Mathilda oder Irgendwer stirbt immer

Krimikomödie
 
 
dtv (Verlag)
  • erschienen am 12. März 2020
 
  • Buch
  • |
  • Softcover
  • |
  • 464 Seiten
978-3-423-26249-1 (ISBN)
 

Willkommen in Dettebüll!

Mathilda liebt ihr Dorf Dettebüll in Nordfriesland, seine Einwohner und ihre Familie. Na ja, bis auf Ilse, ihre Mutter, vielleicht. Ilse ist - im Gegensatz zu Mathilda - eine Ausgeburt an Boshaftigkeit und Niedertracht. Veränderungen sind Mathilda ein Gräuel, und so kämpft sie seit vierzig Jahren um Harmonie in der Familie. Doch dann gerät Mathilda und mit ihr ganz Dettebüll in einen Strudel von Ereignissen, die den Frieden in ihrem Dorf gründlich aus den Angeln heben: Dubiose Männer in dunklen Anzügen interessieren sich plötzlich für die endlosen Wiesen von Dettebüll. Unruhe macht sich breit unter der Dorfbevölkerung. Und noch bevor Mathilda sich auf all das einen Reim machen kann, gibt es die erste Tote: Ilse kommt bei einem tragischen Unfall (unter Einwirkung von Tiefkühlkost) ums Leben. Und sie wird nicht die einzige Tote bleiben.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • Klappenbroschur
  • Höhe: 212 mm
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  • Breite: 136 mm
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  • Dicke: 45 mm
  • 616 gr
978-3-423-26249-1 (9783423262491)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Dora Heldt, 1961 auf Sylt geboren, hat sich mit ihren Romanen und Krimis auf die Spitzenplätze der Bestsellerlisten und in die Herzen von Millionen von Leserinnen und Lesern geschrieben. Wie kaum eine andere Autorin in Deutschland kennt sie den Buchmarkt von allen Seiten: Die gelernte Buchhändlerin war über 30 Jahre lang Verlagsvertreterin für einen großen Publikumsverlag. Neben humorvollen Familien- und Frauenromanen (u.a. ,Urlaub mit Papa', 'Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt' oder 'Drei Frauen am See') begeistert sie ihr Publikum mit lustig-skurrilen Sylt-Krimis (u.a. 'Wir sind die Guten'), Erzählungen und Kolumnen. Die Liebe zu ihrer norddeutschen Heimat ebenso wie die zu den Menschen dort fängt Dora Heldt auf unnachahmliche Weise in all ihren Büchern ein.

2.

Zur gleichen Zeit in Hamburg

Die Neonröhre über dem Tresen flackerte, bevor sie mit einem leisen »Ping« erlosch. Pit Petersen ließ den Lappen in die Spüle fallen und sah resigniert nach oben. Jetzt war es fast ganz dunkel in der Bar PP, es war die dritte Lampe, die an diesem Abend ausgefallen war. Heute war nicht sein Tag. Er streckte den Arm aus und tippte gegen die dunkle Röhre, sie blieb dunkel, war aber noch heiß. Pit fluchte und tauchte den Finger in das lauwarme Spülwasser. Was für ein Dreckstag.

»Ganz schön düster hier«, sagte plötzlich Hermann, der schon seit Stunden nahezu unbeweglich am Tresen saß. »Machst du mir noch ein Bier?«

»Das ist das letzte für heute«, Pit kniff die Augen zusammen, um im Halbdunkel Bier zu zapfen. »Kommt wohl keiner mehr, ich mach dann Feierabend.«

Hermann nickte. »Nicht viel los heute.«

»Die ganze Woche nicht«, Pit schob ihm das Bier über den Tresen, der dringend mal wieder abgewischt werden musste. Pit hasste Putzen.

