Rechtfertigung und Entlastung

Albert Speer in der Bundesrepublik
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 9. Juni 2016
 
  • Buch
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  • Hardcover
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  • 367 Seiten
978-3-593-50529-9 (ISBN)
 
Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts

Mit der Entlassung Albert Speers aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis am 1. Oktober 1966 beginnt eine der erstaunlichsten Geschichten der Nachkriegszeit: Bis zu seinem Tod am 1. September 1981 war der einstige Architekt und Rüstungsminister Hitlers ein Entlastungszeuge in der Bundesrepublik Deutschland und ein Zeitzeuge in der Welt. Seine »Erinnerungen« (1969) und seine »Spandauer Tagebücher « (1975) waren in den Medien und Buchhandlungen überragende Erfolge. In ihrer Studie untersucht Isabell Trommer die Wahrnehmung Speers in der deutschen Öffentlichkeit von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Im Mittelpunkt stehen dabei Rechtfertigungsdiskurse, die nicht nur den Umgang mit Speer selbst geprägt haben, sondern auch viel über das Verhältnis der Bundesrepublik zum Nationalsozialismus und die Grundzüge ihrer politischen Kultur verraten.
  • Dissertationsschrift
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  • Frankfurt (Oder)
  • Deutsch
  • Frankfurt
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  • Deutschland
  • Höhe: 218 mm
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  • Breite: 144 mm
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  • Dicke: 27 mm
  • 556 gr
978-3-593-50529-9 (9783593505299)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Isabell Trommer, Dr. phil., studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Hamburg. Sie arbeitet als Lektorin.
Inhalt
I. Einleitung 7
1. Vorgehen und Aufbau 22
2. Albert Speer im Nationalsozialismus 26
3. Albert Speer im Nürnberger Prozess 32
4. Albert Speer in Spandau 38
II. Rezeption bis zur Haftentlassung 43
1. Pressekonferenz und erstes Interview 63
2. Vorbereitung der Erinnerungen 74
III. Rezeption der Erinnerungen 91
1. Rezeption der Spandauer Tagebücher 106
2. Die Deutsche Demokratische Republik und Speer 117
IV. Topoi der Rezeption 121
1. Der Zeitzeuge 122
2. Der Verführte 136
3. Der Technokrat 141
4. Der Leistungsträger 159
5. Der Widerständler 166
6. Der Bürger 171
7. Der Unwissende 179
8. Der Büßer 192
V. Die Erinnerungen in Amerika 209
VI. Etappen einer Wende 217
1. Kunst und Architektur, Macht und Technik 219
2. Speers letztes Buch 228
3. Speer und die Berliner Juden 238
4. Stille Errungenschaften 253
VII. Große Biografien und Rückschritte 261
VIII. Die SS, Speer und Der Untergang 279
IX. Die Dekonstruktion eines Mythos 295
X. Nach der Wende 309
XI. Schlussbetrachtung 317
1. Das Exempel, der Entlastungszeuge, der Täter 317
2. Die Geschichte Albert Speers als Geschichte der Bundesrepublik 324
Abkürzungen 337
Quellen und Literatur 339
Danksagung 360
Personenregister 361
I. Einleitung
Der 1. Oktober 1966 bricht an: Die Tore des Spandauer Gefängnisses öffnen sich, Albert Speer und Baldur von Schirach, der einstige Reichsjugendführer der NSDAP und Gauleiter von Wien, werden aus dem Kriegsverbrechergefängnis der Alliierten entlassen. Zurück bleibt nur Rudolf Heß, der seine lebenslange Haftstrafe noch bis zu seinem Selbstmord 1987 verbüßen wird. Sie alle waren im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vom Internationalen Militärgerichtshof verurteilt worden. Albert Speer, Hitlers Architekt und Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, ab 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition, war über 20 Jahre inhaftiert. Nun erwarten ihn seine Frau Margarete Speer und sein Anwalt Hans Flächsner. Gemeinsam fahren sie durch das Tor und lassen einen Ort hinter sich, an dem die Zeit gewissermaßen stehengeblieben war. Dann werden sie von der versammelten Presse und anderen Interessierten vor dem Gefängnis empfangen: "Mit einem Schlag waren wir in blendende Helle getaucht." Schirach und Speer treten hinaus in eine ihnen unbekannte politische Ordnung, in die Bundesrepublik Deutschland. Ihre Bürger sollen sie werden.
