Das Ende der Illusionen

Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne
 
 
Suhrkamp (Verlag)
  • 4. Auflage
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  • erschienen am 27. Oktober 2019
 
  • Buch
  • |
  • Softcover
  • |
  • 305 Seiten
978-3-518-12735-3 (ISBN)
 

Noch vor wenigen Jahren richtete sich die westliche Öffentlichkeit in der scheinbaren Gewissheit des gesellschaftlichen Fortschritts ein: Der weltweite Siegeszug von Demokratie und Marktwirtschaft schien unaufhaltsam, Liberalisierung und Emanzipation, Wissensgesellschaft und Pluralisierung der Lebensstile schienen die Leitbegriffe der Zukunft. Spätestens mit dem Brexit und der Wahl Donald Trumps folgte die schmerzhafte Einsicht, dass es sich dabei um Illusionen gehandelt hatte.
Tatsächlich wird erst jetzt das Ausmaß des Strukturwandels der Gesellschaft sichtbar: Die alte industrielle Moderne ist von einer Spätmoderne abgelöst worden, die von neuen Polarisierungen und Paradoxien geprägt ist - Fortschritt und Unbehagen liegen dicht beieinander. In einer Reihe von Essays arbeitet Andreas Reckwitz die zentralen Strukturmerkmale der Gegenwart pointiert heraus: die neue Klassengesellschaft, die Eigenschaften einer postindustriellen Ökonomie, den Konflikt um Kultur und Identität, die aus dem Imperativ der Selbstverwirklichung resultierende Erschöpfung und die Krise der Liberalismus.

4. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
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  • Deutschland
  • Höhe: 171 mm
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  • Breite: 111 mm
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  • Dicke: 20 mm
  • 196 gr
978-3-518-12735-3 (9783518127353)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Andreas Reckwitz, geboren 1970, ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität Berlin und derzeit Fellow im Thomas Mann House in Los Angeles. 2019 erhielt er den Leibniz- Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Gesellschaft der Singularitäten wurde mit dem Bayerischen Buchpreis 2017 ausgezeichnet und stand 2018 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse in der KategorieSachbuch/Essayistik.

Einleitung: Die desillusionierte Gegenwart

Es ist merkwürdig. Manche im Nachhinein als historisch apostrophierten Begebenheiten des Weltgeschehens nimmt man als Zeitgenosse nur am Rande wahr, bei anderen hingegen kann man sich noch Jahre später genau an den Moment erinnern, als »es passierte«, an die eigene Verblüffung oder Ratlosigkeit, an den Schrecken oder die ungläubige Freude, als etwas geschah, was man so nicht für möglich gehalten hätte.

So wie ich mich noch genau an »meinen« 9. November 1989, den Tag, an dem die Berliner Mauer fiel, erinnern kann und an den 11. September 2001, den Terrorangriff auf das New Yorker World Trade Center, so präsent ist mir nach wie vor der Morgen des 9. November 2016. Wie viele andere Menschen weltweit hatte auch ich in den Monaten zuvor den Präsidentschaftswahlkampf in den USA mit wachsendem Unbehagen verfolgt: die überraschende Kandidatur Donald Trumps für die Republikanische Partei, seine hässliche, brutale Wahlkampagne gegen Hillary Clinton, die Kandidatin der Demokraten. Bis ich an jenem Morgen auf dem Bildschirm meines Tablets tatsächlich lesen musste, dass passiert war, was ich mir bis zum letzten Moment als Möglichkeit nicht eingestehen wollte: die Wahl des populistischen Kandidaten, der vor allem mit frauen- und fremdenfeindlicher Demagogie, mit tiefem Misstrauen gegenüber internationaler Kooperation sowie demokratischen Institutionen aufgefallen war und völlig unberechenbar erschien, zum 45. Präsidenten der USA, also an die Spitze der westlichen Führungsnation.[1] Die Reaktion bei mir an diesem Morgen und noch Wochen danach war Entsetzen und das Gefühl, dass etwas zusammenbrechen könnte, ohne genau zu wissen, wohin dies führen wird: Wie war das möglich, und wie wird es nun weitergehen? Ich empfand einen historischen Bruch.

Die Trump-Wahl war allerdings nicht das einzige politische Erdbeben, das wir in den letzten Jahren erlebt haben. Auch andernorts haben Wahlen und Abstimmungen scheinbar stabile Ordnungen ins Wanken gebracht: Im Juni 2016 stimmte die britische Bevölkerung mehrheitlich für den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union, und bei der französischen Präsidentschaftswahl 2017 erreichte keiner der Kandidaten der etablierten Parteien, sondern die rechtspopulistische Marine Le Pen die Stichwahl. Sie verlor gegen den liberalen Parteineugründer - En Marche! - Emmanuel Macron, der sich wiederum 2018 und 2019 der heftigen Proteste durch die »Gelbwesten« erwehren musste. In Italien kam 2018 eine (rechts-)populistische Regierung an die Macht, in Ungarn und Polen, den einstigen Musterdemokratien im postkommunistischen Teil Europas, stehen demokratische Institutionen unter Beschuss. Die Europäische Union, die manchen als alternativloser Endpunkt der Entwicklung auf einem Kontinent galt, der aus den Kriegen der Vergangenheit gelernt hat, und das gewohnte Links-rechts-Schema des Parteiensystems erwiesen sich plötzlich als brüchig. Weitere Verunsicherungen haben wir erlebt: Die globale Finanzkrise 2007 hat ein System, das viele Ökonomen als verlässliche Geldmaschine gepriesen hatten, an den Rand des Zusammenbruchs geführt. Terroristische Anschläge wie jener in Paris 2015 (durch den »Islamischen Staat«) und im neuseeländischen Christchurch 2018 haben die Fragilität des Alltags der westlichen Gesellschaften demonstriert. Die Einschläge kommen offensichtlich näher - so eine verbreitete Wahrnehmung.

