Strafe

Stories
 
 
Luchterhand Literaturverlag
  • erschienen im März 2018
 
  • Buch
  • |
  • Hardcover
  • |
  • 192 Seiten
978-3-630-87538-5 (ISBN)
 

Was ist Wahrheit? Was ist Wirklichkeit? Wie wurden wir, wer wir sind?

Ferdinand von Schirach beschreibt in seinem neuen Buch "Strafe" zwölf Schicksale. Wie schon in den beiden Bänden "Verbrechen" und "Schuld" zeigt er, wie schwer es ist, einem Menschen gerecht zu werden und wie voreilig unsere Begriffe von "gut" und "böse" oft sind.

Ferdinand von Schirach verurteilt nie. In ruhiger, distanzierter Gelassenheit und zugleich voller Empathie erzählt er von Einsamkeit und Fremdheit, von dem Streben nach Glück und dem Scheitern. Seine Geschichten sind Erzählungen über uns selbst.



  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Random House
  • mit Schutzumschlag
  • Höhe: 220 mm
  • |
  • Breite: 146 mm
  • |
  • Dicke: 23 mm
  • 357 gr
978-3-630-87538-5 (9783630875385)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Der Spiegel nannte Ferdinand von Schirach einen »großartigen Erzähler«, die New York Times einen »außergewöhnlichen Stilisten«, der Independent verglich ihn mit Kafka und Kleist, der Daily Telegraph schrieb, er sei »eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur«. Die Erzählungsbände »Verbrechen« und »Schuld« und die Romane »Der Fall Collini« und »Tabu« wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück »Terror« zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit.

Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm im Herbst 2017 unter dem Titel »Die Herzlichkeit der Vernunft« ein Band mit Gesprächen mit Alexander Kluge.

Die Schöffin

Katharina wuchs im Hochschwarzwald auf. Elf Bauernhöfe auf 1100 Meter Höhe, eine Kapelle, ein Lebensmittelgeschäft, das nur montags geöffnet hatte. Sie wohnten im letzten Gebäude, einem dreistöckigen Hof mit heruntergezogenem Dach. Es war das Elternhaus ihrer Mutter. Hinter dem Hof war der Wald und dahinter waren die Felsen und dahinter war wieder der Wald. Sie war das einzige Kind im Dorf.

Der Vater war Prokurist einer Papierfabrik, die Mutter Lehrerin. Beide arbeiteten unten in der Stadt. Katharina ging nach der Schule oft zur Firma des Vaters, sie war damals elf Jahre alt. Sie saß im Büro, wenn er über Preise, Rabatte und Liefertermine verhandelte, sie hörte bei seinen Telefonaten zu, er erklärte ihr alles so lange, bis sie es verstand. In den Ferien nahm er sie mit auf Geschäftsreisen, sie packte seine Koffer, legte seine Anzüge raus und wartete im Hotel, bis er von den Terminen zurückkam. Mit dreizehn war sie einen halben Kopf größer als er, sie war sehr schmal, ihre Haut hell, ihre Haare fast schwarz. Ihr Vater nannte sie Schneewittchen, er lachte, wenn jemand sagte, er habe eine sehr junge Frau geheiratet.

Zwei Wochen nach Katharinas vierzehntem Geburtstag schneite es das erste Mal in diesem Jahr. Es war sehr hell und sehr kalt. Vor dem Haus lagen die neuen Holzschindeln, der Vater wollte das Dach noch vor dem Winter ausbessern. Wie jeden Morgen fuhr sie mit der Mutter zur Schule. Vor ihnen war ein Lastwagen. Die Mutter hatte den ganzen Morgen nicht gesprochen.

»Dein Vater hat sich in eine andere Frau verliebt«, sagte sie jetzt. Auf den Bäumen lag Schnee und auf den Felsen lag Schnee. Sie überholten den Lastwagen, auf der Seite stand »Südfrüchte«, jeder Buchstabe in einer anderen Farbe. »In seine Sekretärin«, sagte die Mutter. Sie fuhr zu schnell. Katharina kannte die Sekretärin, sie war immer freundlich gewesen. Der Vater hatte ihr nichts gesagt, nur daran konnte sie noch denken. Sie drückte ihre Fingernägel in die Schultasche, bis es weh tat.

Der Vater zog in ein Haus in der Stadt. Katharina sah ihn nicht mehr.