Hier beginnt eine der erstaunlichsten Geschichten der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit, die eine lange Vorgeschichte hat. Bis zu seinem Tod am 1. September 1981 in London war Albert Speer ein Entlastungszeuge in Deutschland und ein Zeitzeuge in der Welt; für manche war er eine rätselhafte Figur, für andere eine "nationale Exkulpation" oder schlicht der "gute Nazi". Er wusste Einzelheiten und Persönliches über Adolf Hitler und den Kreis um ihn zu berichten, stillte Neugierde und war zugleich das Alibi einer ganzen Nation. Imre Kertész notierte 1974 in seinem Tagebuch: "Ein Paradefall deutscher Schizophrenie."
Nicht nur vor den Gefängnistoren wurde Speer große Aufmerksamkeit zuteil, nach seiner Haftentlassung veröffentlichte er drei Bücher: 1969 erschienen die Erinnerungen, 1975 die Spandauer Tagebücher und 1981 Der Sklavenstaat. Meine Auseinandersetzungen mit der SS. Insbesondere Speers Erinnerungen und seine Tagebücher waren in den Medien und in den Buchhandlungen große Erfolge, zu denen das Engagement seines Verlegers Wolf Jobst Siedler und seines Lektors Joachim Fest beigetragen hat. Über Speer wurde nicht nur viel gesprochen und geschrieben, er kam auch zu einigem Ansehen. Seine Bücher verkauften sich mehrere hunderttausend Male. Der Spiegel, der NDR, die BBC und der Playboy interviewten ihn. Die Welt bezahlte 600.000 Mark für einen seriellen Vorabdruck der Tagebücher, und in Amerika wurden seine Erinnerungen unter dem Titel Inside the Third Reich verfilmt. Prominente Publizisten und Schriftsteller rezensierten seine Bücher, aus aller Welt reisten Historiker, Journalisten, Interessierte und Filmemacher an, um Speer in Heidelberg zu treffen. Kein anderer einst führender NS-Politiker kam so gut durch die Nachkriegszeit wie er. Das ist sie, die viel beschworene "zweite Karriere" des Albert Speer.
Der Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit Speer verrät nicht nur viel über das Verhältnis der Bundesrepublik zum Nationalsozialismus, sondern auch über die Grundzüge ihrer politischen Kultur. Wie kein anderer nationalsozialistischer Politiker hat Speer die Wahrnehmung und Deutung des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland geprägt und geleitet. Zuallererst war es Speers Verhältnis zu Hitler - die Nähe und all die vermeintlichen oder tatsächlichen Ambivalenzen -, das im Mittelpunkt des Interesses stand: Einerseits gab es in der Nachkriegszeit kaum einen anderen "Zeugen", der Hitler so nah gewesen war. Diese enge Bindung, von Speer immer wieder als Verführung beschrieben, faszinierte, schien sie doch repräsentativ dafür zu sein, wie es den Deutschen mit Hitler ergangen war. Andererseits zeichnete Speer sich dadurch aus, dass er sich angeblich vom NS-Regime distanziert hatte: In der Schlussphase des Krieges wollte er gegen Hitlers Politik der "verbrannten Erde" aufbegehrt und so die materiellen Grundlagen des deutschen Volkes vor der Zerstörungswut des Diktators bewahrt haben. Ohne Speers Eingreifen, so glaubten viele, wären die wirtschaftlichen Erfolge der jungen Bundesrepublik undenkbar gewesen. Unter anderem deshalb galt Albert Speer häufig als ein Sonderling innerhalb der nationalsozialistischen Führungsriege. Er stand für eine ungewöhnliche Aufstiegsgeschichte, wurde als bürgerlich, höflich und zivilisiert wahrgenommen, als Künstler, Techniker und Manager, als ein Fachmann, den die NS-Ideologie nicht gänzlich zu korrumpieren vermochte. Dem, was man sich gemeinhin unter einem "Nazi" vorstellte, schien er in vielerlei Hinsicht nicht zu entsprechen.
