Geschlechterverwirrungen

Was wir wissen, was wir glauben und was nicht stimmt
 
 
Campus (Verlag)
  • erschienen am 11. März 2020
 
  • Buch
  • |
  • Softcover
  • |
  • 248 Seiten
978-3-593-51220-4 (ISBN)
 
In Geschlechterfragen kann jede*r mitreden - und ist dabei oft von Irrtümern und Vorurteilen geleitet. 32 Autorinnen und Autoren befassen sich in diesem Band mit unserem Wissen, Glauben und Nichtwissen zu Geschlecht und »Gender«. Die Beiträge, die von historischen über philosophische und körperbezogene bis zu politischen Themen reichen, wollen sachkundig informieren, seriös aufklären - und auch ein wenig verwirren, indem sie ihren Gegenstand von unterschiedlichen Seiten betrachten und dabei zeigen, was wir nicht wissen.
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Barbara Rendtorff ist Seniorprofessorin am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Goethe Universität Frankfurt am Main. Claudia Mahs, Dr. phil., ist wiss. Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Paderborn und Geschäftsführerin des Zentrums für Geschlechterstudien/Gender Studies. Anne-Dorothee Warmuth ist wiss. Mitarbeiterin am Institut fu¿r Erziehungswissenschaft und dem Zentrum für Geschlechterstudien/Gender Studies an der Universität Paderborn.
Inhalt Vorwort 9 Geschlecht, Kultur, Religion Was ist eigentlich so >besonders< an Geschlecht und Geschlechtlichkeit? 13 Barbara Rendtorff Männlichkeit denken 20 Edgar Forster Gleichheit, Gerechtigkeit, Differenz: Warum sollte Ungleiches gleichwertig sein? 26 Beate Rössler Patriarchat, Alter und Geschlecht 33 Cornelia Helfferich Religiöse Symbolisierung und kulturelle Codierung von Geschlecht 39 Heidemarie Winkel Gott, Gottesbildlichkeit und Geschlecht. Eine christliche Perspektive 46 Helga Kuhlmann Die richtende Gewalt ist weiblich. Liebe und Kraft in der Kabbala 53 Elisa Klapheck Paradoxien eines befreiten Begriffs der Frauenbefreiung. Die »neue Araberin« und der Islam 60 Bettina Dennerlein Arrangements der Geschlechter Beutejäger und Nesthüterin - trügerische Orientierung an einem steinzeitlichen Traumpaar 69 Brigitte Röder Was ist Feminismus? 77 Margret Karsch ÜberEmpfindlichkeiten? Die Geschlechter in der Sprache 82 Damaris Nübling Hat die Zeit ein Geschlecht? 90 Anne-Dorothee Warmuth Konkurrierende Männlichkeitsversionen und soziale Ungleichheiten 97 Mechthild Bereswill Die Beharrlichkeit des männlichen Habitus 103 Sebastian Winter Paradoxien der Modernisierung 109 Sarah Speck Leben wir schon im Post-Patriarchat? 116 Friederike Kuster Körper, Leib und Sexuelles Männlich, weiblich, divers? 125 Ilka Quindeau Neosexuelle Revolution 131 Volkmar Sigusch Erziehung zum Geschlecht 138 Charlotte Busch Bodies matter. Zur Materialität und Relevanz von (Geschlechts-)Körpern 145 Paula-Irene Villa Wie sozial sind die Gene? Potenziale und Grenzen der Epigenetik für die Genderfrage 152 Sigrid Schmitz Gibt es geschlechtsspezifische kognitive Fähigkeiten? 160 Kerstin Palm Sichtbar werden: Geschlechterstrategien in der Mode 168 Gabriele Mentges Gesellschaft und Politik Die Macht der Scham 179 Ute Frevert Was ist queer? 187 Mike Laufenberg Frauen-Bewegungen 195 Barbara Rendtorff Arbeit und Einkommen 202 Annette Henninger Unerklärliche Erregungen - Antifeminismus 209 Imke Schmincke Wie kommt die Geschlechterforschung an die Hochschulen und was soll sie dort? 216 Meike S. Baader Who cares? Autonomie und Achtsamkeit 223 Catrin Dingler Elternschaft zwischen Recht und Realitäten 229 Laura Klein Bringen die Reproduktionstechnologien die Familie zum Verschwinden? 237 Friederike Kuster Über die Autor*innen 244
Vorwort
Was wir >wissen< - das ist manches Mal eher ein Glauben-zu-wissen, ein Dafürhalten, ein Das-weiß-man-doch, das weiß doch jeder?! Und dann verwechseln wir Glauben und Wissen, ohne es zu merken, und >wissen< zuletzt etwas, was gar nicht >stimmt< - wissen also etwas, was man eigentlich gar nicht wissen kann, eben weil es nicht stimmt. Gerade in Bezug auf Geschlechterfragen meinen die meisten Leute, sich auszukennen - betrifft es doch alle auf irgendeine Weise. Und wer glaubt, etwas zu wissen, prüft es auch eher nicht nach.
