Keine Zeit für Arschlöcher!

... hör auf dein Herz
 
 
Ullstein Taschenbuch Verlag
  • erschienen im November 2017
 
  • Buch
  • |
  • Softcover
  • |
  • 192 Seiten
978-3-548-37716-2 (ISBN)
 

"Ich sage immer, das Leben ist ein Maßband und das Stück, das mir bleibt, ist schon relativ kurz. Also, koste ich jeden Tag aus."

TV-Koch, Bestsellerautor und Publikumsliebling Horst Lichter erzählt in seinem Buch von seinem bewegenden Leben und warum er ihm einen neuen Sinn geben wollte. Nach vielen tragischen Schicksalsschlägen im Privatleben und nicht weniger zahlreichen Höhen und Tiefen im turbulenten Berufsleben erkannte er, warum es so wichtig ist, das Leben immer wieder neu in die Hand zu nehmen, es ganz bewusst zu genießen und den Humor nie zu verlieren.

Eine berührende Liebeserklärung an das Leben!

  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • Höhe: 185 mm
  • |
  • Breite: 120 mm
  • |
  • Dicke: 20 mm
  • 203 gr
978-3-548-37716-2 (9783548377162)
3548377165 (3548377165)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Horst Lichter ist ein wahres Phänomen in Sachen Entertainment: Seine Bühnentouren sind ausverkauft, seine Bücher stürmen die Bestsellerlisten und das deutsche TV-Publikum machte ihn als besten Fernsehkoch zum Gewinner der Goldenen Kamera. Heute ist der lebenslustige Horst Lichter bei seinen Fans nicht nur wegen seiner bodenständigen Rezepte, sondern auch wegen seiner humorvollen und dennoch tiefgründigen Art beliebt.

2. Mutters Entscheidung

2013 hatte ich mir für das folgende Jahr etwas ganz Unanständiges vorgenommen: Urlaub. Ich hatte seit Jahren keinen Urlaub mehr gemacht, ich hätte Urlaub zu dem Zeitpunkt mit »h« geschrieben, so fremd war mir alleine schon das Wort. Also habe ich mir in den Kalender für 2014 dick mit Edding eingetragen, dass ich mal zweieinhalb Monate nicht arbeite. Nix, nothing, niente. Warum? Kinders, mit 14 bin ich von der Schule direkt in die Lehre gekommen und ab da hab ich ja immer durchmalocht. Und wenn ich Urlaub hatte, dann wurde weiter geschackert. Ich brauchte ja Kohle für mein Moped und was weiß ich noch alles. Für den ganzen Blödsinn, den ich so im Leben veranstaltet habe. Spaß kost' Geld, das heißt ja nicht umsonst so. Dann kam mein Restaurant. Bis das lief, war Urlaub so wahrscheinlich wie Hitzefrei in Grönland. Außerdem: War ja nicht so, dass ich jammernd dagesessen und gesagt hätte, »oh Gott, oh Gott, ich armes Schwein hab' keinen Urlaub«. Ich liebte meinen Laden und die Arbeit ja. Das war mein Leben, mein Ein und Alles. Aber als ich den Laden dann zumachte und wir in den Schwarzwald gezogen waren, fing das Herumreisen erst so richtig an: Dreharbeiten in Hamburg, in Köln, Tournee kreuz und quer durch die Republik . rein ins Hotel, raus aus dem Hotel. Das ganze Jahr unterwegs. Auch wenn ich Dinge machte und mit Menschen arbeitete, die mir viel Freude bereiteten wie bei »Lafer!Lichter!Lecker!« - im Juni 2014 war ich platt und fühlte mich so ausgelaugt, dass ich zu meinem Schatz sagte: »Die ersten vier Wochen vom Urlaub bleib ich nur zu Hause!« Einfach auch mal merken, dass ich da lebte: zu Hause! Ich kam meistens nur zum Wäschewaschen, -wechseln und Koffer-neu-Packen heim. Nach vier Jahren hatte ich schon fast den Eindruck gewonnen, dass es sich hier um mein Ferienhaus handelte. Ich wollte den August über so ganz banale Dinge genießen wie Rasen mähen, am Haus was machen, einkaufen, lecker kochen und nette Freunde einladen. Ein Stück normalen Alltag. Genau das wollte ich haben. Ich freute mich schon wie Bolle.

Die anderen vier Wochen wollte ich dann mit meinem Schatz nach Kroatien, damit die Sonne meinem alpinaweißen Astralkörper mal etwas gesunden Teint verpasste. Mit Nada am Strand liegen, die Schwiegereltern besuchen, mit dem Bötchen rausfahren und mal entspannt Urlaub machen. Das Motorrad mitnehmen. Und die letzten zwei Wochen - so meine Planung - würde ich mich dann auf die Tour vorbereiten. Ganz langsam und in Ruhe wieder das Kraftwerk hochfahren, ganz entspannt und vor allem ohne Stress. Ich war stolz, dass ich alles in die Wege geleitet hatte, um mich vor mir selbst zu schützen. Der Plan war genial.

