Auf Napoleons Spuren

Eine Reise durch Europa
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. August 2019
 
  • Buch
  • |
  • Hardcover
  • |
  • 408 Seiten
978-3-406-73529-5 (ISBN)
 

Wenige historische Persönlichkeiten üben eine so starke Faszination aus wie Napoleon Bonaparte. Wer aber glaubt, dass die Erinnerung an die großen Kriege und Eroberungen des einstigen Feldherrn allmählich verblassen, sollte sich zusammen mit Thomas Schuler auf eine einzigartige Entdeckungsreise durch Europa und die Zeit begeben. Denn unterwegs auf Napoleons Spuren sehen wir, dass sein Geist uns heute noch überall umgibt - auch dort, wo man ihn gar nicht erwartet hätte.

Wenn man nur genau genug hinsieht, tun sich in unserer Gegenwart immer noch viele Türen auf, durch die sich ein Blick zurück erhaschen lässt in die Napoleonische Zeit. Wer hätte etwa gedacht, dass Napoleons bevorzugter Chocolatier in Paris heute noch nach damaligen Rezepten seine Süßwaren fertigt? Der Historiker und Journalist Thomas Schuler hat sich an Orte begeben, die eng mit der Geschichte Napoleons verwoben sind, er ist über den Großen St. Bernhard gewandert, hat Moskau, Paris, Berlin, London, Kaub und Venedig besucht, und er hat große Schlachtfelder inspiziert wie Waterloo, die Beresina oder Regensburg - sein Buch ist eine historische Spurensuche, gespickt mit überraschenden Beobachtungen und unterhaltsamen Geschichten.

Leinen
1. Auflage 2019
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • Gewebe
mit 32 Abbildungen und 11 Karten
  • Höhe: 221 mm
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  • Breite: 146 mm
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  • Dicke: 37 mm
  • 652 gr
978-3-406-73529-5 (9783406735295)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Thomas Schuler ist einer der führenden Napoleon-Experten Deutschlands. Neben einer umfangreichen publizistischen Tätigkeit zum Thema und europaweiten Vorträgen organisiert er historische Führungen an Originalschauplätzen der Epoche.

DER GROSSE ST. BERNHARD
DAS GOTTESHAUS IN DEN WOLKEN

«Man muss alles aufs Spiel setzen,
um alles zu gewinnen.»[1]

Napoleon

AUF DEM DACH EUROPAS

Mit tief ins Gesicht geschobenem Hut zog der Bergführer das Maultier, auf dessen Rücken in einen grauen Mantel gehüllt Napoleon saß. Der jahrtausendealte Pfad führte über schwindelerregende Schluchten auf die Passhöhe des Großen St. Bernhard. Einsamkeit lag in den eisigen Höhen von beinahe 2000 Metern, die die Männer überwinden mussten.[2]

Behäbig schritt das Tier den steilen Abhang entlang, als plötzlich das vereiste Geröll unter seinen Hufen wegbrach. Der Esel rutschte bis an den Rand der tiefen Schlucht. Geistesgegenwärtig sprang der Schweizer Bergführer Pierre Dorsaz zwischen das strauchelnde Tier und den gähnenden Abgrund, stützte mit dem ausgestreckten Arm Napoleon und drückte unter Einsatz seines gesamten Körpergewichtes den Maulesel samt Reiter zurück auf den steilen Weg.[3] Der keuchende Atem von Tier und Mensch war zu sehen, so schneidend kalt war die Luft als die beiden ungleichen Männer einander mit weit aufgerissenen Augen anblickten.[4] Was keiner von beiden ahnte war, dass die letzten Sekunden über den Verlauf des gesamten 19. Jahrhunderts entschieden hatten.

DIE PFADE VON EINST

Wie von Geisterhand gelenkt jagen dichte Wolken über den Gipfeln dahin. Das knirschende Geräusch meiner Schritte im tiefen Schnee ist das einzige, was weit und breit die Ruhe der Bergwelt zu stören scheint. Während mein Blick über die schneebedeckten Berge gleitet, ragt Ehrfurcht gebietend der Große St. Bernhard über ihnen hervor.

«In gewisser Höhe», erinnerte sich der 17-jährige Marie-Henri Beyle, heute besser bekannt unter dem Namen Stendhal, der als Kavallerist der Armee Napoleons im Mai 1800 auf diesem Weg unterwegs war, «wurde die Kälte beißend, ein penetranter Nebel umgab uns, Schnee bedeckte seit Langem die Marschstraße. Diese, ein schmaler Weg zwischen zwei Mauern aus rohen Steinen, war acht bis zehn Zoll tief von Schnee überweht mit steinigem Geröll darunter.»[5]

Warum stapfe ich hier durch die Einsamkeit dieser Bergwelt? Warum den Spuren eines Menschen folgen, der seit nahezu 200 Jahren tot ist? Warum noch einmal ein Buch über Napoleon, über den es doch schon mehr als eine halbe Million Bücher gibt[6]; vermutlich mehr als über jeden anderen Menschen, der jemals gelebt hat? Die spannende Frage aber ist: Warum gibt es überhaupt so wahnsinnig viele Bücher über ihn? In jedem Fall darf die Bücherflut als Beleg angesehen werden, dass es bis auf den heutigen Tag Widersprüche und Fragezeichen in Bezug auf die historische Bewertung Napoleons gibt, die jeder Autor oder jede Autorin dann mehr oder weniger begründet zu beantworten sucht.