Diese Erfahrung hat uns zu dem vorliegenden Buch motiviert. Die 32 Texte, die hier versammelt sind, befassen sich mit Fragen und Themen, bei denen das, was wir wissen, was wir glauben und was wir nicht wissen, häufig durcheinander gerät und sich vermischt. Die Beiträge, die von historischen über philosophische, von körperbezogenen bis zu politischen Themen reichen, wollen sachkundig informieren, seriös aufklären - und auch selber ein wenig verwirren, indem sie ihren Gegenstand von unterschiedlichen Seiten betrachten und entfalten und immer wieder zeigen, was wir nicht wissen.
Wir wünschen unseren Leser*innen eine vergnügliche, interessante und durchaus auch lehrreiche Lektüre!
Die Herausgeberinnen

Geschlecht, Kultur, Religion

Was ist eigentlich so >besonders< an Geschlecht und Geschlechtlichkeit?
Barbara Rendtorff
Das Besondere an Geschlecht, um das gleich vorwegzunehmen, ist die verwirrende Verquickung einer existenziellen Dimension mit einem riesigen Überbau von Zuschreibungen, Ausgestaltungen von >männlich< und >weiblich<, die historisch veränderlich sind, den Individuen aber gleichwohl als authentisch, naturwüchsig und normal erscheinen.
Verwirrend ist diese Verquickung, weil sie den Einzelnen die Herausbildung einer eigenen Geschlechtlichkeit erschwert, und weil sie ein spezielles >logisches< Problem aufwirft: Auf der existenziellen Ebene sind bekanntlich zwei unterschiedliche Elemente notwendig, um Leben hervorzubringen - Samen und Eizelle, ein männliches und ein weibliches. Sonst gäbe es uns alle nicht. Dies scheint nun insgesamt eine zweigeschlechtlich geordnete Struktur nahezulegen, den Kurzschluss: Was an dieser Stelle stimmt, müsse auch für alles andere gelten. Aber dieser Schluss, so naheliegend er erscheinen mag, ist keineswegs zwingend - und das zu durchdenken, ist deutlich schwieriger als ein schlichtes Eins-zu-Eins von Natur und Kultur anzunehmen.
Nicht zuletzt deshalb neigen viele dazu, sich den jeweiligen Erklärungen anzuschließen, die ihnen in ihrer Zeit und Umgebung als naheliegend und plausibel angeboten werden - und deshalb finden sich eben auch historisch höchst unterschiedliche >plausible Erklärungen<, die verdeutlichen, wie widersprüchlich, sogar antagonistisch hier argumentiert wird, und doch jeweils im Duktus einer >Wahrheit<. Hierzu einige Schlaglichter.
Der Leib und das Sexuelle
Die existenzielle Dimension der menschlichen Natur, die Geburtigkeit, hat als Kehrseite natürlich auch die Sterblichkeit - Menschen müssen sterben, weil sie geboren wurden, sonst wären sie wie die Götter unendlich. Auch die Endlichkeit ist also im Bedeutungshorizont des Sexuellen enthalten, ebenso wie das Unplanbare, Unvernünftige der erotischen Anziehung und das auflösende, entgrenzende Moment im sexuellen Genießen. Dies scheint mir ein Grund dafür zu sein, warum Geschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft so dramatisiert und kontrolliert wird - ist sie doch ein lebendiger Einspruch gegen Abgegrenztheit, Steuerbarkeit, Plan- und Beherrschbarkeit und damit eine Quelle ständiger Beunruhigung: Je unsicherer das Gefüge einer Gesellschaft, desto rigider kontrolliert sie den Bereich des Sexuellen.
Auch die routinemäßige Verknüpfung von Sexualität und Begehren mit einem andersgeschlechtlichen Anderen ist als Konvention Teil dieser gesellschaftlichen Ordnungsbemühungen. Wenngleich manche alten Mythen eine naturgemäße heterosexuelle Anziehung behaupten, so gilt dies doch nur für den Gattungserhalt, die Fortpflanzung, nicht für das sexuelle Genießen. Und da die meisten sexuell aktiven Erwachsenen häufiger Sex haben als sie Kinder zeugen oder empfangen, ergibt sich daraus auch kein Widerspruch - selbst wenn man der Vorstellung anhängt, dass es eine lebenslange Entscheidung für nur eine Sorte von sexuellen Begehrensobjekten gäbe, was ja bekanntlich nicht der Fall ist.
