Die buiatrische Ausbildung im internationalen Vergleich, unter Berücksichtigung der zukünftigen Anforderungen in der Rinderpraxis

 
 
VVB Laufersweiler Verlag
  • erschienen am 16. Dezember 2020
 
  • Buch
  • |
  • 235 Seiten
978-3-8359-6902-5 (ISBN)
 
Um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der tiermedizinischen Ausbildung in verschiedenen Län-dern darzulegen und Meinungen zur buiatrischen Ausbildung und zur zukünftigen Rinderpraxis zu sammeln, wurden zunächst 18 persönliche Interviews mit Hochschullehrern an buiatrischen Einrich-tungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Frankreich, Italien, Großbritan-nien und den USA geführt. Zusätzlich konnte ein Telefoninterview mit einem Vertreter des deutschen Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte e. V. (bpt) arrangiert werden. Das Hauptziel dieser Arbeit war es, ein Meinungsbild aller beteiligten Berufsgruppen zur tierärztlichen Ausbildung zu erstellen. Dazu erfolgten weiterhin Umfragen unter Landwirten und Rinderpraktikern zur Betriebs- bzw. Pra-xisstruktur, zur tierärztlichen Bestandbetreuung sowie zu den Ersttagskompetenzen. Insgesamt betei-ligten sich deutschlandweit 174 in der Rinderpraxis tätige Tierärztinnen und Tierärzte sowie 232 Landwirte an diesen Umfragen.
Alle befragten buiatrischen Fachvertreter sind sich hinsichtlich der dringenden Notwendigkeit einer Anpassung des tiermedizinischen Curriculums einig. Das sowohl in der europäischen Richtlinie (2005/36/EG) als auch in der deutschen Approbationsverordnung vorgegebene Ausbildungsziel eines omnikompetenten Tierarztes betrachten diese Hochschullehrer als absolut unrealistisch. Einhellig wird die mehr oder weniger ausgeprägte Spezialisierung auf eine Speziesgruppe gefordert, wobei ein Großteil der Meinung ist, dass man, sofern noch nicht erfolgt, um eine Spezialisierung bereits während des Studiums nicht umhinkommen wird. Auch die Mehrheit der Tierärzte (63 %) und der Landwirte (84 %) stimmen für eine prägraduale Schwerpunktbildung. Elf der 18 buiatrischen Fachvertreter sowie der Vertreter des bpt fordern eine radikale Umstrukturierung mit Etablierung eines Grund- und eines Schwerpunktstudiums. Die anderen acht Hochschullehrer bevorzugen hingegen eine prägraduale Schwerpunktbildung in Form von Modulen oder Wahlpflichtfächern. Nicht ganz einig sind sich die Befragten über den Umfang der Approbation. Hier fordern sieben Vertreter aus Deutschland, Frank-reich und Österreich weiterhin eine allgemeine Approbation. Denn es herrscht die Meinung vor, dass es auch in Zukunft Gemischttierpraxen geben muss, um ländliche Gebiete rundum tierärztlich zu ver-sorgen. Ähnlicher Meinung ist auch die überwiegende Mehrheit der Rinderpraktiker (89 %). Sie for-dern auch zukünftig eine allgemeine Approbation. Acht der befragten Buiatriker aus Deutschland, Großbritannien, der Schweiz und den USA sind hingegen der Meinung, dass nur eine geteilte Appro-bation zu der erwünschten Spezialisierung führen kann. Drei, darunter zwei deutsche und der nieder-ländische Fachvertreter, plädieren daher dafür, das "holländische Modell" zu übernehmen. Dabei wird eine allgemeine Berufserlaubnis erworben, durch die intensive Schwerpunktausbildung im Masterstu-dium finden Absolventen jedoch überwiegend eine Anstellung in dem gewählten Gebiet. Der französi-sche und der niederländische Fachvertreter sind als einzige davon überzeugt, dass ihre Absolventen für die Anforderungen der zukünftigen Nutztierpraxis ausreichend qualifiziert seien. Grund hierfür sei nicht zuletzt die in Frankreich und Holland intensivere Schwerpunktausbildung, verglichen mit der sehr breit ausgerichteten Ausbildung an den besuchten Bildungsstätten der anderen Länder.
Die Unterrichtung in der Einzeltieruntersuchung und -behandlung bleibt für alle Hochschulbuiatriker und den bpt-Vertreter übereinstimmend auch in Zukunft ein bedeutender Teil der Ausbildung. Auch für die Rindertierärzte stehen die traditionellen tierärztlichen Tätigkeiten im Mittelpunkt, und daran dürfte sich nach deren Einschätzung auch in naher Zukunft nichts Wesentliches ändern. Nichtsdestoweniger gehen die Rinderpraktiker davon aus, dass die umfassende Bestandsbetreuung an Bedeutung gewinnen wird. Die Beratung hinsichtlich Haltungsbedingungen, Fütterung und Zucht hält die Mehrheit (87 %) für (sehr) wichtig. Die Beratung hinsichlich Prophylaxemaßnahmen in der Zunlunft scheint sogar für fast alle (98 %) (sehr) wichtig. Die Hälfte der Tierärzte bietet bereits heute einen Betreuungs- und Beratungsdienst an und weitere 18 % planen das für die Zukunft ebenfalls. Auch für Landwirte erscheint diese Dienstleistung wichtig. Zwei Drittel räumen der integrierten tierärztlichen Bestandsbetreuung zukünftig einen hohen Stellenwert ein. Fast alle Landwirte (90 %) nehmen externe Beratung in Anspruch, zumindest in einem der Bereiche Fütterung, Zucht oder Melktechnik. Der Tierarzt spielt dabei heutzutage eine untergeordnete Rolle, was nicht zuletzt an dessen von beiden Seiten als gering eingeschätzten Kompetenz auf solchen Gebieten liegt.