Dann kam mein letzter Arbeitstag, das letzte Juli-Wochenende. Und mit ihm sollte sich auf einmal alles ändern. Am 31. Juli rief mich meine Mutter an und sagte: »Hallo Jung', ich muss dir was sagen. Ich war beim Doktor. Man hat einen Tumor gefunden, ich wollte nur, dass du das schon mal weißt. Ich habe in ein paar Wochen die nächsten Untersuchungen und ich glaube, das könnte Krebs sein. Und wenn der bösartig ist, dann sieht es nicht gut für mich aus. Das wollte ich dir jetzt nur mal sagen.« Und dann legte sie auch schon auf. Da habe ich erst dreimal tief durchgeatmet und mir Mut gemacht. Ein alter Reflex, das war immer so - ob ich selbst betroffen war oder andere: Ich denk' ja erst mal ans Gute. Ich glaube einfach generell ans Gute. Dann schnappte ich mir das Telefon und redete noch mal mit Mutter. Baute sie auf, wollte sie mit positiver Energie fluten: »Mutter, jetzt komm her, jetzt mach mal keinen Wind. Mal den Teufel nicht an die Wand. Wir haben doch gerade erst deinen 75. Geburtstag gefeiert und ich bin mir mehr als sicher, du wirst 95 und fällst dann vom Fahrrad.« Was Besseres fiel mir nicht ein, ich laberte ununterbrochen, um ihr Mut zu machen. Außerdem war ich felsenfest davon überzeugt, dass meine Mutter mindestens 95 Jahre alt würde. Weil die immer so taff war, so zäh, so frech, kokett und krawetzig. Diese Frau war für mich immer eins dieser Mutterschlachtschiffe, vor denen man sein Leben lang Respekt hat. Die jeden Sturm überstehen. Ich hatte immer einen Höllenrespekt vor meiner Mutter gehabt. Meine starke Mutter . das war schon ein komisches Gefühl, ihre Angst zu spüren. Die Unsicherheit in ihrer Stimme zu hören. Ich kannte das nicht von ihr. Und das war der Auslöser für mich: »Ich habe keine Ruhe«, sagte ich zu Nada, »ich muss zu Mutter, die braucht mich jetzt. Ich spür das. Komm, wir packen den Koffer und mieten uns in ein Hotel ein.«

Dann sind wir an meinem ersten Urlaubstag mit den schlimmsten Befürchtungen runtergefahren. Aber zu meiner völligen Überraschung war die alte Dame vollkommen entspannt. Damit hatte ich so gar nicht gerechnet.

Die ganze Fahrt über hatte ich mir ausgemalt, wie das Drama seinen Lauf nehmen würde. Das volle Programm: Badewannen voller Tränen, Papierkörbe voller Taschentücher. Heulen, Fluchen und die verständliche Angst vor dem Tod und elendem Siechtum. Pustekuchen! Mutter war hellwach im Kopf und meinte lapidar: »Ja, Jung', da muss man sich mit abfinden. Wenn da irgendwas ist, dann müssen wir was machen, das ist halt im Alter so.« Ohne Selbstmitleid, einfach nur gnadenlos gerade war sie. Und verärgert: »Da hat man das erste Mal im Leben keine Schulden, ein bisschen Geld im Portemonnaie . will Urlaub machen und dann so was! Statt Traumschiff und Liegestuhl Wartezimmer und Kernspin-Röhre. Wat 'nen Driss.«

Das ging mir an Herz und Gemüt. Also haben Nada und ich die Zeit bis zur ersten großen Untersuchung mit einem kleinen Urlaubsprogramm für Mutter gefüllt. Da waren wir zusammen im Kino, sind durch Düsseldorf spaziert, einkaufen gegangen, haben Blödsinn gemacht, waren zusammen essen und haben viel gelacht. Und die ganze Zeit habe ich gedacht: Warum haben wir das nicht all die Jahre vorher schon gemacht? Warum kriegt man den Hintern erst dann hoch, wenn Sturmwolken aufziehen? Wenn man Angst hat, dass die Zeit unwiderruflich abgelaufen ist?