Die Entgrenzung, die Auflösung im und am Anderen im sexuellen Akt ist also vielfältig gestaltbar, ist Teil der jeweils eigenen Leiberfahrung - eben deshalb nennt Freud den Orgasmus ein >ozeanisches Gefühl< und einen kleinen Tod - ist aber auch mitbestimmt und begrenzt durch das kulturelle Denkgefüge, in das die Einzelnen hineingeboren wurden, individuell und überindividuell zugleich, und durch den existenziellen Bezug auch überzeitlich.
Von den Philosophen, die sich mit dieser Dimension des Sexuellen befasst haben, hat Jean-François Lyotard dies besonders pointiert formuliert, wenn er die Geschlechterdifferenz als das >Paradigma für das unvollkommene Sein des Geistes< bezeichnet. Ganz im Gegensatz zu den scheinbaren Wahrheiten über männlich und weiblich mache Geschlecht das »Prinzip des Einsseins« zunichte (Lyotard 1988: 829) - und weil die existenzielle Dimension immer darin mitschwingt, und weil das sexuelle Genießen jene >dramatische< Seite hat, haftet der Geschlechtlichkeit immer auch etwas zutiefst Beunruhigendes an. Gerade weil es hier um starke Empfindungen und aufgeladene Bedeutungen geht, ruft gewissermaßen der sexuelle Körper selbst dazu auf, Geschlecht und Geschlechtlichkeit mit Erklärungen und Ordnungen zu beruhigen - ohne allerdings selbst schon irgendeine Struktur zu setzen. Und dies ist das Einfallstor für alle möglichen gesellschaftlichen Akteure, diese Ordnungen im eigenen Interesse zu gestalten.
Geschlecht und Gesellschaft
Die Weltgeschichte ist deshalb voll mit unterschiedlichsten Mustern, um das Sexuelle zu charakterisieren und zu regulieren - von der gesellschaftlich legitimierten Päderastie im antiken Griechenland bis zu Gesellschaften, die heterosexuelle Aktivitäten mit Familiengründung verbinden (vorher ist erlaubt, was hinterher versagt wird; oder gerade umgekehrt) oder die Erwachsenen danach unterscheiden, ob sie Nachwuchs hervorgebracht haben oder nicht usw. Und irgendwann hat sich zumindest im europäischen Raum die Vorstellung durchgesetzt, dass die weibliche Sexualität irgendwie wilder, anstößiger, unmäßiger, schwerer zu kontrollieren und mithin gefährlicher sei als die männliche - sei es, weil die Erregung weniger leicht von außen zu erkennen ist und scheinbar weniger anfällig gegen Störungen der Tumeszenz (dem Auf- und Abschwellen), oder sei es, auf einer ganz anderen Ebene, um in patriarchalen Gesellschaften die leibliche Vaterschaft kontrollieren zu können, was entscheidend dazu beigetragen hat, die Frauen den Männern zu unterstellen. Jedenfalls wurden Kontrolle und Tabuisierung der weiblichen Sexualität zur fixen Idee, es etablierte sich eine enge Verknüpfung von Öffentlichkeit, Sittsamkeit und Weiblichkeit - mit dem Ergebnis, dass das öffentliche Auftreten, die öffentliche Rede von Frauen wie eine prostituierende sexuelle Handlung, Zurschaustellung des sexuellen Körpers erschien. Wir finden dieses Muster im Ersten Gesang der Odyssee, wenn der noch jugendliche Telemachos seiner Mutter Penelope den Mund verbietet (>Die Rede gebührt den Männern<) und sie des Raumes verweist (>Mein ist die Herrschaft im Hause<) oder in Paulus' Korintherbrief (>Das Weib schweige in der Gemeinde<) über das prüde misogyne 19. Jahrhundert bis in unsere Zeit (sehr klug beschrieben von Mary Beard 2017).
