Eiszeit

Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 4. Auflage
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  • erschienen im Oktober 2017
 
  • Buch
  • |
  • Softcover
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  • 304 Seiten
978-3-406-71412-2 (ISBN)
 

Zwischen Russland und dem Westen herrscht Eiszeit. Es vergeht kaum ein Tag ohne eine neue Horrornachricht aus dem "Reich des Bösen". Warum ist das so? Geht es wirklich nur um Menschenrechte und westliche Werte? Wie kommt es eigentlich, dass immer gerade die Staaten ins Visier geraten, die den Westen geostrategisch herausfordern?

In ihrem neuen Buch warnt Gabriele Krone-Schmalz vor einem Rückfall in die einfachen Denkmuster und klaren Feindbilder des Kalten Krieges. Wladimir Putins Ziele seien expansiv, wird behauptet, er bedrohe Polen und das Baltikum. Doch auf welcher Grundlage werden diese Schlussfolgerungen eigentlich gezogen? Könnte es nicht auch sein, dass Russland aus der strategischen Defensive heraus handelt und versucht, bestehende Einflusszonen zu halten? Wer agiert, wer reagiert? Und welche Politik sollten wir daher gegenüber Russland verfolgen: Eindämmung durch Abschreckung oder Wandel durch Annäherung? Eigentlich müsste über diese Fragen offen gestritten werden. Stattdessen werden Abweichler als Russlandversteher diffamiert und ausgegrenzt. Und das obwohl es um die wichtigste Frage überhaupt geht: das friedliche Zusammenleben mit unseren Nachbarn.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
mit 5 Karten
  • Höhe: 205 mm
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  • Breite: 123 mm
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  • Dicke: 25 mm
  • 372 gr
978-3-406-71412-2 (9783406714122)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Gabriele Krone-Schmalz war von 1987 bis 1991 Russland-Korrespondentin der ARD und moderierte anschließend bis 1997 den ARD-Kulturweltspiegel. Seit 2011 ist sie Professorin für TV und Journalistik an der Hochschule Iserlohn. Sie ist Mitglied im Petersburger Dialog und als eine der führenden Russland-Experten Deutschlands regelmäßig im Fernsehen zu sehen.

  • Vorwort 
  • Russlands Rückkehr 
  • Der Showdown 
  • Gut und Böse 
  • Wer bedroht wen? 
  • «Wandel durch Annäherung» 
  • Selber Denken 
  • Dank
  • Anmerkungen 
  • Karten 

Vorwort

 

«Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie.»

(Aldous Huxley)

Wissen Sie noch, wie es in den Hochzeiten des Kalten Krieges war? Der böse Russe lauerte überall, während der gute Westen seine Werte verteidigte. «Gut» und «Böse» waren sauber verteilt, Orientierung kein Problem. Wer eine antisowjetische Politik betrieb, zählte zu den «Guten», auch wenn er Pinochet, Suharto oder Reza Schah Pahlevi hieß. Wer westlichen Interessen in die Quere kam, steckte gewiss mit Moskau unter einer Decke und gehörte beseitigt, wie Allende in Chile, Lumumba im Kongo, Mossadegh im Iran, Sukarno in Indonesien oder Nasser in Ägypten. Der Kalte Krieg war eine Zeit zynischer geostrategischer Interessenpolitik - auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Und nicht selten verstellten die klaren Feindbilder den Blick auf die Realität. Mehrfach stand die Welt am Rande eines Atomkrieges. Die Kontrahenten belauerten sich, rätselten über die Absichten des Gegners und lagen oft spektakulär daneben. Geglaubt wurde dem, der die düstersten Annahmen traf, alles andere galt als naiv.