Warum verunsichern sie derart? Die Antwort mag schmerzhaft sein: Wir nehmen die Ereignisse nicht mehr als Einzelfälle wahr, nach denen wir rasch zur Tagesordnung übergehen können. Vielmehr wird ein Muster deutlich: Die hoffnungsvollen Erwartungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung, wie viele sie seit dem Ende des Kalten Krieges 1989/90 in den westlichen Ländern gehegt haben, werden so ganz grundsätzlich enttäuscht oder zumindest relativiert. Die Erwartungen erweisen sich heute als Illusionen, das Ergebnis ist Desillusionierung. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern für die westlichen Gesellschaften insgesamt - und in mancher Hinsicht sogar darüber hinaus für die Weltgesellschaft. Ob in den Medien, der Politik, der Wirtschaft und auch in großen Teilen der intellektuellen Debatte - nach 1990 hatte man sich nämlich darin eingerichtet, an einer großen Erzählung gesellschaftlichen Fortschritts zu weben, des wirtschaftlichen, des politischen, des sozialen, des kulturellen und des technischen Fortschritts. Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama brachte dieses Narrativ in einer von Hegel und dessen Interpreten Alexandre Kojève entlehnten Wendung auf den Begriff des »Endes der Geschichte«: Es mochte scheinen, als ob wir in die Zielgerade der Weltgeschichte eingebogen sind und einen Zustand erreichen, in dem die institutionellen Ordnungen von Politik und Wirtschaft eine nicht mehr veränderungsbedürftige oder auch nur veränderbare Gestalt angenommen haben.[2] Aus heutiger Sicht mutet diese Erzählung reichlich blauäugig an.

Die im Kern liberale Fortschrittserzählung der letzten dreißig Jahre kann durchaus auf eine Fülle von empirischen Evidenzen verweisen. Man sollte sie sich noch einmal in Erinnerung rufen. Für den politischen Fortschritt sprechen Demokratisierungsbewegungen in Osteuropa, Lateinamerika und Afrika, die dazu führten, dass autoritäre Regime in beträchtlichem Umfang durch liberal-demokratische Systeme verdrängt wurden. Hinzu kommt die intensivierte globale Kooperation zwischen den Staaten, für die die Europäische Union nur ein Beispiel ist. Auch wirtschaftlicher Fortschritt ist zweifellos zu verzeichnen: Die Globalisierung und die Integration großer Teile des globalen Südens in den Weltmarkt haben vor allem in den Schwellenländern wie China und Indien für einen Industrialisierungsschub gesorgt, der zu einem deutlichen Rückgang der Armut und zum Aufstieg einer starken Mittelklasse führte. In Nordamerika und Europa hat sich eine postindustrielle Wissensökonomie etablieren können, die insbesondere von der digitalen Revolution profitiert.

Der Prozess der Digitalisierung - die prägende technologische Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte - schien sich zunächst nahtlos in die Fortschrittsgeschichte einzufügen: Die Vernetzung der Individuen und der Organisationen, das Internet als experimenteller Raum für neue Identitäten und Kooperationen, schließlich eine grenzüberschreitende, die Demokratie vitalisierende Kommunikation - dies alles waren die Hoffnungen der Tech-Euphorie. Schließlich hat das Fortschrittsnarrativ auch eine gesellschaftspolitische Komponente. Man kann auf die erheblichen Liberalisierungs- und Emanzipationsgewinne der letzten Jahrzehnte hinweisen: auf den Schub zur Gleichstellung der Geschlechter, auf die Gleichberechtigung von sexuellen Minderheiten (zum Beispiel schwulen Männern, lesbischen Frauen und Transgender-Personen), auf eine Transformation der westlichen Lebensweise, die insgesamt im besten Sinne hedonistischer und kosmopolitischer geworden ist und so manche Rigidität der Nachkriegsgesellschaft hinter sich gelassen hat. Insbesondere die neue, junge Mittelklasse bewegt sich dabei in der globalisierten Welt wie ein Fisch im Wasser: Dass die Welt grundsätzlich offen steht, hat sich in den letzten Jahrzehnten so bei manchen als scheinbar unverrückbares Lebensgefühl verbreitet.

Natürlich - es gibt alle diese Entwicklungen, und sie sind bedeutsam. Die liberale Fortschrittserzählung ist nicht falsch. Aber trotzdem kann es sich nicht um die ganze Wahrheit handeln. Wer glaubt, Fortschrittsidee und gesellschaftliche Realität würden einander eins zu eins entsprechen, erliegt einer Illusion. Und eine Illusion ist es auch, dass einmal in Gang gesetzte Prozesse sich quasi naturwüchsig verstetigen würden. Die Finanzkrise, der Brexit, die Terroranschläge, die Trump-Wahl und andere Ereignisse der jüngsten Vergangenheit verdeutlichen, dass die gesellschaftliche Realität widersprüchlicher und fragiler ist, als es uns das Fortschrittsnarrativ glauben machen will. Und: Es ist davon auszugehen, dass diese Ereignisse letztlich Ausdruck von beziehungsweise Reaktionen auf Widersprüche, Konflikte und Krisenmomente sind, die sich auf der Ebene der Strukturen der spätmodernen Gesellschaft bereits seit längerem herausbilden.

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