Jede gesellschaftliche Ordnung hat die Aufgabe, gesellschaftliche Konventionen und Machtgefüge zu plausibilisieren (unabhängig davon, ob sie tatsächlich plausibel sind), abzusichern und dabei auch die jeweiligen Interessen der beteiligten Akteure zu verschleiern - und die Dimension des Geschlechtlichen eignet sich offenbar besonders gut dazu, sie als Instrument zur Stabilisierung der gesellschaftlichen Ordnung in Dienst zu nehmen. Dabei sind die Charakterisierungen des >Weiblichen< über die Zeit hinweg ganz unterschiedlich (Charakterisierungen des >Männlichen< finden sich selten, weil es ja als das Allgemein-Menschliche den Maßstab bildete, während das Weibliche als Abweichung von diesem Modell erschien) - und ob die Argumentation jeweils logisch und schlüssig ist, scheint nicht einmal sonderlich relevant zu sein. Teilweise wird alles aus der Gebärfähigkeit abgeleitet, die infolge der medizinischen Möglichkeiten und unter großen argumentativen Verrenkungen im 19. Jahrhundert zum prominentesten Aufhänger wurde für eine den Tieren nachempfundene Auffassung der Frau »als einem vom Mann radikal unterschiedenen Wesen, mit Leib und Seele dem einzig und allein weiblichen Zyklus verfallen, der so schreckerregend wie bezwingend war« (Laqueur 1992: 246). Teilweise wird aus den körperlichen Gegebenheiten, vor allem der Menstruation der Gebärmutter, darauf geschlossen, dass diese so viel Energie verschlingen, dass die geistige Entwicklung von Frauen quasi unterentwickelt bleibe; oder es wird schlicht damit argumentiert, dass Frauen im Durchschnitt kleiner und schwächer seien als Männer. Dass der Ausschluss von Frauen aus Politik und Staat mit deren körperlicher Schwäche begründet wurde, darüber haben sich schon die Aktivistinnen der Ersten Frauenbewegung im 19. Jahrhundert lustig gemacht - dann hätte doch jeder erstbeste Lastenträger >den großen Friedrich vom Throne jagen< können. Und auch von den längeren Beinen des Mannes statt auf seine bessere Eignung als Briefträger auf seine größere Fähigkeit zum Erlernen des Lateinischen zu schließen, sei wohl mehr kühn als logisch gedacht. Wenn die zweigeschlechtliche hierarchische Ordnung der Gesellschaft die Aufgabe hat, das Sexuelle selbst zu sortieren und zu ordnen (und dadurch zu zähmen), wäre im Übrigen die Einführung einer dritten Kategorie (für die sich unglücklicherweise der Ausdruck >drittes Geschlecht< bereits etabliert hat) ein Danaergeschenk, kontraproduktiv im Sinne einer Ausdifferenzierung von Geschlechtlichkeit, weil sie ihrerseits eine starre Zuordnung verlangt.
Das Besondere
Kehren wir zur Ausgangsfrage zurück: Was ist also nun das >Besondere< an Geschlecht?
Das Besondere ist jedenfalls nicht, dass wir es mit zwei unterschiedlichen >Geschlechtern< zu tun hätten, die durch die Geschlechtlichkeit hervorgebracht würden - das ist im Gegenteil das größte Missverständnis. Geschlecht ist ja etwas, das alle haben, wie auch immer, mit allen Beunruhigungen, mit den je begrenzten Möglichkeiten (nie alles auf einmal zu haben und zu sein) - Verliebtsein, Lust und Genießen sind nur schwer vernünftig beeinflussbar und auch die Frage, ob man sich überhaupt am Kinderkriegen beteiligen will oder kann, steht nur begrenzt in unserer Verfügung. Das Besondere ist eben gerade die Spannung zwischen einer geforderten Zweigeschlechtlichkeit in Bezug auf Geburtigkeit und der absoluten Offenheit und Ungebundenheit des (sexuellen) Begehrens. Dass wir aus dem unterschiedlichen Beitrag zur Fortpflanzung gleich ein ganzes Sinn- und Bedeutungsgebäude ableiten, ist unserer Denkgewohnheit geschuldet, und der Tatsache, dass diesem Unterschied auf anderen Ebenen eine so zentrale Rolle zugeschrieben wurde. Das Kinderkriegen und -aufziehen lässt sich durch staatliche Maßnahmen ordnen, Geschlechtlichkeit, Lust und Genießen jedoch nicht. Die sind widersetzlich und lassen sich definitiv in kein kapitalistisches Kalkül einfügen. Um die gesellschaftliche und politische Unterordnung der Frauen zu begründen, musste ihnen deshalb ihre Geschlechtlichkeit, das heißt ein eigenes sexuelles Begehren abgesprochen werden. Eben weil das Sexuelle etwas so Entgrenzendes, Auflösendes an sich hat, verweist es zugleich mit dem Genießen auch auf dessen Flüchtigkeit, auf Endlichkeit, etwas Unhintergehbares - und diese Mischung birgt eine enorme Provokation für alle gesellschaftlichen Regelwerke und Ordnungsbemühungen; eine Dynamik, die in verschiedenen Zeiten unterschiedlich beantwortet wurde. Gerade wenn diese Regelwerke den Schein >geordneter Natürlichkeit< erwecken wollen, liegt es in der Natur von Geschlecht, sich dem zu widersetzen.
