Christenverfolgung in der Antike

 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 26. August 2019
 
  • Buch
  • |
  • Softcover
  • |
  • 128 Seiten
978-3-406-74009-1 (ISBN)
 

 Jahrhundertelang wurden Christen zur Zeit der frühen Kirche ( 1. bis 4. Jahrhundert) mit unfassbarer Grausamkeit gequält und ermordet. Die Verfolgten haben ihre Nöte mit oft übermenschlichen Mut erduldet - manchmal auch ihr Martyrum in einem uns heute sehr fremd anmutenden Verlangen geradezu gesucht. In diesem Buch werden Motive und Verlauf der Christenverfolgung beschrieben, Verantwortliche und Opfer benannt, aber auch die Gründe erhellt, weshalb die Progrome und systematischen Nachstellungen schließlich an ihr Ende gelangten. 

1. Auflage 2019
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
mit 2 Karten und 1 Zeittafel
  • Höhe: 180 mm
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  • Breite: 134 mm
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  • Dicke: 17 mm
  • 120 gr
978-3-406-74009-1 (9783406740091)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Wolfram Kinzig lehrt als Professor für Kirchengeschichte mit dem Schwerpunkt Alte Kirchengeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn und ist daselbst Sprecher des Zentrums für Religion und Gesellschaft.

2. Die Marginalisierung des Christentums
innerhalb des Judentums
Voraussetzungen und Rahmenbedingungen

Das Christentum entstand als eine besondere religiöse Gruppierung innerhalb des Judentums. Sie verehrte den Zimmermann Jesus von Nazareth, welcher etwa um das Jahr 30 unter dem Statthalter Pontius Pilatus in Jerusalem wohl unter dem Vorwurf aufrührerischen Verhaltens - der Sache nach zu Unrecht - zum Tod verurteilt und hingerichtet worden war. Die besondere charismatische Begabung dieses Wanderpredigers, der der Überlieferung zufolge auch viele Wunder gewirkt hatte und den man schließlich mit dem lang erwarteten Messias identifizierte, sowie die Ereignisse und Erlebnisse, die sich an seine Hinrichtung anschlossen, führten dazu, dass bereits die ältesten Quellen von der Auferstehung Jesu sprechen und man ihm schon sehr früh göttliche Qualitäten zuschrieb.

Wider Erwarten existierte die jüdische Anhängerschaft Jesu (die man nunmehr als Judenchristen bezeichnen kann) auch über dessen Tod hinaus als geschlossene Gemeinschaft weiter. Mehr noch: Sie gewann an Attraktivität, wurde größer und vielgestaltiger. Die Jerusalemer Juden nahmen schon bald wahr, dass eine Gruppe aus ihrer Mitte Jesus als den verheißenen Messias verehrte. Sie musste von vornherein suspekt erscheinen - weil die Eliten innerhalb des palästinischen Judentums deren theologische Auffassungen nicht teilten, vor allem aber, weil die neue Gemeinschaft, die sich um einen als Verbrecher hingerichteten Mann gebildet hatte, das ohnehin prekäre Verhältnis zwischen der indigenen Bevölkerung der römischen Provinz Judäa und der Besatzungsmacht zu stören drohte. Diese indigene Bevölkerung (die «Judäer», d.h. die «Juden») war freilich in sich sowohl religiös als auch ethnisch uneinheitlich. Die aus dem Neuen Testament bekannten Gruppen der Pharisäer und Sadduzäer etwa vertraten unterschiedliche Auffassungen im Hinblick auf die Rolle des Gesetzes oder die Auferstehung von den Toten. Zudem gab es neben aramäischsprachigen Juden auch solche, die von griechischsprachigen Einwanderern abstammten und darum «Hellenisten» hießen. Dieser Unterschied bildete sich auch unter den Judenchristen ab: Der gemeinsame Glaube an Jesus Christus umschloss unterschiedliche ethnische Identitäten und Sprachen sowie theologische Ausrichtungen unter dessen frühesten Anhängern.

Schon recht früh nach Jesu Hinrichtung wurden diese drangsaliert und verfolgt. Ausmaß und Historizität dieser Vorgänge sind freilich nicht leicht einzuschätzen, da unsere Hauptquelle hierfür die Apostelgeschichte ist, die erst erheblich später verfasst wurde (vielleicht um 90-?100) und in ihrer historischen Zuverlässigkeit umstritten ist. Die Apostelgeschichte schildert die Geschichte der Jerusalemer Urgemeinde und die Missionsreisen der Apostel als eine Konfliktgeschichte und sieht die Schuld für die Probleme vor allem bei den «Juden». Dadurch kann beim modernen Leser der Eindruck entstehen, es habe sich um Auseinandersetzungen zwischen «Juden» und «Christen» gehandelt, und es gerät leicht aus dem Blick, dass - wie oben bereits angedeutet - die Christen zunächst noch eine Gruppe innerhalb des Judentums in der Zeit des Zweiten Tempels bildeten. Dabei sollte es freilich nicht bleiben. In den gewaltsamen Auseinandersetzungen, die auf die Steinigung des Stephanus folgten (S. 13), scheint sich das Judenchristentum zunehmend über die Grenzen Judäas hinaus ausgebreitet zu haben. Seine Vertreter missionierten nun im Umfeld der mediterranen Synagogengemeinden und fanden unter den «Gottesfürchtigen» - d.h. Heiden, die bestimmte jüdische Praktiken befolgten, ohne ganz zum Judentum überzutreten - offene Ohren. Dadurch wuchs die Zahl der Heidenchristen deutlich. Sie dürften in den Gemeinden schon nach kurzer Zeit die Mehrheit gebildet haben. Dies löste intensive Debatten um die Frage aus, inwiefern das jüdische Gesetz noch einzuhalten sei. Die christlichen Gemeinden lehnten mehrheitlich eine strenge Befolgung der Gebote ab. Sie forderten allenfalls noch (wie im sog. Aposteldekret: Apostelgeschichte 15,28f.), kein Fleisch zu essen, das im Rahmen des paganen (heidnischen) Kultes geschlachtet worden war (sog. Götzenopferfleisch), kein Blut (etwa durch den Verzehr von nicht geschächtetem Fleisch) zu sich zu nehmen und sich bestimmter sexueller Praktiken zu enthalten.