»Du musst eine Frau einstellen. Dann kommen auch wieder mehr. Nix mehr los, seit Eva weg ist.«

Pit sah Hermann irritiert an. »Wirst du jetzt auf den letzten Metern geschwätzig?« Er rieb mit den Fingern über den klebrigen Tresen. Widerlich. »Wo soll ich denn eine Frau herkriegen?«

»Schild.«

»Was?«

Hermann trank das Bier langsam aus, stellte das Glas ab und wischte sich über den Mund. Dann kletterte er vom Barhocker und schwankte langsam zum Spielautomaten, unter dem leere Pappkartons standen. Er riss eine Klappe ab und kam zurück. »Gib mal einen Stift.«

In der Schublade fand Pit einen alten Filzstift, Hermann nahm ihn und kritzelte etwas auf die Pappe, die er Pit anschließend hinhielt. »Ins Fenster«, sagte er, kramte einen Geldschein aus der Hosentasche und legte ihn hin. »Stimmt so. Tschüs.«

Die Tür fiel hinter ihm zu, verblüfft hielt Pit die Pappe in den Händen.

Servissfrau gesucht

Die Schrift war nicht schön, die Rechtschreibung falsch, aber die Idee war gut. Pit nickte, der alte Hermann hatte recht. Seit Eva ihn verlassen hatte, lief die Kneipe nicht mehr. Zum einen gab es nichts mehr zu essen, weil Pit weder Lust noch die Fähigkeiten besaß, irgendwelche Suppen oder Frikadellen zu machen, zum anderen hatte Eva auch ständig mit den Gästen gelabert, dazu hatte Pit noch weniger Lust. Er hätte auch gar nicht gewusst, worüber er mit ihnen reden wollte. Die sollten hier ihr Bier trinken, bezahlen und wieder gehen. Fertig. Aber jetzt kam - außer Hermann und ein, zwei anderen traurigen Gestalten - überhaupt niemand mehr. Weil es nichts zu essen gab. So ein Schwachsinn, er hatte eine Kneipe und kein Restaurant. Aber eine Angestellte könnte zumindest putzen.

Pit ging langsam zur Tür, um abzuschließen, seine Schuhe machten auf dem Linoleum ein schmatzendes Geräusch. Die Idee war wirklich nicht schlecht, er hatte zwar keine Ahnung, wie er eine Angestellte bezahlen sollte, aber darüber konnte er später nachdenken. Er stellte einen der leeren Kartons auf den Tisch und riss eine zweite Pappe ab, die er - so gut er konnte - beschriftete.

Hübsche Frau für Service gesucht

Er stellte das Schild ins Fenster. Die Scheibe war schmierig, aber man müsste es trotzdem von außen lesen können. Hoffte er zumindest. Seine Stimmung hob sich augenblicklich. Pit Petersen war schon mit allen möglichen Situationen fertig geworden. Das würde auch so weitergehen. Davon war er überzeugt. Der Blick in die Kasse ernüchterte ihn wieder. 24,80 Euro. Der gesamte Tagesumsatz. Er nahm einen Zehn-Euro-Schein heraus und schob ihn sich in die Hosentasche. Ein Döner und ein Bier für ihn, 14,80 Euro fürs Kassenbuch, das musste reichen. Warum den Haien vom Finanzamt das Geld hinterherschmeißen?

Er griff zu den beiden übervollen Müllsäcken und öffnete die Hintertür. Falls eine potenzielle Kandidatin gleich morgen das Schild sah, musste sie ja nicht sofort über den Müll fallen. Das Erste, was er hörte, war ein tiefes, ekstatisches Gebrüll, das aus einem der oberen Fenster drang. Da ging es anscheinend mal wieder zur Sache. Mit einem Anflug von Neid sah Pit hoch. Als er die Kneipe übernommen hatte, war er der festen Überzeugung gewesen, dass das Stundenhotel in unmittelbarer Nachbarschaft ihm genügend Kunden bescherte. Aber er hatte sich geirrt. Die Damen tranken oben, und ihre Freier waren entweder erschöpft oder hatten schon zu viel Geld ausgegeben, keiner von denen kam anschließend noch zu ihm. Die einzige Ausnahme waren die Vermieter. Hermann sagte, das wären die Zuhälter, Pit war es egal. Er kannte noch nicht mal ihre Namen. Es waren drei, die ab und zu herkamen, zwei hatten rasierte Schädel, einer von ihnen mit überdimensionalem Vollbart, einer war rothaarig mit einem ungepflegten Schnauzbart, alle waren sie muskelbepackt und großflächig tätowiert. Der größte von ihnen hatte sogar ein Tattoo am Hals. Kill you, stand dort, mehr musste Pit nicht wissen. Sie bockten ihre Harley-Davidsons am Straßenrand auf, kamen breitbeinig in die Kneipe, tranken Bier und bezahlten, alles andere interessierte Pit nicht.