Ein Vierteljahrhundert später wurde es komplizierter: Entspannungspolitik, Abrüstung, Gorbatschows Perestroika, die deutsche Wiedervereinigung, das Ende der Ost-West-Konfrontation. Für einen kurzen Moment schien es möglich, gemeinsam statt gegeneinander über die Gestaltung der Zukunft nachzudenken, unterschiedliche Erfahrungen in die Waagschale zu werfen und zu überlegen, wie man Völkerverständigung - immerhin eines der erklärten Ziele deutscher Außenpolitik - konkret umsetzen könnte: Jeder sollte sich sicher fühlen, allen sollte es besser gehen und strittige globale Fragen auf der Grundlage des entstandenen Vertrauens zwischen Ost und West behandelt werden. Was für eine Chance! Genau zu dieser Zeit habe ich in Moskau gelebt. Wie groß waren die Hoffnungen, wie stark war die Begeisterung und wie stabil die Motivation, gemeinsam an einer besseren Welt zu bauen. Wieder ein Vierteljahrhundert später ist nichts mehr davon übrig. Die NATO, die sich seit Ende der 1980er Jahre weder aufgelöst noch umgestaltet hat, sieht in Russland inzwischen erneut eine Bedrohung. Russland hat im Westen wieder die Rolle eingenommen, auf die früher die Sowjetunion abonniert war: die des ewigen Schurken.

Wie kommt es, dass kaum ein Tag vergeht, ohne dass die neuesten russischen Untaten angeprangert werden? Der russische Präsident Wladimir Putin erscheint in Politik und Medien geradezu als Inkarnation des Bösen, dem man auf keinen Fall trauen kann und der nichts Gutes im Schilde führt, selbst wenn er mit Blick auf internationale Krisenherde konstruktive Vorschläge macht, im Kampf gegen Terrorismus Zusammenarbeit anbietet oder alte Kontakte aus sowjetischen Zeiten nutzt, um Gesprächspartner an einen Verhandlungstisch zu bekommen, an dem sie auf Einladung des Westens gar nicht erschienen wären. Sicher: Es gibt viel zu kritisieren an Putins Politik. Aber ist er wirklich der omnipotente Bösewicht, wie ihn sich Ian Fleming, der Erfinder von James Bond, nicht besser hätte ausdenken können? Oder gibt es andere Gründe für das negative Russlandbild, das uns gegenwärtig auf allen Kanälen vermittelt wird? Geostrategische Interessenkonflikte vielleicht? Oder die Sehnsucht nach einem klaren Feindbild, das eine unübersichtliche Welt überschaubarer werden lässt und der NATO wieder eindeutige Aufgaben verschafft?

Moskau, so heißt es, sei eine Bedrohung - für den Zusammenhalt der EU, für den Frieden in der Welt und ganz konkret für die Sicherheit der osteuropäischen Staaten. Deswegen müsse der Westen Stärke zeigen, müssten Manöver abgehalten und NATO-Truppen in die baltischen Staaten und nach Polen verlegt werden. Alles andere würde Putin nur ermutigen, seine aggressive Expansionspolitik fortzusetzen, so wie die Appeasement-Politik der 1930er Jahre Hitler nur darin bestärkt habe, dass Vertragsbruch und Gewalt erfolgversprechend seien. Doch welche Belege gibt es eigentlich dafür, dass der Kreml danach strebt, sich die baltischen Staaten einzuverleiben? Wäre das überhaupt in seinem strategischen Interesse? Woher weiß man, dass Putins Ziele expansiv sind und er den alten Einflussbereich der Sowjetunion wiederherstellen will? Könnten sie nicht auch defensiv sein angesichts einer immer mehr geschrumpften Einflusszone in den letzten Jahrzehnten? Wer agiert, wer reagiert? Und ist Putin der unberechenbare Draufgänger, als der er manchmal dargestellt wird? Oder nicht doch ein rational und strategisch geschickt agierender Machtpolitiker, der damit letztendlich berechenbar ist?

Wer früher im Westen über die Motive und Absichten der sowjetischen Führung spekulierte, den nannte man einen Kremlastrologen - auch weil die Voraussagen über die Ziele Moskaus nicht selten denselben Realitätsgehalt hatten wie Horoskope. In ähnlicher Weise wird heute über die Absichten Putins spekuliert, wobei auf die größte Zustimmung rechnen kann, wer die schlimmste Prognose stellt - doch auf welcher Grundlage eigentlich?