Ob durch angstvoll-dramatisierende politische Aufwallungen (wie >Demo für Alle<) oder die Sehnsucht nach einem (klein-)bürgerlichen Gartenzwerggarten: Immer geht es um Beruhigung durch Ordnung - was würde wohl passieren, wenn das Sexuelle nicht gezügelt würde? Die Literatur der letzten zweihundert Jahre ist voll von Bedrohungsszenarien, die sich das ausmalen. Sie heften sich meistens an die Gefahr, die von der ungezügelten Sexualität der Frauen ausgeht, die den sittlichen Bestand der ganzen Gesellschaft gefährden würde - nachzulesen von Rousseau über die Philosophen des 19. Jahrhunderts bis zur AfD. Aber vielleicht ging es ja gar nicht um die Frauen, oder um sie nur sofern sie die unbezähmbare Seite des Sexuellen repräsentieren sollten - während die Männer ihre Sexualität ordentlich aufteilen sollten, in eine domestizierte im bürgerlichen Heim und gelegentliche Fluchten ins Bordell. Ob allerdings die beruhigend gemeinte Behauptung, dass Frauen ohnehin gar keine sexuellen Gefühle hätten, von den jeweiligen Zeitgenossinnen geglaubt wurde, darf bezweifelt werden - denn »wo die Natur selbst ein furioso anstimmt, nützt es nichts ihr ein piano vorzuschreiben«, wusste schon Hedwig Dohm (1902/1976: 139).
Insofern hatten die Hippies recht mit ihrem >Make love not war<: Zur Kriegführung eignet sich das Sexuelle jedenfalls nicht - außer in pervertierter Form, wenn es in sein Gegenteil verkehrt wird: in Macht und Gewalt.
Literatur
Beard, Mary (2017), »The Public Voice of Women«, in: Dies.: Women & Power. A Manifesto, London, S. 1-45. Deutsch: Frauen und Macht. Ein Manifest, Frankfurt/M.
Dohm, Hedwig (1902/1976), Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung, Berlin; neu herausgegeben von Arno Widmann, Frankfurt/M.
Laqueur, Thomas (1992), Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, Frankfurt/M.
Lyotard, Jean-François (1988), »Ob man ohne Körper denken kann«, in: Hans Ulrich Gumbrecht/K. Ludwig Pfeiffer (Hg.), Materialität der Kommunikation, Frankfurt/M., S. 813-829.

Männlichkeit denken
Edgar Forster
Die Geschlechterfrage sei von überragender Bedeutung, räsoniert Colin Crouch in einem Interview über die Zukunft der europäischen Politik und insbesondere der Sozialdemokratie (Bernet 2017). Das sozialdemokratische Bündnis aus älteren, männlichen Arbeitern aus der Industrie und einer jüngeren, gesellschaftsliberalen, eher weiblichen Wählerschaft aus der Mittelschicht drohe zu zerfallen, denn hinter der »Unzufriedenheit vieler älterer, männlicher Wähler steckt der Unmut über den Aufstieg der Frauen« (ebd.). Zu unterschiedlich seien ihre Interessen und das widerspiegle sich in der sozialdemokratischen Politik. Ihr Kampf gegen Ungleichheit setze nicht mehr bei Einkommens- und Klassenfragen an, sondern bei Fragen des Geschlechts und des Rassismus.
Interessanter als Crouchs Diagnose über den Zustand der Sozialdemokratie sind seine (stereotypen) Vorstellungen über das Geschlechterverhältnis in unserer Gesellschaft. Männer und Frauen seien durch Konkurrenz aneinandergebunden und in einem Nullsummenspiel gefangen. Was eine Gruppe gewinnt, verliert die andere. Weiblicher Erfolg ist männliche Krise. Schließlich: Wer über Geschlechter redet, spricht über Identität. Zur Debatte stehen >Mannsein<, >neue< Männer und Väterlichkeit oder aber queere (Nicht-)Identitäten, aber nur selten Fragen der Ökonomie und Arbeit. Soweit Crouch. Er befindet sich damit in guter Gesellschaft der öffentlichen Meinung, die manchmal auch die wissenschaftliche ist.

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