Die Vergessenen

Roman
 
 
Penguin (Verlag)
  • erschienen im Dezember 2017
 
  • Buch
  • |
  • Softcover
  • |
  • 512 Seiten
978-3-328-10089-8 (ISBN)
 

1944. Kathrin Mändler tritt eine Stelle als Krankenschwester an und meint, endlich ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Als die junge Frau kurz darauf dem charismatischen Arzt Karl Landmann begegnet, fühlt sie sich unweigerlich zu ihm hingezogen. Zu spät merkt sie, dass Landmanns Arbeit das Leben vieler Menschen bedroht - auch ihr eigenes.

2013. In München lebt ein Mann für besondere Aufträge, Manolis Lefteris. Als er geheimnisvolle Akten aufspüren soll, die sich im Besitz einer alten Dame befinden, hält er das für reine Routine. Er ahnt nicht, dass er im Begriff ist, ein Verbrechen aufzudecken, das Generationen überdauert hat ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Random House
  • Klappenbroschur
  • |
  • mit Klappen
  • Höhe: 205 mm
  • |
  • Breite: 136 mm
  • |
  • Dicke: 43 mm
  • 581 gr
978-3-328-10089-8 (9783328100898)
332810089X (332810089X)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Ellen Sandberg ist das Pseudonym einer erfolgreichen Münchner Autorin, deren Kriminalromane regelmäßig auf der Bestsellerliste stehen. Sie arbeitete zunächst in der Werbebranche, ehe sie sich ganz dem Schreiben widmete. Mit dem groß angelegten Spannungs- und Familienroman »Die Vergessenen« schlägt sie einen neuen schriftstellerischen Weg ein und widmet sich dabei einem Thema, das ihr ein persönliches Anliegen ist: den Verbrechen der jüngeren Vergangenheit und der Notwendigkeit, diese nicht zu vergessen.

1

Es war ein warmer Junitag in München, als Manolis Lefteris nach dem Schlüssel für den Aston Martin griff und die Verantwortung für das Autohaus seinem Geschäftsführer überließ, um sich auf dem Friedhof mit seiner Schwester Christina am Grab der Eltern zu treffen. Zehn Jahre waren es nun schon, und er fragte sich, ob es ihm jemals gelingen würde, seinen Frieden mit Babás zu machen.

Das Leben hat einen Rückspiegel, und in dem sieht man immer die Eltern. Dieser Satz, den er irgendwo einmal gelesen hatte, ging ihm durch den Kopf, als er in den Wagen stieg. Wie wahr! Er war jetzt Mitte vierzig, und nach wie vor gab es dieses Loch in ihm, diese unausgefüllte Nische, etwas, das auf ein Wort der Anerkennung wartete, auf ein »Gut gemacht!«.

Während er durch den dichten Innenstadtverkehr fuhr, zog von Westen eine Wolkenfront heran, die das flirrende Mittagslicht vertrieb, das seit dem Morgen wie eine Verheißung über der Stadt gelegen hatte. Eine Stunde noch oder zwei, dann würde es regnen. So wie vor zehn Jahren, als zwei Polizisten vor seiner Wohnungstür gestanden hatten und er das Klingeln zunächst nicht gehört hatte, weil ein Wolkenbruch niederging und der Regen aufs Dach und gegen die Scheiben prasselte, als forderte die Natur selbst Einlass.

Manolis parkte beim Blumenladen am Friedhof und stutzte, als er das neue Schild sah. Aus der Floristeria war Anna Blume geworden. Unwillkürlich lächelte er. Anna Blume. Etwa nach dem Gedicht von Kurt Schwitters, das er in der Oberstufe auswendig gelernt hatte, weil es so herrlich absurd war? Oder hieß die Floristin am Ende tatsächlich so?

Eine Glocke bimmelte, als er eintrat. Die Luft war schwer vom Duft der Blumen, die in Eimern, Kübeln und Schalen auf schrundigen Tischen und Stellagen standen. Von irgendwoher vernahm er eine Stimme. »Komme gleich.«

Kurz darauf wurde die Tür des Nebenraums aufgestoßen, und eine Frau trat ein, in den Armen einen Korb voller burgunderroter Dahlien. Trotz ihrer schlanken Figur wirkte sie kräftig und robust. Das Grün ihrer Augen war bemerkenswert, außerdem trug sie tatsächlich ein rotes Kleid, wie in dem Gedicht. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sie darauf anzusprechen, ließ es dann aber bleiben.