Ein halbes Jahr später wurden Bretter vor die Fenster des Hofs genagelt, das Wasser wurde aus den Rohren gelassen und der Strom abgestellt. Die Mutter und Katharina zogen nach Bonn, dort lebten Verwandte.

Katharina brauchte ein Jahr, um sich den Dialekt abzugewöhnen. Für die Schülerzeitung schrieb sie politische Aufsätze. Als sie sechzehn war, druckte eine lokale Tageszeitung ihren ersten Text. Sie beobachtete sich bei allem, was sie tat.

Weil sie das beste Abitur gemacht hatte, musste sie in der Aula der Schule die Abschlussrede halten. Es war ihr unangenehm. Später, auf der Party, trank sie zu viel. Sie tanzte mit einem Jungen aus ihrer Klasse. Sie küsste ihn, sie spürte seine Erektion durch die Jeans. Er trug eine Brille aus Hornimitat und hatte nasse Hände. Manchmal hatte sie an andere Männer gedacht, selbstbewusste, erwachsene Männer, die sich nach ihr umgedreht und gesagt hatten, sie sei hübsch. Aber sie waren ihr fremd geblieben, zu weit weg von dem, was sie kannte.

Der junge Mann fuhr sie nach Hause. Sie befriedigte ihn im Wagen vor ihrer Wohnung, während sie an die Fehler in ihrer Rede dachte. Dann ging sie nach oben. Im Badezimmer schnitt sie wieder mit der Nagelschere in ihr Handgelenk. Es blutete stärker als sonst. Sie suchte einen Verband, Fläschchen und Tuben fielen in das Waschbecken. »Ich bin beschädigte Ware«, dachte sie.

Nach dem Abitur zog sie mit einer Schulfreundin in eine Zweizimmerwohnung und begann Politikwissenschaften zu studieren. Nach dem zweiten Semester bekam sie eine Stelle als studentische Hilfskraft, am Wochenende jobbte sie als Unterwäschemodell für Kaufhauskataloge.

Im vierten Semester machte sie ein Praktikum bei einem Landtagsabgeordneten. Er stammte aus der Eifel, seine Eltern hatten dort ein Modegeschäft. Es war seine erste Wahlperiode. Er sah aus wie eine ältere Version ihrer bisherigen Freunde, noch ganz mit sich selbst beschäftigt, mehr Junge als Mann, er war klein und stämmig, ein rundes, freundliches Gesicht. Sie glaubte nicht an seine politische Karriere, aber sie sagte es nicht. Auf der Fahrt durch seinen Wahlbezirk stellte er sie seinen Freunden vor. Er ist stolz auf mich, dachte sie. Beim Abendessen besprachen sie seinen Auftritt für den nächsten Tag, er beugte sich über den Tisch und küsste sie. Sie gingen in sein Hotelzimmer. Er war so erregt, dass er sofort kam. Es war ihm peinlich, sie versuchte ihn zu beruhigen.

Sie behielt ihre Wohnung, aber übernachtete jetzt fast immer bei ihm. Manchmal verreisten sie, immer nur kurz, er hatte viel zu tun. Sie korrigierte vorsichtig seine Reden, sie wollte ihn nicht verletzen. Wenn sie miteinander schliefen, verlor er die Kontrolle über seinen Körper. Es rührte sie.

Ihr Examen feierte sie nicht, sie sagte ihren Bekannten und ihrer Familie, sie sei zu müde. Ihr Freund kam spät von einer Veranstaltung, sie lag schon im Bett. Er trug die Krawatte, die sie ihm geschenkt hatte. Er hatte eine Flasche Champagner mitgebracht, öffnete sie und fragte, ob sie ihn heiraten wolle. Er stand an der Kante des Bettes. Sie müsse ja nicht gleich antworten, sagte er mit dem Glas in der Hand.

In dieser Nacht ging sie ins Badezimmer, setzte sich in der Dusche auf den Boden und ließ das heiße Wasser so lange laufen, bis ihre Haut fast verbrannte. Es wird immer da sein, dachte sie. In der Schule hatte sie es schon gekannt, damals hatte sie es Hintergrundstrahlung genannt, wie die Mikrowellen, die überall im Universum sind. Sie weinte stumm, dann wurde es besser und sie schämte sich.

»Wir sollten in der nächsten Woche zu meinen Eltern fahren«, sagte er beim Frühstück.

»Ich werde nicht mitkommen«, sagte sie.