Speer selbst hatte sich in den Befragungen durch die Alliierten unmittelbar nach Kriegsende und zumal im Verlauf des Nürnberger Prozesses auf die Behauptung gestützt, er habe sich während des Nationalsozialismus nur auf seine "fachliche Arbeit" konzentriert. In seiner Nürnberger Schlusserklärung 1946 warnte er dann vor den Gefahren einer Herrschaft der Technik, wie sie seiner Ansicht nach unter Hitler schon nahezu verwirklicht gewesen sei. Die apologetische Formel vom unpolitischen Technokraten gestattete es Speer, in einem begrenzten Rahmen Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, erlaubte es ihm aber auch, sich als Opfer seiner im Grunde unpolitischen Haltung gegenüber dem NS-Regime zu stilisieren: In Verkennung der totalitären Natur des Regimes war der ambitionierte Künstler einen Pakt mit Hitler eingegangen, der ihn in die Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickte. Überhaupt hatte Speer im Nürnberger Prozess eine vergleichsweise ungewöhnliche Rolle übernommen. Er sprach nicht von Schuld, bekannte sich aber als einziger der Angeklagten zu einer "Gesamtverantwortung". Nach seiner Freilassung zeigte er Einsicht und Reue, blieb in seinen Stellungnahmen jedoch unkonkret, verschwieg Kenntnisse, die er besaß, und log mit strategischem Kalkül, was seine Beteiligung an den Verbrechen des Regimes betraf. Bis zuletzt bestritt Speer, von der Vernichtung der europäischen Juden gewusst zu haben. Auch "den Namen Auschwitz" wollte er in dieser Zeit "nicht direkt gehört" haben, obwohl er, dieses Zugeständnis rang er sich eines Tages ab, geahnt haben wollte, "daß etwas Schreckliches mit den Juden geschah". Mit seiner Rhetorik bot er der bundesrepublikanischen Bevölkerung ein Rollenmodell an, dessen sie sich gerne bediente: Speer verurteilte den Nationalsozialismus als verbrecherisch, doch von den Einzelheiten habe er nichts gewusst. Und wenn er als Minister davon keine Kenntnis hatte, konnten sich auch viele andere darauf berufen. Wie sich im Lauf der Arbeit zeigen wird, trug die Tatsache, dass seinen Selbstauskünften weitestgehend Glauben geschenkt wurde, erheblich zu Speers "zweiter Karriere" bei. Seine Apologien prägten oder unterstützten die Meinung und das Verhalten vieler in der Bundesrepublik. Zugleich speisten sich seine Rechtfertigungen aus gesellschaftlich etablierten Entlastungsmustern.
Die frühen Arbeiten über Speer dokumentieren, dass er als bedeutende und einflussreiche Führungsfigur wahrgenommen wurde, außerdem formulieren sie Typisierungen, entschiedene Interpretationen seiner Rolle im Nationalsozialismus oder psychologisierende Deutungen. So hatte Sebastian Haffner schon 1944 im britischen Exil über den "nationalsozialistischen Machttechniker" geschrieben, er sei in "gewisser Hinsicht [.] für Deutschland heute wichtiger als Hitler", schließlich gehöre er zu einer Spezies, die mit ihren administrativen Fähigkeiten die entsetzliche technische und organisatorische Maschinerie des Regimes am Laufen hielt. Einen ähnlichen Gedanken verfolgte der britische Historiker Hugh Trevor-Roper, der Speer 1947 als "wahren Verbrecher Nazideutschlands" bezeichnete. Stärker geprägt hat die öffentliche Physiognomie Speers ein Aufsatz von Joachim Fest aus dem Jahr 1963. Sein Porträt "Albert Speer und die technizistische Unmoral" ist eine der ersten ausführlichen Auseinandersetzungen mit Speer in der Bundesrepublik. Der Publizist meinte in Speer eine "Ausnahmeerscheinung" erkennen zu können, aber auch den Repräsentanten eines Typus, der seinen technischen Sachverstand und sein Organisationstalent einem Regime angedient hatte, das ohne solche "Fachleute", die sich auf eine "angeblich unpolitische Position" zurückzogen, nicht hätte funktionieren können.
Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist auch die Geschichte ihrer Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Und die Geschichte Albert Speers macht ein nicht unbedeutendes Kapitel dieser Geschichte aus. Richtet man den Blick darauf, wie Speer in der Bundesrepublik aufgenommen wurde, darauf also, welche Bilder man sich von ihm machte, gelangt man zu einer aufschlussreichen Ansicht der Bundesrepublik und ihres Verhältnisses zum Nationalsozialismus, man stößt auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten. Von Albert Speer wurde ein Mythos, eine Imago kommunikativ erzeugt, in der sich kollektive Urteile und Vorurteile, Verkennungen und Einsichten, Annahme und Abwehr geschichtlicher Faktizitäten verdichtet haben. Würde man das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft nach Mythos, Erinnerung und Geschichte untergliedern und die Erinnerung, in Anlehnung an den Philosophen Avishai Margalit, zwischen Geschichte und Mythos verorten, dann war im Falle Speers der Mythos in der Bundesrepublik über Jahrzehnte hinweg stärker als die historischen Tatsachen. Die Genealogie dieses Mythos, dieser sich hartnäckig haltenden "falschen Überzeugung" (Segal), soll hier bis zu seiner Auflösung nacherzählt und entschlüsselt werden. Zu fragen ist also, wie sich dieses Bild entwickelt und wie Speer durch seine Schriften oder durch Interventionen in Debatten darauf eingewirkt hat, schließlich darf man nicht vergessen, dass er immer beides war: Gegenstand und Akteur. Es geht also nicht um einen Mythos im Sinne einer Sage oder um eine klassische Mythologie, sondern um ein Narrativ, das für das Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland wichtig war, sich aber, wie sich zeigen wird, nicht auf historische Fakten stützte. Damit einher geht die Frage, was dieser Mythos über die Erinnerungskultur der bundesrepublikanischen Gesellschaft und über die politische Kultur dieser Jahre verrät. Welchen Ort, so könnte man die Frage anders formulieren, hat Albert Speer im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik? Die Analyse dieses Bildes erfordert eine Beschäftigung mit den Debatten und mit den Medien, aus denen es hervorgegangen ist. Deshalb verfolge ich diese Fragen anhand von Zeitungsartikeln, Rezensionen, Interviews, Aufsätzen und Buchpublikationen über Albert Speer. Der Anspruch ist ein doppelter: Sowohl die wissenschaftliche als auch die mediale Auseinandersetzung mit Speer werden untersucht. Die historischen Artikel werden ausgewertet und der jeweilige Forschungsstand dargestellt.
Es ist also zu klären, warum die apologetischen Formeln Speers mehr oder weniger umstandslos aufgegriffen wurden, warum sie konsensfähig waren, ja weshalb sie auf weite Teile der Öffentlichkeit derart faszinierend wirkten. Am Ende dieser Studie soll eine historische Darstellung der Rezeption Albert Speers stehen, eine Geschichte der Debatten und Diskurse, die von seiner Haftentlassung an um und mit ihm geführt wurden.
