Eine dieser Nächte

Roman
 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erscheint ca. am 26. Februar 2018
 
  • Buch
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  • Hardcover
  • |
  • 496 Seiten
978-3-03820-056-7 (ISBN)
 

Es ist eine dieser Nächte, die man durcher­zählen muss. Das zumindest findet Bill, der auf dem Flug von Bangkok nach Zürich neben Emma sitzt. Bill geht ihr gehörig auf die Nerven. Mit Donnerstimme erzählt er aus seinem Leben - und um sein Leben, und nicht nur Emma, sondern auch andere Passagiere sind gezwungen zuzuhören. Trotz ihres Widerstands werden sie aber alle, Emma, Michael, Stefan, Walter und ein Junge, ja, auch die japanische Familie in der hinteren Sitzreihe, vom Sog der Geschichten erfasst, wobei eigene Geschichten und Phantasien wachgerufen werden.

Alle diese Geschichten fügen sich zu einem Reigen, bei dem sich ungeahnte Bezüge und Entsprechungen und ein geheimnisvoller Mittelpunkt herausschälen. Denn Bill beschwört sprachgewaltig Orte, Leute und seltsame Wesen herauf. Die zwölf Stunden dieser Flugnacht entwickeln einen gefähr­lichen Reiz - und bekommen nicht allen gleich gut.

  • Deutsch
  • Zürich
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  • Schweiz
  • Höhe: 195 mm
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  • Breite: 123 mm
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  • Dicke: 45 mm
  • 574 gr
978-3-03820-056-7 (9783038200567)
3038200565 (3038200565)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Christina Viragh, geboren 1953 in Budapest, kam mit sieben Jahren nach Luzern. Studium der Philosophie und Literatur. Seit den 1980er Jahren ist sie als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig. Zahlreiche Publikationen, zuletzt erschienen die Romane "Pilatus" und "Im April". Christina Viragh übersetzte u. a. Marcel Proust, Imre Kertész, Sándor Márai und Péter Nádas.

Für ihre Übersetzung von Nádas' "Parallelgeschichten" erhielt sie 2012 den Preis der Buchmesse Leipzig. Sie ist korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Rom.

4

 

Ich war auch noch nie am Golf von Tonkin, aber ich weiß eine Story dazu. Sagt Ihnen der Tonkin-Zwischenfall etwas, August vierundsechzig. Nein, wahrscheinlich nicht. Kein Mensch erinnert sich mehr daran, das war der Beginn des Vietnamkriegs, will sagen, unseres Einsatzes in Vietnam, einer unserer Zerstörer, die Maddox, lief in den Golf ein, wurde in der Nacht von vietnamesischen Booten angegriffen, das löste den Krieg aus, schon am nächsten Tag bombardierten wir Nordvietnam. Später stellte sich alles als Schwindel heraus, Johnson und sein Verteidigungsminister, McNamara, brauchten einen Vorwand für den Krieg. An die Pentagonpapiere erinnern Sie sich wahrscheinlich auch nicht, da ist die Sache aufgeflogen, der Ellsberg, damals im Pentagon, steckte sie den Zeitungen.

Ellsberg, etwas mit Watergate, sagt Emma. Ist ihr herausgerutscht. Sie versteht es selbst nicht. Vielleicht weil ihr der Zusammenhang rechtzeitig eingefallen ist. Na schön, dann eben diese eine Story, und danach ist Schluss. Wenn dieser Bill nur nicht so brüllte.

Danke, dass Sie mitmachen. Es ist besser so, glauben Sie mir. Ich meine, in einer solchen Nacht ist es besser. Ja, Nixon ließ bei Ellsbergs Psychiater einbrechen, aber das war später, und auch das mit den Pentagonpapieren kam zu spät, neunzehneinundsiebzig. Eine Riesenschweinerei. Ich hatte das Glück, erst sieben zu sein, als das Ganze losging, und es hörte dann auch gerade noch rechtzeitig auf, für mich rechtzeitig, bis dahin hatten ja weiß Gott wie viele arme Idioten ins Gras gebissen. Drei Millionen Vietnamesen, etwa sechzigtausend von uns.

Bill nimmt einen Schluck von seinem Mekong-Whisky. Das ist vielleicht die Gelegenheit, doch noch aus dem Gespräch auszusteigen.

Liebste Martha, dir verdanke ich alles, den ganzen Mist. Er nimmt noch einen Schluck.