Im traditionellen Judentum Palästinas (und vielleicht auch in der jüdischen Diaspora) war hingegen ein umgekehrter Trend zu beobachten: Im Jahr 70 zerstörten die Römer im Zug des Jüdischen Kriegs (66-?74) den Jerusalemer Tempel. Infolgedessen bildete sich eine Religionspraxis aus, die ohne den Tempelkult auskam, wobei pharisäische Gruppen die Oberhand gewannen, die das Zentrum jüdischer Identität in der richtigen Auslegung der Torah (des Gesetzes) sahen. Dies führte in einem komplexen Prozess zur Abfassung des rabbinischen Schrifttums (Talmud) und zur Ausbildung des rabbinischen Judentums mit eigenen Institutionen. Infolgedessen gingen Christen und Juden wohl noch im 1. Jahrhundert theologisch wie organisatorisch getrennte Wege und wurden schließlich auch von außen (d.h. aus paganer Sicht) als zwei unterschiedliche Gruppen wahrgenommen.

Im Folgenden betrachte ich zunächst die Periode, in der das Christentum sinnvollerweise als jüdische Sondergruppe zu bezeichnen ist, weil seine Anhänger in der Mehrzahl Juden waren und ganz oder teilweise auch im Rahmen jüdischer Kultpraxis agierten.

Das Schicksal der Jerusalemer Urgemeinde
und ihrer führenden Repräsentanten

Der Apostelgeschichte zufolge wurden Petrus und Johannes, der Sohn des Zebedäus, zweimal gefangen genommen und dem Hohen Rat (Sanhedrin) vorgeführt, weil sie lehrten, dass Jesus von den Toten auferstanden sei. Sie hatten offenbar vor allem bei der einflussreichen Gruppe der Sadduzäer Anstoß erregt, die die Auferstehung von den Toten bestritt. Beim zweiten Mal wurden sie ausgepeitscht. Ein Rede- und Predigtverbot in der Öffentlichkeit ließ sich hingegen - mit Rücksicht auf die Unterstützung, die die Apostel in der Bevölkerung genossen - nicht durchsetzen (Apostelgeschichte 4,1-?22; 5,17-?42).

Der Anführer der «hellenistischen» (griechischsprachigen) Judenchristen Stephanus vertrat die Auffassung, dass Gott nicht im Jerusalemer Tempel wohne und die Juden das ihnen von Gott gegebene Gesetz nicht eingehalten hätten. Angesichts der identitätsstiftenden Bedeutung, die Tempel wie Torah im religiösen Leben der Juden hatten, führte dies dazu, dass er von hellenistischen Juden vor den Hohen Rat geschleppt, wegen Tempelfrevel und Verstoßes gegen das jüdische Gesetz angeklagt und schließlich außerhalb der Stadt gesteinigt wurde (Apostelgeschichte 6f.).

Das gewaltsame Ende des später sog. «Protomärtyrers» (d.h. des ersten christlichen Märtyrers) um 35 hatte gravierende Auswirkungen auf die Gemeinde von Jerusalem. Es setzte eine Verfolgung ein, während der die Judenchristen bis auf wenige Reste aus der Stadt flohen. Daran beteiligte sich auch der Pharisäer Saulus, indem er Judenchristen ins Gefängnis warf. In welcher Funktion Saulus dies tat, ist ungewiss. Da nirgends überliefert ist, dass Saulus ein höheres Amt etwa im Rahmen der jüdischen Selbstverwaltung innehatte, Mitglied des Sanhedrins (des Hohen Rates) war oder gar irgendeine Form von paramilitärischen Einheiten befehligte, dürften die Auswirkungen mindestens seiner eigenen Aktionen nicht allzu gravierend gewesen sein. Als er schließlich einen offiziellen Auftrag vonseiten des Sanhedrin eingeholt hatte und sich auf dem Weg von Jerusalem nach Damaskus befand, kam es zu jenem biographisch einschneidenden Bekehrungserlebnis, das dazu führte, dass er fortan als Apostel Paulus in großem Stil missionierte (Apostelgeschichte 9,1-?9; vgl. 1. Korinther 9,1; 15,8; Galater 1,16).

Die Lage der in Jerusalem verbliebenen Judenchristen blieb prekär: Verhaftungen kamen immer wieder vor. In einigen Fällen hören wir auch von der Ermordung bzw. Hinrichtung von Jesusanhängern. Jakobus (der Sohn des Zebedäus und Bruder des Johannes) fiel einer Polizeiaktion zum Opfer, die König Herodes Agrippa I. nicht allzu lang vor seinem eigenen Tod im Jahr 44 veranlasst hatte: Er wurde enthauptet. Petrus hingegen wurde eingekerkert, um am Pesachfest ebenfalls hingerichtet zu werden, konnte aber entfliehen. Wie umfassend diese Verfolgung gewesen ist und welche Motive Agrippa dabei geleitet haben mögen, ist unbekannt.

Nach der Hinrichtung des Zebedaiden Jakobus sowie der Flucht des Petrus aus Jerusalem übernahm um die Mitte der 40er Jahre der Bruder Jesu, der ebenfalls Jakobus hieß und ...


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