Wie jedes Jahr kaufte er einen Strauß Sommerblumen und achtete darauf, dass auch Löwenmäulchen dabei waren, die seine Mutter so sehr gemocht hatte.

Er zahlte, überquerte die Straße und betrat den Friedhof. Der Lärm der Stadt blieb jenseits der Mauern. Graues Licht sickerte vom Himmel, legte sich wie ein Schleier über Hecken, Wege und Gräber, und in ihm stieg wieder einmal die Frage auf, warum sein Vater das getan hatte. Er würde es nie verstehen, obwohl er die Gründe kannte. Wie hatte Babás nur auf Gerechtigkeit hoffen können? Sie war nicht mehr als eine Illusion, ein selten erreichtes Ideal.

Das hatte er schon als Junge erkannt, kurz nach dem Wechsel aufs Gymnasium, als die anderen ihn aufzogen wegen seines Gastarbeitervaters und seiner Hippiemutter, als er sich gedemütigt fühlte und beschämt, weil alles an ihm falsch zu sein schien, als sie ihn mit Worten schlugen und er sich mit Fäusten wehrte. Er war nicht hilflos. Er war kein Opfer!

Bereits mit zwölf oder dreizehn hatte er gewusst, dass er nie so werden wollte wie sein Vater. So geduckt, so hinnehmend, so schweigend. Wobei das Schweigen in Wahrheit eine Staumauer gewesen war, hinter der sich das Unaussprechliche sammelte, bis sie dem Druck nicht mehr standhielt und barst, was häufig geschah, wenn Babás etwas getrunken hatte und eine gewaltige Wortflut aus ihm strömte.

Manolis atmete durch. Schnee von gestern.

Die Trauer war in zehn Jahren vorübergegangen, doch ein Rest an Wut war neben einem großen Bedauern geblieben. So viele verlorene Möglichkeiten. So vieles, das nie geschehen würde. So viele ungesagte Worte. Warum?

Letztlich war es nicht mehr als eine Vermutung, ein Verdacht. Es konnte tatsächlich ein Unfall gewesen sein. Doch tief in seinem Innern befürchtete Manolis, dass sein Vater den alten Opel absichtlich gegen den Baum gelenkt hatte. Sonst war er immer so defensiv gefahren war, ein typischer Mittelspurschleicher.

Manolis überholte eine alte Frau mit zwei Gießkannen, die sie beinahe nicht zu schleppen vermochte. Bei jedem ihrer schwankenden Schritte schwappte Wasser heraus. Ihr Kopf war tief zwischen die Schultern gesunken, sodass sie ihn schief legen musste, um zu ihm aufzusehen, als er anbot, ihr zu helfen.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen.« Ihre Stimme war hell und wollte nicht recht zu ihrem Alter passen. »Sie müssen aber beide nehmen. Sie halten mich im Gleichgewicht. Mit nur einer kippe ich um.«

Mit einem Seufzer stellte sie die Kannen ab. Er gab ihr den Strauß und folgte ihr zu einem Grab, dessen Stein die Inschrift Letzte Ruhestätte der Familie Baumeister trug. Mehr als ein Dutzend Namen waren bereits hineingemeißelt. Mehrere Generationen waren hier bestattet. Die Frau wies darauf. »Bald liege ich auch da. Beim Ernst, meinem Mann, und seinen Ahnen.«

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass es ein ähnliches Grab geben musste, in dem mehrere Generationen von Lefteris' lagen. Eine Familie mit zahlreichen Zweigen und Ästen, gefällt von einem gewaltigen Sturm. Übrig geblieben war nur der verdorrte Stamm. Nach ihm würde niemand mehr diesen Namen tragen. Der Gedanke kam völlig unerwartet. Manolis vertrieb ihn mit einem Kopfschütteln. Jahrestage waren etwas Seltsames.

»Bis es so weit ist, sollten Sie das Leben genießen«, sagte er und nahm den Strauß wieder an sich.