Was für eine Martha, fragt sich nicht nur Emma, sondern fragen sich auch Walter, Michael, Stefan in der vorderen Sitzreihe und der Junge mit dem iPad links auf der anderen Seite des Gangs. Bills Donnerstimme. Es scheint ihm gleich zu sein, wenn ihn ringsum alle hören.

wer ist martha

Martha ist, falls Sie sich wundern, mein lieber Drink hier. Nenne alle meine Drinks Martha. Rede gern zu ihr, sie kennt meine ganze Geschichte, was, Martha. Aber auch wenn du diese Story schon kennst, Martha, hör sie dir wieder an, sie ist um viele Einzelheiten angereichert. Professor Angelfield in Mississauga und Professor Löwy in Wien garantieren für ihre Glaubwürdigkeit, ich habe die entsprechenden Briefe, auf Papier, nicht irgendwelche lausigen Mails. Wo sind Sie aufgewachsen.

Emma sagt nichts.

Wo sind Sie aufgewachsen.

Was willst du machen. Die klassische Erpressung. Der fragt so lange nach, bis dir, denkt Emma, eine aus drei Wörtern bestehende Antwort als das kleinere Übel erscheint.

In der Schweiz.

In der Schweiz, Martha, hast du gehört, Heilige Muttergottes.

Er hat sich an seinem Whisky verschluckt, hustet wild. Das ist hoffentlich das Ende der Erzählerei.

Ich bin in Grand Forks, North Dakota, aufgewachsen. Als der Vietnamkrieg ausbrach, am fünften August neunzehnvierundsechzig, saß ich auf der Espe hinter unserem Haus. Das Haus hat uns der Großvater finanziert, er war ein Uhrmacher und Varietékünstler aus der Slowakei, Joe M. Kovacsics, eigentlich ein serbischer Name, merken Sie sich ihn. Die Espe stand zu nahe beim Haus, meine Mutter wollte sie fällen lassen, mein Vater sagte, wenn du das noch einmal sagst, kannst du deine Sachen packen und gehen. Nach seinem Tod hat sie sie fällen lassen. Habe seither nicht mehr mit ihr geredet, wahrscheinlich lebt sie gar nicht mehr. Auch mein Bruder hat nicht mehr mit ihr geredet. Auch wir beide reden fast nie miteinander, sehen uns auch fast nie. Martha, wir reden nicht. Lassen Sie mich einen Schluck nehmen. Also, die Espe hatte einen Ast, der bis zum Küchenfenster reichte, da saß ich am fünften August neunzehnvierundsechzig gegen elf. Und hörte den Ahnen und den Nachfahren zu. Espenblätter haben flache Stiele, die Blätter bewegen sich beim kleinsten Lufthauch und schlagen gegeneinander, das ergibt eine Art Flüstergeräusch, und ich wusste, da flüstern die Ahnen und die Nachfahren zu mir. Ich verstand nicht, was sie flüsterten, aber ich dachte, wenn ich lange genug zuhöre, würde ich es irgendwann doch verstehen. Ich hätte meine Mutter erwürgen können, als sie um elf das Radio einschaltete und die Stimme des verdammten Nachrichtensprechers das Blättergeräusch überdeckte. Und dann begann sie auch noch über die Radiostimme hinweg dauernd oh mein Gott zu sagen. Denn kaum hatte der Vietnamkrieg begonnen, davon redete der Nachrichtensprecher, es war ja seit dem Vorabend bekannt, aber da waren wir bei Joachymchiks zum Barbecue gewesen, und die Frauen hatten die ganze Zeit zusammengehockt und getratscht, also, sie kapierte die Sache erst jetzt wirklich und war schon das erste Opfer des Vietnamkriegs. Sie sah sich als Kriegswitwe, mein Vater würde eingezogen werden und selbstverständlich fallen, und was würde dann aus ihr, mit zwei kleinen Kindern, und ob die Witwenrente ausreichen würde, sie könne keine minderwertige Arbeit annehmen, wäre auch nicht möglich mit zwei kleinen Kindern, hoffentlich denke Joe, mein Vater, daran, ihr das Haus zu überschreiben, bevor er in den Krieg zieht. Sie sagte es wirklich so, bevor er in den Krieg zieht. Habe es mit meinen eigenen Ohren gehört, da telefonierte sie nämlich schon, mit ihrer Freundin Greta. Ich war von der Espe geklettert. Im Haus war ein Mordskrach, in der Küche lief immer noch das Radio, im Living Room hatte sie den Fernseher eingeschaltet, und um das alles zu übertönen, schrie sie in den Hörer. Eine Weile schrie sie, nein, das kann ich nicht, und sie weinte schon fast. Wahrscheinlich schlug ihr Greta praktische Lösungen vor, sie solle sich eine Ausbildung zulegen, Maschinenschreiben und Stenographie lernen oder mit der Encyclopedia Americana hausieren gehen, oder was weiß ich. Dann schluchzte sie wirklich, als sie auflegte, und wollte mich, ich stand im Durchgang zum Living Room, umarmen, um wahrscheinlich Dinge zu sagen wie, mein armer Junge, was wird jetzt aus uns, aber ich lief hinaus. Moment mal, lassen Sie mich kurz nach diesen Flug-Girls Ausschau halten, ob die nicht endlich mit dem Essen kommen. Nein. Habe ja gesagt, dass die eine Ewigkeit brauchen, ich werde mich bei der Airline beschweren. Die fuhrwerken in ihren Schürzen in der Bordküche herum, aber was sie machen, ist mir schleierhaft. Und die erste Stunde ist schon fast vorbei. Schon ist die erste verfluchte Stunde fast vorbei, na ja, am Anfang hat man kein richtiges Zeitgefühl, vor dem Essen müssen zwei Geschichten erzählt werden, und ein bisschen Musik würde auch dazugehören, was, Martha. Die schmelzenden Eiswürfel haben dir nicht gutgetan, verflucht nochmal. Das Ganze ist eine Schlamperei, die Flugbegleiterinnen sind ja herzig, aber das ist auch alles.