Das Einzige, was mir extrem an Mutter auffiel: Sie hatte ordentlich Gewicht verloren. Klar, die war nie dick und rund, aber sie war halt so eine klassische, mollige ältere Dame, Typ Bilderbuch-Oma. Gemütlich, gesund, mit roten Apfelbäckchen. Aber nun war das mal. Mutter war schlank geworden und das hagere Gesicht zeigte die deutlichen Spuren ihres harten Lebens. Jedes Mal, wenn ich sie verstohlen von der Seite betrachtete, erfasste mich eine Welle trauriger Gedanken. Wenn Nada sie fragte, warum sie denn so viel abgenommen hätte, fühlte ich - weil Kinder so was eben sechs Kilometer gegen den Wind riechen -, dass Mutter uns stumpf ins Gesicht log: »Ich hab' nur die Ernährung umgestellt und bewege mich viel.« Wir haben das falsche Spiel natürlich nur allzu gerne geglaubt und mitgespielt. Ihre »gesunde« Vernunft und Disziplin gelobt. Eigentlich dumm, aber nur menschlich. Sorgen und Ängste schiebt man lieber zur Seite, wenn es sein muss, auch mit Lügen. Doch so sehr Mutter sich auch bemühte, das Kartenhaus knickte langsam ein. Sie konnte nicht mehr viel laufen. Wenn wir mit ihr durch die Stadt gingen, mussten wir alle paar Minuten anhalten und Pause machen. Mutter hatte keinen Hunger mehr, wollte nicht mehr essen. Ihre Ausflüchte wurden immer banaler: »Jung', das liegt daran, weil ich ja immer alleine bin. Da isst man nicht so viel.«

Klar, das konnte ich mir gut vorstellen. Wie schlimm muss das sein, wenn man immer alleine sitzt, sich höchstens ein kleines Bütterken macht. Wer kocht schon eine volle Mahlzeit, wenn er alleine lebt?

Dann erzählte Mutter, dass wir in meiner Kindheit und Jugend immer knapp bei Kasse gewesen waren und nie viel Fleisch gegessen hatten. Ganz selten hatte es mal einen Braten, lecker Schnitzelchen oder 'nen ordentliches Butterbrot mit Leberwurst gegeben. War ja damals alles nicht finanzierbar gewesen, mein Vater war ein harter Malocher, der weiß Gott keine Reichtümer in der kargen Lohntüte hatte. Und mit dem, was man sich damals leisten konnte, war man nicht glücklich, aber zufrieden. Wie so viele andere Arbeiterfamilien dieser Nachkriegsgeneration. Als die Zeiten dann besser wurden, hatte Mutter immer mit Wonne was Deftiges verputzt. Aber davon war jetzt nicht mehr viel übriggeblieben: »Jung', ich geh einkaufen mit Lust auf Kochschinken und Leberwurst, aber sobald ich Richtung Theke komme, wird mir so übel, dass ich rauslaufen muss.« Weil sie, angeblich, kein Fleisch, keine Wurst mehr riechen könne. Das war für mich, auch wenn es absurd klingen mag, ein Alarmzeichen. Das hörte sich für mich einfach nur falsch und gelogen an. Das war nicht meine geradlinige Mutter. Da wusste ich definitiv, dass sie sehr krank war. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich keine Lust mehr, mir ihre Ausflüchte à la »Ernährungsumstellung« und »wird schon wieder« anzuhören.

Und dann habe ich gehandelt, bei den ganzen Ärzten angerufen und vorgesprochen, damit wir die Termine schneller hinkriegen. Ich wollte nicht länger in den Nebel starren und mich ängstigen, ob die hässliche Krebsfratze auftauchen würde oder nicht. Ich wollte Gewissheit, und, wenn es so sein sollte, dem Feind ins Auge schauen.

Die gemeinsame Woche war trotzdem sehr schön. Mutter erzählte viele Geschichten noch mal, die ihr wichtig waren, und obwohl ich natürlich fast alle kannte, fielen viele von diesen alten Geschichten bei mir auf einen neuen Boden, ich ordnete sie neu ein. Natürlich hat sie uns auch darüber informiert, dass sie »schon mal was aufgeschrieben hätte«, für alle Fälle. Was sie sich vorgestellt hatte, falls »was« passieren würde.

Alles Dinge, von denen ich natürlich nix hören wollte. Mutter und Tod, das wollte ich...

Aus dem Leben für das Leben!
Mit dem Tod seiner Mutter 2014 hat Horst Lichter angefangen, seine Geschichte neu zu schreiben, denn ihm ist wieder einmal klar geworden: Das Leben ist kein Ponyhof!
In diesem aufrüttelnden Buch erzählt Horst Lichter von seiner bewegenden Lebensgeschichte und was ihn zum Umdenken gebracht hat. Warum es wichtig ist, sein Leben neu in die Hand zu nehmen, es bewusst zu leben und seinen Humor nie zu verlieren.
"Herzerfrischend und wie immer bestechend ehrlich!" Stern

Sofort lieferbar

10,00 €
inkl. 7% MwSt.
in den Warenkorb

Abholung vor Ort? Sehr gerne!
Unsere Web-Seiten verwenden Cookies. Mit der Nutzung dieser Web-Seiten erklären Sie sich damit einverstanden. Mehr Informationen finden Sie in unserem Datenschutzhinweis. Ok