Dann sprach sie über seine Freiheit und über ihre Freiheit und über das, was sie noch erleben wollten. Sie redete sehr lange über diese anderen Dinge, die nicht stimmten und die nichts mit ihnen zu tun hatten. Die Hitze des Hochsommertages kam durch die offenen Fenster, sie wusste nicht mehr, was richtig war und was falsch war und irgendwann gab es nichts mehr zu sagen. Sie stand auf und räumte den Tisch ab, den er gedeckt hatte. Sie war verwundet und leer und sehr müde.

Sie legte sich wieder ins Bett. Als sie hörte, dass er im anderen Zimmer weinte, stand sie auf und ging zu ihm. Sie schliefen noch einmal miteinander, so, als würde es etwas bedeuten, aber es bedeutete nichts mehr und war kein Versprechen.

Am Nachmittag packte sie ihre Sachen in zwei Plastiktüten. Sie legte seinen Wohnungsschlüssel auf den Tisch.

»Ich bin nicht der Mensch, der ich sein will«, sagte sie. Er sah sie nicht an.

Sie ging an der Universität vorbei, weiter über den verbrannten Rasen im Hofgarten und die Allee hoch bis zum Schloss. Sie setzte sich auf eine Bank und zog die Beine an, ihre Schuhe waren voller Staub. Die Kugel auf dem Dach des Schlosses glänzte oxydgrün. Der Wind drehte nach Ost, er wurde stärker und der Regen begann.

In ihrer Wohnung war es stickig. Sie zog sich aus, legte sich aufs Bett und schlief sofort ein. Als sie aufwachte, hörte sie den Regen und den Wind und die Glocken der nahen Kirche. Dann schlief sie wieder ein, und als sie erneut aufwachte, war es sehr still.

Sie begann für eine politische Stiftung zu arbeiten. Sie betreute die Gäste während der Konferenzen - Politiker, Unternehmer, Lobbyisten. In den Hotels roch es nach Flüssigseife, beim Frühstück legten die Männer ihre Krawatten über die Schulter, damit sie nicht schmutzig wurden. Später konnte sie sich nur undeutlich an diese Zeit erinnern.

Allmählich wurde es besser. Der Vorsitzende der Stiftung erkannte ihre Begabung: Die Menschen mochten sie und weil sie sich selbst ganz zurücknahm, sagten sie mehr, als sie wollten. Der Vorsitzende machte sie zu seiner Referentin, sie begleitete ihn, schrieb Pressemitteilungen, beriet ihn, schlug Taktiken vor. Der Vorsitzende sagte, sie sei sehr gut, aber sie glaubte, sie sei wertlos, eine Art Hochstaplerin, ihre Arbeit sei unbedeutend. Auf den Reisen schliefen sie manchmal miteinander, es schien dazuzugehören.

Nach drei Jahren in diesem Leben begann ihr Körper zu schmerzen. Sie verlor immer weiter Gewicht. Wenn sie frei hatte, war sie zu erschöpft, um jemanden zu treffen, jede Verabredung, jeder Anruf, jede E-Mail strengte sie an. Ihr Telefon lag nachts neben dem Bett.

Zwischen zwei Konferenzen musste sie sich einen Weisheitszahn ziehen lassen. Sie bekam einen Nervenzusammenbruch. Weil sie nicht mehr aufhören konnte zu weinen, spritzte der Zahnarzt ihr ein Beruhigungsmittel. Es wirkte zu stark, sie verlor das Bewusstsein und erwachte erst wieder im Krankenhaus.

Sie setzte sich auf, sie trug nur den Krankenhauskittel, der am Rücken offen war. Ein gelber Vorhang hing vor dem Fenster. Später kam ein Psychologe, er war ruhig und sanft. Sie sprach lange mit ihm. Er sagte, sie reagiere zu stark auf andere, sie müsse vorsichtig mit sich sein und verstehen, dass sie ein eigener Mensch sei. Es werde schiefgehen, wenn sie so weitermache.

Eine Woche später kündigte sie in der Stiftung.

Vier Monate nach ihrem Zusammenbruch rief der Vorsitzende sie an. Ob es ihr besser gehe, fragte er. Ein Unternehmen aus Berlin suche eine Pressesprecherin, er habe sie empfohlen. Es seien junge Leute, eine Softwarefirma. Vielleicht interessiere sie das ja, er wünsche ihr jedenfalls Glück.

Sie wusste, dass sie wieder arbeiten musste, die Tage hatten längst ihren Rhythmus verloren. Sie meldete sich bei der Firma, eine Woche später flog sie nach Berlin. Sie war schon oft in der Stadt gewesen,...


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