Das Bild Speers setzt sich, so die These dieser Arbeit, aus einer Reihe von Formeln, Themen und Gemeinplätzen zusammen, die in der Rezeption immer wieder auftauchen und im Folgenden als Topoi bezeichnet werden: der Zeitzeuge, der Verführte, der Technokrat, der Leistungsträger, der Widerständler, der Bürger, der Unwissende und der Büßer. Diese Themen haben die Speer-Rezeption dominiert und sich zum Mythos verdichtet. An den Topoi lassen sich Urteile und Wertungen, aber auch Normen und Einstellungen der Verfasser der Texte über Speer ablesen, in Bezug auf ihr Verständnis von Geschichte und Politik ganz allgemein, insbesondere aber in Bezug auf Albert Speer. Ein weiteres Ziel dieser Arbeit besteht darin, nachzuweisen, welche Bedeutung gerade der Rezeption Speers innerhalb der Debatten über die normative Ordnung des bundesrepublikanischen Gemeinwesens und ihres Verhältnisses zum Nationalsozialismus zukommt. Denn mit dem Wirbel um das Erscheinen von Speers Memoiren rückt beispielsweise die technokratische Seite der NS-Diktatur ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Gleichzeitig finden in der Bundesrepublik dieser Jahre einschlägige Debatten über Freiheit, Herrschaft, Technokratie und Sachzwang in der Massendemokratie statt.
Die Topoi bilden also nicht nur die Wahrnehmung Speers ab, sie sind darüber hinaus exemplarisch für die bundesrepublikanischen Diskurse und Rechtfertigungsmuster. Denn in der Art, wie mit Speer umgegangen wurde, zeigt sich die Einstellung der Deutschen zur NS-Vergangenheit. Dazu gehört, dass Speer eine Art kollektiver Entlastungszeuge war. Geht seine ungewöhnliche Publizität nicht auch auf Identifikationsbereitschaften zurück, die er aufgreift und weiterführt, indem er sich vage zu einer Verantwortung bekennt, ohne sich konkrete, individuelle Schuld zuschreiben zu lassen, da er sich letztlich immer darauf beruft, nichts von den NS-Verbrechen gewusst zu haben? Diese im Grunde paradoxe Haltung - Verantwortung für etwas zu übernehmen, von dem man nichts gewusst haben will - räumt der Vergangenheit Faktizität ein und hält sie zugleich auf Distanz, sodass sie das neue Leben in der Bundesrepublik kaum berührt. Dieser Spur folgend, sollen die einzelnen Topoi der Speer-Rezeption, die den "Mythos Speer" ausmachen, herausgearbeitet, soll ihre Entwicklung bis in die Gegenwart nachvollzogen werden. Wie sich zeigen wird, treten im Lauf der Zeit neue Topoi hinzu, während andere verblassen. Zu klären ist, wie dieser Mythos entstand, was ihm seine Dauerhaftigkeit sicherte und in welchen Etappen er sich aufgelöst hat. Und zu klären ist außerdem, welchen Ort die Topoi in den gesellschaftlichen Debatten einnehmen und was sie über das Verhältnis der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit zu den NS-Verbrechen aussagen. Dabei lautet die These dieser Arbeit, dass die Rechtfertigungsdiskurse, die anhand der Untersuchung der Topoi offenbar werden, repräsentativ für die bundesrepublikanische Gesellschaft waren und eine Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein blockierten.