In fast allen Bereichen beurteilen die Anfangsassistenten ihre eigenen Fähigkeiten als überwiegend unzureichend. Ausnahmen bilden die Kompetenz bei der Einzeltieruntersuchung und bei der Diagno-sestellung. Als ursächlich wird vor allem die mangelhafte praktische Ausbildung, aber auch die feh-lende Berufserfahrung angesehen. Würden die Tierärzte über eine höhere Kompetenz verfügen, wür-den 30 % der Landwirte tierärztliche Beratung in Anspruch nehmen. Vertiefung der Kenntnisse und Fertigkeiten in Bereichen wie Betriebswirtschaftslehre, Kommunikation, aber auch Prophylaxemaß-nahmen, Herdenbetreuung, Nutztierfütterung und Melktechnik erscheint daher allen Befragten essen-tiell. Der Wissensstand der Tierärzte im Bereich Agrarökonomie sei verbesserungsfähig, denn dies stellt einen weiteren Kritikpunkt der Landwirte dar. So schätzen sie die Kenntnisse der Tierärzte über betriebswirtschaftliche Zusammenhänge sowie das Wissen im Bereich der Fütterung und Melktechnik als eher mangelhaft ein. Zur entsprechenden fachlichen Beratung werden aus diesem Grund fast ausschließlich externe Dienstleister hinzugezogen. Die Fachvertreter sind sich einig, dass das Studium "entrümpelt" werden muss, um "Platz" für diese zusätzlich geforderten Qualifikationen zu schaffen. Die Universitäten können diese allumfassende Ausbildung allerdings nicht eigentständig leisten. Daher wird eine intensivere Kooperation mit privaten Praxen gefordert, die sich in der extramuralen Ausbildung der Studierenden stärker als bisher beteiligen sollen. In anderen Ländern, wie den Nieder-landen und Großbritannien, ist dies heute schon der Fall. Durch Zertifizierung solcher Lehrpraxen, monetäre Vergütung oder die Mitarbeit von Universitätsangehörigen in diesen privaten Praxen wird die Qualität der extramuralen Ausbildung gesichert und eine intensive Zusammenarbeit gewährleistet.
Alle Teilnehmer sehen bereits heute eine Verdrängung tierärztlicher Tätigkeitsbereiche durch andere Berufsgruppen und durch die Landwirte selbst. Elf der 16 befragten Hochschulbuiatriker sind der Mei-nung, dass diese Verdrängung durch eine höhere Spezialisierung der Tierärzte eingedämmt werden könne. 13 Professoren aus Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien, Österreich und Frank-reich sowie 32 % der praktizierenden Tierärzte plädieren zusätzlich für eine bessere Zusammenarbeit mit externen Berufsgruppen. Tätigkeiten, die nicht von Tierärzten geleistet werden, könnten durch Angliederung nicht-tierärztlicher Dienstleister an die Praxen oder enge Kooperationen abgedeckt werden.
Weitere Herausforderungen der zukünftigen Nutztierpraxis ergeben sich durch veränderte Berufsvor-stellungen heutiger Studienabsolventen. Bedingt durch die hohe Frauenquote und die höheren An-sprüche der Generationen X, Y, Z an moderne Arbeitsmittel, angemessenes Gehalt, ausreichenden Freizeitausgleich und der Möglichkeit zu regelmäßiger Fortbildung ist ein Umdenken in den Tierarzt-praxen essentiell. So geben fast 70 % der Tierärzte an, neue Assistenten zu rekrutieren sei schwierig bis fast unmöglich. Der Wandel muss daher in Richtung großer Praxen gehen, die Teilzeitmodelle und eine gute Work-Life-Balance bieten können. Innerhalb dieser Praxen kann es dann auch Spezialisten für einzelne Tätigkeitsbereiche geben.
Übereinstimmend mit den Literaturangaben zeigen diese Ergebnisse, dass eine Anpassung des Vete-rinärcurriculums längst überfällig ist. Um dem rasch wachsenden Wissenszuwachs sowie dem struk-turellen Wandel in der Landwirtschaft und den Erwartungen der Gesellschaft nachzukommen, muss das Tiermedizinstudium spezifischer werden. Eine allseits anerkannte, jedoch in Deutschland noch nicht ausreichend umgesetzte Lösung stellt die Spezialisierung auf ein bestimmtes Gebiet bzw. eine Speziesgruppe bereits während des Studiums dar. Außerdem müssen Tierarztpraxen neuen Absol-venten geregelte Arbeitszeiten, Freizeitausgleich und Teilzeitstellen anbieten, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
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