschauten, wie ihre Soldaten verheizt wurden.

Aber die Geschichte meines Vaters handelt ja nur vom Zweiten Weltkrieg, fünfundzwanzig Jahre davor hatten die Deutschen den Ersten Weltkrieg angezettelt mit Millionen Toten. Und davor all die Jahrhunderte durch immer wieder Kriege, in denen Menschen geopfert wurden.

Die Geschichte neu schreiben als Erlebnisbericht der Soldaten, der Täter, ob unfreiwillig zum Kriegsdienst gezwungen oder mit mörderischer Lust und hasserfüllt, aber auch aus den Augen der Kriegsopfer, der wenigen, die den Kahlschlag, den Flächenbrand der deutschen Wehrmacht überlebt haben, die zusehen mussten, wie ihre Frauen und Töchter vergewaltigt und verhöhnt wurden, bevor die Männer an die Reihe kamen, an die Wand gestellt und ermordet. Solche Geschichtsbücher...

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