Goethe sprach von Napoleon fast liebevoll als von «seinem Kaiser»[7], Heinrich von Kleist nannte ihn von abgrundtiefem Hass erfüllt einen «Höllensohn»,[8] Heinrich Heine verehrte ihn Zeit seines Lebens schwärmerisch und Tolstoi sprach ihm kategorisch alles Menschliche ab - Napoleon polarisiert bis heute, nicht nur in der Welt der Literatur, sondern auch in der Geschichtswissenschaft. Viele der Darstellungen, Interpretationen und Wertungen könnten zum Teil unterschiedlicher nicht sein. Wo aber ist jenseits aller Dämonisierung und Glorifizierung, jenseits von Verherrlichung und Schuldsprechung der echte Napoleon?

Der Umstand, dass die weltweit erscheinende Publikationswelle über das Thema ungebremst anhält, deutet darauf hin, dass in seiner Geschichte noch immer ein Geheimnis zu liegen scheint. Was sonst würde all jene schreibenden und lesenden Menschen bewegen, sich mit dem Thema zu beschäftigen? Vielleicht ist es die Suche nach diesem Geheimnis, das ich irgendwo auf dieser Reise vom einen zum anderen Ende Europas zu ergründen hoffe. Während mein Blick über die atemberaubend schöne Bergwelt schweift, kreist weit über den Gipfeln dem Auge schon beinahe entrückt ein Steinadler.

DAS UNMÖGLICHE

Wenige hundert Meter nordöstlich von Bourg-Saint-Pierre führen meine Schritte an jener steil abfallenden Schlucht vorbei,[9] in der Napoleons Aufstieg zum Beherrscher Europas um ein Haar ein jähes Ende genommen hätte. Wäre es dem jungen Schweizer Bergführer an dieser Stelle nicht gelungen, das Maultier zurück auf den Weg zu schieben, so hätte es das riesige Empire von Barcelona bis Hamburg, die Sonne von Austerlitz, das Jahrhundertfeuer von Moskau und einen Wiener Kongress, der Europa nachhaltig neu ordnete, nie gegeben. Auch hätte der renommierte Historiker Thomas Nipperdey sein Standardwerk über die «Deutsche Geschichte 1800-1918»[10] nicht mit dem wegweisenden Satz «Am Anfang war Napoleon» begonnen, weil es diesen Anfang dann niemals gegeben hätte.

Als Napoleon auf dem Rücken seines Maultieres diesen Weg entlang ritt, befand sich halb Europa in einem von England finanzierten Angriffskrieg gegen die junge Französische Republik - Österreich und Russland bildeten die II. Koalition gegen Napoleon. Sechs Monate zuvor hatte der außergewöhnlich begabte General Bonaparte, begünstigt durch die ebenso außergewöhnlichen historischen Umstände infolge der Französischen Revolution, mit einen Staatsstreich in Frankreich die Macht übernommen (9. November 1799). Nachdem er zum Regierungsoberhaupt und Ersten Konsul avanciert war, machte er England mehrere Friedensangebote. Diese wurden jedoch allesamt abgelehnt, woraufhin der 30-jährige Napoleon plante, eine 46.292 Mann starke französische Armee[11] über die Alpen in das von den Österreichern besetzte Norditalien zu führen. Der schmale Bergpfad über den Großen St. Bernhard galt im Winter und Frühjahr als unbegehbar; nicht einmal Gamsjäger mit Eisschuhen und Alpenstöcken wagten ihn zu betreten.

Tatsächlich hätte der Übergang mit einer ganzen Armee samt Artillerie und Pferden mitten durch die gefährliche Bergwelt zu dieser Jahreszeit im Falle eines plötzlich einsetzenden Schneesturms leichthin in einer militärischen Katastrophe enden können. Vor diesem Hintergrund hatten mehrere Generäle das Vorhaben während Napoleons Aufenthalt in Lausanne als unmöglich bezeichnet, woraufhin der aufstrebende Konsul entgegnete: «Was möglich ist, liegt im Ermessen jedes Einzelnen. Ich will das Unmögliche versuchen.»[12]

DER KÄSESPEICHER IN BOURG-SAINT-PIERRE

Zum Bergdorf Bourg-Saint-Pierre im südlichen Wallis führte damals wie heute eine im Winter leidlich befahrbare Straße. Auf der nördlichen Seite der Alpen ist es das letzte Dorf vor dem Aufstieg zur Passhöhe. In vorchristlicher Zeit endete die Straße hier, und auch heute noch endet die Straße in den Monaten Oktober bis Juni dort. Sie ist dann allenfalls mit Vierradantrieb oder Schneeketten befahrbar.

In Bourg-Saint-Pierre wurden also auf Napoleons Befehl hin die sechzig Geschütze auseinandergebaut.[13] Die Arbeiten wurden auf Wiesen in einem Biwak am nördlichen Dorfrand[14] ausgeführt, ungefähr dort, wo sich heute das Hotel «Au Bivouac de Napoléon» befindet. Hierbei stellte sich jedoch heraus, dass die in Auxonne eigens für die Alpenüberquerung gebauten Schmalspurschlitten vollkommen unbrauchbar waren. Darum wurden innerhalb weniger Tage in den umliegenden Wäldern kurzerhand mehr als 5000 Fichten und Tannen gefällt, wobei selbst der Bannwald nicht geschont wurde.[15] Aus den geschlagenen Bäumen fertigten die Soldaten Kisten für die Munition. Die kräftigsten Stämme sägten sie in der Mitte auseinander, höhlten einen Trog aus, legten ihn mit Stroh aus und befestigten die großen Kanonenrohre mit Keilen. Bis zu 100 Mann zogen in diesen schlittenähnlichen Gefährten an Stricken die zum Teil zwei Tonnen schweren Geschützrohre, wozu man außerdem die Bauern aus den nahen Dörfern zwangsverpflichtet hatte.[16] Die kurz darauf folgende Arbeit, die Kanonen mit bloßen Händen über den...


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