Müsste nicht über diese zentralen Fragen offen gestritten werden? Immerhin hängt von der Antwort ab, welche Politik wir gegenüber Russland in Zukunft verfolgen sollen. Doch diejenigen, die nicht in das «Kreuziget ihn» einstimmen, werden der Propaganda bezichtigt, als «Trolle» oder Verbreiter von «Fake News» und «Verschwörungstheorien» diffamiert, vom Kreml angeblich auf die eine oder andere Weise bezahlt oder ob ihrer bedauerlichen Naivität belächelt. Eine faire Auseinandersetzung über unterschiedliche Perspektiven kann unter diesen Bedingungen kaum noch stattfinden. Für eine Demokratie, die eine lebendige Debatte ihrer Bürger braucht, ist es fatal, wenn jemand, der auch die russische Perspektive zu beleuchten versucht, in den Verdacht gerät, «im Auftrag» zu handeln oder bestenfalls ein nützlicher Idiot einer Propagandamaschinerie zu sein, die er nicht durchschaut.

Wegen dieser vergifteten Grundstimmung habe ich das vorliegende Buch etwas anders gestaltet als meine bisherigen Bücher. In «Eiszeit» mute ich Ihnen viele Details und einen umfangreichen Anmerkungsapparat zu. Die «leichte Lesbarkeit», die Sie von meinen Büchern gewohnt sind, wird an der einen oder anderen Stelle, an der es gilt, komplizierte Zusammenhänge durchschaubar zu machen, möglicherweise nicht ganz so leicht sein. Ich will nicht ausschließen, dass «Arbeit» und «Lesefreude» - soweit das behandelte Thema Freude zulässt - sich bei der Lektüre ein wenig anders verteilen als bisher, aber da das Anliegen des Buches so wichtig ist, möchte ich es den «Hardlinern», die keine andere Position als die eigene zulassen, so schwer wie möglich machen.

Was lässt die Befürworter einer militärischen und politischen Eindämmung Putins so sicher sein, dass ihre Deutung der Realität entspricht? Ist ihre Haltung wirklich so alternativlos, dass es sich nicht zu streiten lohnt? Ist Russland unser Feind? Und wenn ja, warum? Ist eine konfrontative Politik richtig, weil sie dem Mainstream entspricht? Weil eine Mehrheit der Eliten sie vertritt? Bis kurz vor der Finanzkrise von 2008 lautete ein breiter Elitenkonsens, dass eine Deregulierung der Finanzmärkte «alternativlos», durch die Globalisierung erzwungen und überdies zum Wohle der Wirtschaft sei. Heute sagt das niemand mehr.

Von dem britischen Philosophen John Stuart Mill stammt der Satz: «Da keiner die Wahrheit besitzt, ist es gut, um die Wahrheit zu streiten.» Demokratische westliche Gesellschaften rühmen sich, genau das tun zu können und auch zu tun. Unsere Verfassung garantiert uns Presse- und Meinungsfreiheit. Pluralismus gilt als Wert. Wir sollten uns auch im alltäglichen Streit daran orientieren. Nicht jeder, der vom Mainstream abweicht, ist ein «Populist» oder ein Einflussagent fremder Mächte. Man kann auch ganz von alleine zu einer anderen Meinung kommen. Sicher, es gibt Fakten, über die sich nicht streiten lässt. Was etwa in Verträgen steht, kann man schwarz auf weiß nachlesen. Aber um auf Fragen wie: Was will Putin? Welche Politik gegenüber Russland sollten wir verfolgen? etc. unterschiedliche Antworten zu geben, braucht es keine «alternativen Fakten». Bei solch komplexen Fragen gibt es kein Richtig oder Falsch, sondern nur bessere und schlechtere Argumente.

Meines Erachtens kommt man der Wahrheit am nächsten, wenn man erstens akzeptiert, dass niemand sie besitzt, und wenn man zweitens versucht, Interessen auf den Grund zu gehen. Wem nützt das, was da passiert? Warum wird diese Information gerade jetzt verbreitet? Und es gilt noch einen Punkt zu beachten: sich und andere dafür zu sensibilisieren, ...


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