»Ach, wissen Sie, ohne meinen Ernst ist es nicht mehr dasselbe. Ich bin jetzt fünfundachtzig und allmählich des Lebens müde.« Ein Seufzer entstieg ihrer Brust. »Danke für Ihre Hilfe, vergelt's Gott.«

Er glaubte nicht an Gott, und sollte es ihn doch geben, würde seine Vergeltung fürchterlich werden. Manolis verabschiedete sich und ging weiter zum Grab seiner Eltern.

Der Stein war aus Granit und mit einer schlichten Inschrift versehen. Yannis Lefteris und Karin Lefteris, geb. Brändle. Er las die Namen seiner Eltern, die eine große Liebe verbunden hatte, und das tiefe Bedauern stellte sich wieder ein und mit ihm sein Zwilling, der Zorn, der neben der Liebe zu Babás auch Verachtung und Enttäuschung in sich trug, wie eine Frucht ihre Kerne.

Am Brunnen holte Manolis Wasser, füllte es in die Grabvasen und stellte den Sommerstrauß in eine davon. Er war gerade fertig, als er Schritte hinter sich hörte. Seine Schwester Christina kam, und wie immer, wenn er sie sah, stieg Freude in ihm auf. Er liebte dieses Bündel an Hektik und Chaos, aber auch an Zuversicht und Verlässlichkeit. Sie trug ein blaues Kleid mit afrikanischen Mustern. Es spannte über dem Busen und den Rundungen an Bauch und Hüften und betonte ihre Botero-Figur, die er allerdings nicht so nennen durfte, denn sie hielt Boteros Skulpturen für lächerlich übertrieben, während sie ihm in ihrer runden Zufriedenheit gefielen. Die messingfarbenen Locken, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, kringelten sich in der schwülen Luft um ihr Gesicht. Sie schwenkte einen Strauß Rosen und warf die Arme samt Blumen um Manolis' Schultern und drückte ihn an sich. Dabei fiel die Tageszeitung aus ihrer offenen Handtasche.

»Hallo, Bruderherz. Schön, dich mal wieder zu sehen.«

»Grüß dich, Mutter Teresa. War das ein leiser Vorwurf?«

Er bückte sich nach der Zeitung, und sein Blick fiel auf die Headline. Milena Veens Mörder erschossen! Seit gestern ging die Meldung durch die Medien, wie nicht anders zu erwarten.

Christina nahm die Zeitung und steckte sie in die Tasche. »Danke. Mein Vorwurf war übrigens ein lauter. Wir sehen uns viel zu selten. Komm doch mal wieder zum Essen zu uns.«

»Ja, gerne. Was machen die Kinder?«

»Stress«, sagte sie lachend. »Elena ist unglücklich in einen Jungen aus der Parallelklasse verliebt. Glaube ich jedenfalls, mit mir redet sie ja nicht darüber. Wie soll ich ihr denn da helfen?«

»Gar nicht. Liebeskummer bespricht man nicht mit den Eltern, man heult sich bei der besten Freundin aus. Hast du doch auch so gemacht. Sie wird das schon durchstehen, schließlich kommt sie nach dir.«

Manolis mochte seine Nichte. Elena war ein taffes Mädchen, unkompliziert und geradeheraus und natürlich mit dem Lefteris'schen Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit ausgestattet. Die Familie hatte sich eine Illusion aufs Wappenschild gemalt.

»Da hast du wohl recht«, sagte Christina. »Außerdem will sie Reiten lernen. Als ob wir uns das leisten könnten. Yannis mutiert zum großen Schweiger. Das hat er von dir. Und um Benno mache ich mir Sorgen. Er arbeitet zu viel. Irgendwann dreht's ihn zusammen. Was täte ich nur ohne meine Nervensägen?«

»Ohne die drei würdest du wohl all deine Energie in den Verein stecken.«

Christina war Anwältin und Gründerin des Vereins Null Toleranz, mit dem sie gegen häusliche Gewalt kämpfte. Sie engagierte sich für Prävention und schärfere Gesetze und bot den betroffenen Frauen schnelle, manchmal auch unkonventionelle Hilfe an.

»Vermutlich hast du recht«, sagte sie nun und arrangierte die Rosen in der Vase neben dem Sommerblumenstrauß.

Für einen Moment spürte Manolis den vertrauten Stich von Eifersucht. Seine Schwester war der Mittelpunkt einer Familie, und auch im Beruf war sie von Menschen umgeben, die auf sie bauten, und mit allem, was sie tat, rechtfertigte sie dieses Vertrauen.

Christina...


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