Früheren kritischen Interventionen und gelegentlichen Kontroversen zum Trotz sollte die Forschung erst nach Speers Tod im September 1981 in der Lage sein, seine Lügen anhand von Dokumentenfunden systematisch und umfassend zu widerlegen. Langsam, Stück für Stück, kamen die Tatsachen ans Licht. Doch bis diese Erkenntnisse in eine breitere Öffentlichkeit Eingang fanden, bis Speer als Täter und nicht länger als Verführter wahrgenommen wurde, sollten Jahrzehnte vergehen. Nicht nur Speers Tod, also das definitive Ende seiner Einflussnahme, schien zunächst eine erste gravierende Zäsur in der Rezeptionsgeschichte seiner Person zu setzen. Auch die in der Bundesrepublik erst Anfang der achtziger Jahre auf breiterer Basis gesuchte zeithistorische Auseinandersetzung mit dem Holocaust trug dazu bei, dass Speers Beteiligung an den Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes allmählich deutlicher hervortrat. So präsentierte Matthias Schmidt in seiner 1982 veröffentlichten Dissertation Albert Speer: Das Ende eines Mythos Beweise dafür, dass die Chronik, die Speers Mitarbeiter Rudolf Wolters über die Behörde des "Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt" und über das Rüstungsministerium verfasst hatte, um Passagen zur "Judenevakuierung" in Berlin bereinigt worden war. Schmidt konnte zeigen, wie systematisch Speer in den Erinnerungen und anderswo gelogen und Kenntnisse verschwiegen hatte. Auch einen Briefwechsel mit dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler vom Mai 1943 über den Ausbau des Konzentrationslagers Auschwitz legte Schmidt offen. Dass Speer 1942 bereits einer Erweiterung des Lagers Auschwitz und der Errichtung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zur "Durchführung der Sonderaufgabe" zugestimmt hatte, blieb jedoch noch Jahre im Hintergrund, zudem wurde Schmidts Buch häufig als polemisch abgetan oder ganz übergangen. Michael Hepp vermittelte in einem Aufsatz aus dem Jahr 1985 einen Eindruck davon, wie Speer in seinem Buch über die SS seine Beteiligung an der Errichtung von Konzentrationslagern, an deren Stein- und Ziegelherstellung für die mit Hitler geplanten Berliner Großbauten er interessiert war, vertuscht, wie er überhaupt den eigenen Einsatz heruntergespielt und Zahlen beschönigt hatte. Nachdem Johann Geist und Klaus Kürvers schon Mitte der neunziger Jahre einen wegweisenden Text über die "Entmietung" der Berliner Juden veröffentlicht hatten, arbeitete Susanne Willems 2002 in ihrer Dissertation Der entsiedelte Jude heraus, wie sich Speer im Einzelnen die "Judenpolitik" nicht nur zunutze machte, sondern sie mitsteuerte und mit der Gestapo Hand in Hand arbeitete. Willems' Studie belegt, dass Speer bereits 1938 während seiner Tätigkeit als Architekt und Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, also nicht erst als Rüstungsminister, nationalsozialistische Politiken initiiert und für seine Zwecke genutzt hatte. Um seine Pläne für die neue Reichshauptstadt "Germania" verwirklichen zu können, brauchte er Raum, Baumaterialien und Arbeitskräfte. In all diesen Bereichen hatte er sich, Willems zufolge, verbrecherischer Mittel bedient. Schließlich ist es einer Reihe von Aufsätzen zu verdanken, dass weitere Einzelheiten ans Licht kamen, etwa über Speers Zusammenarbeit mit der SS, die Initiierung von Konzentrationslagern, die übertriebene Darstellung seiner Rüstungserfolge oder seines "Widerstandes". Gleiches gilt für jüngere Studien zu nationalsozialistischen Verbrechen, die auch die Taten Speers beleuchten.
Doch viele dieser Erkenntnisse waren jahrzehntelang nur einem kleinen Kreis von Wissenschaftlern bekannt. Hinzu kam, dass in den neunziger Jahren Biografien erschienen, die ein Bild Speers aktualisierten, das schon längst hätte überholt sein müssen. Das gilt für das akribische, über mehrere Jahre hinweg recherchierte Buch der britischen Journalistin Gitta Sereny, eine psychologische Studie, in der sie sich Speer in Gesprächen nähert und zahlreiche Quellen auswertet. Sereny kommt zu dem Ergebnis, Speer habe spätestens 1943 von der "Endlösung" gewusst. Trotz ihres hermeneutischen Feinsinns ist ihre Speer-Biografie mindestens wohlwollend und aus zu großer persönlicher Nähe heraus geschrieben. Sereny berücksichtigt nicht alle zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Dokumente, spart Informationen aus und meidet letzte Zuspitzungen. Ähnliches gilt auch für Joachim Fests Biografie über Speer aus dem Jahr 1999. Zuletzt legte Heinrich Breloer jedoch in seinem Buch Die Akte Speer entscheidende Dokumente vor. Er brachte zudem 2005 mit dem dreiteiligen Fernsehfilm Speer und Er und der dazugehörigen Dokumentation Nachspiel - Die Täuschung den Forschungsstand einem breiten Publikum nahe beziehungsweise konfrontierte die Öffentlichkeit mit Tatsachen, die sie zuvor in weiten Teilen über Jahrzehnte hinweg ignoriert hatte.