Will der eigentlich, sagt Michael zu Stefan, seine schlechte Laune loswerden, oder was.

Bill nimmt einen Schluck, Emma beschließt, nicht mehr zuzuhören. Sie hat zwar auch Hunger, aber was soll das Gestänker. Sie schaut zum Fenster hinaus, das Licht am Flügelende scheint einen Nebelstreifen anzublinken, das ist aber wahrscheinlich nur der Kontrast zwischen dem Licht und diesem dichten Dunkel. Wo sind wir. Emma schaut auf den Bildschirm, das Flugzeugsymbol ist immer noch über der Bucht von Bengalen, Distance to Destination 8300 Kilometer, Altitude 9500 m, ist das nicht fast schon die Stratosphäre, müsste hier nicht der Sternenhimmel sichtbar sein. Nein, nichts, nur das Dunkel.

Keine Sterne heute Nacht, sagt Bill nahe an Emmas Ohr. Er hat den Sitzgurt gelöst, seine Armlehne hochgeklappt, hängt über dem leeren Sitz, schaut an ihr vorbei zum Fenster hinaus. Excuse me, sagt Emma und drückt sich gegen die Flugzeugwand. Bill wuchtet sich mit einiger Mühe in seinen Sitz zurück, schnallt sich wieder an.

Sorry, sagt er. Wir haben also den Golf von Tonkin unter uns, unter uns oder auch über uns, in diesem verfluchten Dunkel könnte es genauso gut sein, dass wir durchs Erdinnere fliegen. Hören Sie mich. Schlafen Sie nicht ein, hören Sie sich die Story an. Außer, Sie fänden sie zum Speien. Dann endet Bills bewegtes Leben eben hier.

Wie meinen Sie das, fragt Emma. Sie ist ihm auf den Leim gegangen ist. Na ja. Aber schon etwas peinlich, so hereinzufallen.

Na eben, sagt Bill, es endet damit, dass ich auf die Straße vor unserem Haus in Grand Forks, North Dakota, hinauslaufe. Habe gesagt, dass ich da hinauslief, weil mich meine Mutter schluchzend umarmen wollte. Für sie war ja mein Vater schon tot. Die Straße war übrigens ein Fehler, weil mich meine Mutter durchs Fenster sah. Sie öffnete die Vordertür und rief, ich solle zurückkommen, wie kannst du mich in einem so schweren Moment allein lassen oder ähnlich. Ich lief weg, aber nicht sehr weit, weil sie hinter mir herschluchzte, sowas macht ja doch Eindruck. Am Ende ging ich in unseren Hintergarten zurück. War nicht einfach, weil ich nicht wusste, ob sie nicht immer noch an einem der Fenster stand. Ich musste zur Seitenfront unseres Hauses gelangen, da gab es keine Fenster. Eine Weile lag ich zwei Häuser weiter weg im Vorgarten hinter der Hecke in Deckung, dann rannte ich quer durch den Vorgarten der Kershaws und warf mich dort unter die Hecke. Von da war es nur noch ein Sprung bis zu unserer Seitenfront. Ich drückte mich an die Wand, wenn meine Mutter in der Küche war, kam ich nicht unbemerkt zur Espe. Das wollte ich, wieder auf die Espe hinauf, das war der einzig sichere Ort. Dann hörte ich, wie die Vordertür aufging und nicht wieder zu, ich hätte es gehört, wenn die...


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