Mit der vorliegenden Studie soll der Forschungsliteratur keine Speer-Biografie hinzugefügt werden. Es ist auch nicht ihr Ziel, weitere speersche Lügen zu enthüllen oder nach der historischen Wahrheit über Albert Speer zu suchen. Genauso wenig handelt es sich um ein Buch über einen großen Mann, der Geschichte gemacht hat. Vielmehr geht es um das Bild Albert Speers, das in der bundesdeutschen Öffentlichkeit entstanden ist, und seine erinnerungspolitische und zeitdiagnostische Bedeutung. Gleichwohl wird der Lebenslauf Speers von 1966 an das analytische Geländer dieser Arbeit bilden. Auf die Rezeption seiner Architektur muss dabei nicht ausführlich eingegangen werden, doch wird zu berücksichtigen sein, dass Speer zuerst und zumeist als Hitlers Architekt und seltener als dessen Rüstungsminister wahrgenommen wurde. Geblieben sind einige Berliner Straßenlaternen.
Im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis saßen nach dem Nürnberger Prozess zunächst sieben Gefangene ein, die vier vorzeitigen Entlassungen fanden in der deutschen Öffentlichkeit vergleichsweise wenig Widerhall. Als 1954 Konstantin von Neurath freigelassen wurde, schrieb der damalige Bundespräsident Theodor Heuss ihm eine Depesche, es gab Zeitungsnotizen, kaum mehr. Mitte der sechziger Jahre hatte sich die Situation verändert. In diesem Jahrzehnt fanden der Eichmann-Prozess in Jerusalem und der Frankfurter Auschwitz-Prozess statt. Außerdem forderte die studentische Protestbewegung eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein. Die öffentliche Aufmerksamkeit für die jüngere Geschichte wuchs also. An den Schilderungen einstiger NS-Führungsfiguren war man jedoch schon seit den Fünfzigern interessiert gewesen. Unter den verurteilten Kriegsverbrechern war das Genre des Tagebuchs oder der Memoiren besonders beliebt. Franz von Papen, Erich Raeder, Karl Dönitz und Baldur von Schirach - um nur einige zu nennen -, sie alle schilderten ihre Sicht der Geschichte. Der Schreibeifer und der Wunsch, die Deutungshoheit über die Geschichte zu erlangen, verband sie auch mit Adolf Eichmann, der allerdings, weil er zunächst untergetaucht und schließlich Gefangener in Israel war, nicht veröffentlichen konnte. Er schrieb daher im Geheimen, was ihn wiederum mit dem in Spandau einsitzenden Speer verband. Doch Albert Speers Erinnerungen und seine Spandauer Tagebücher wurden schließlich in einem großen, anerkannten Verlagshaus publiziert, und nur seine Bücher wurden zu herausragenden Erfolgen. Anhand von Speer begannen die Deutschen, sich mit Adolf Hitler auseinanderzusetzen, in gewisser Weise zumindest. Speer avancierte zum bedeutendsten "Zeitzeugen", zum Hitler-Experten, die Öffentlichkeit brachte ihm großes Interesse entgegen, bis zuletzt bestimmte er den Diskurs. An seinen Widersprüchen, Eingeständnissen und Lügen arbeiteten sich bundesdeutsche Historiker und Journalisten jahrzehntelang ab: Ob er von der Judenvernichtung gewusst habe? Ob er die "Posener Rede" Himmlers am 6. Oktober 1943 gehört habe? Ob er sich in Nürnberg mit den Anklägern abgesprochen habe? Wie Hitler wirklich gewesen sei?

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