Er stopfte die Müllsäcke in die Tonne und wollte gerade wieder reingehen, als oben plötzlich ein hektischer Lärm ausbrach. Er hörte Schreie, Türenknallen, irgendjemand kreischte, die Fenster flogen auf, dann laute Rufe: »Polizei, niemand bewegt sich! Arme nach vorn, ganz ruhig bleiben, Hände weg da.«

Instinktiv presste Pit sich an die Wand und zwang sich, ruhig zu atmen. Mit Bullen war er noch nie ausgekommen, und er hatte mit dieser Sache - was immer das da oben zu bedeuten hatte - sowieso nichts zu tun. Er hatte einfach keinen Bock, von den Bullen ausgefragt zu werden. Irgendetwas fanden die doch immer bei ihm. Ganz langsam schob er sich in Richtung Tür, er musste hier weg, er konnte den Seitenausgang nehmen, bevor die runterkamen. Als er die Tür schon fast erreicht hatte, sah er aus den Augenwinkeln einen Schatten. Ein klatschendes Geräusch ließ ihn zusammenzucken. Er drehte den Kopf in die Richtung, aus der es gekommen war. Oben knallte ein Fenster zu. Und dann sah er sie. Zwei Beutel, umhüllt von silbriger Folie, lagen direkt neben der Mülltonne auf dem schmutzigen Hinterhofboden. Irgendjemand hatte sie runtergeworfen. Ohne nachzudenken, stieß er sich von der Wand ab, griff nach den Beuteln und huschte zurück in die Kneipe. Der Karton ohne Klappe stand noch auf dem Tisch, er warf seinen Fund hinein, seine Jacke obendrauf und verließ blitzartig sein Lokal. Fünf Minuten später fuhr er mit seinem alten, klapprigen Renault die Reeperbahn hinunter zum Hafen.

 

Pit bremste ab, weil ein paar Meter vor ihm ein betrunkener Mann auf die Straße torkelte. Einer seiner Begleiter riss ihn an der Jacke zurück, der Betrunkene schlug wütend in die Luft, Pit fuhr langsam weiter. Nicht jetzt noch einen Unfall riskieren, bevor er nicht wusste, was in den beiden Beuteln war. Ein kleines Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Vielleicht war es doch sein Glückstag heute. Ein Gottesgeschenk, das vom Himmel gefallen war.

Er fuhr vorschriftsmäßig, sah kurz in den Rückspiegel, hinter ihm war nichts Auffälliges zu sehen, vor ihm ragten die Hafenkräne in den Himmel, er fuhr langsamer, suchte einen passenden Ort und bog dann in eine kleine Seitenstraße, in der er auf Anhieb einen Parkplatz vor einer Autowerkstatt fand. Pit stellte den Motor aus und sah sich um. Nichts. Die Werkstatt war zu, niemand war auf der Straße, keine Polizei, keine Harleys mit tätowierten Fahrern. Er wartete noch eine Sekunde, dann drehte er sich um und griff in den Karton, den er einfach hinter den Beifahrersitz geworfen hatte. Unter der Jacke tastete er nach dem ersten Beutel und zog ihn raus. Vorsichtig wickelte er die silberne Folie ab, die in mehreren Bahnen um den Beutel gewickelt war. Pit wusste, dass die Damen von oben ab und zu Drogen anboten, Amphetamine, Crystal oder Ecstasy, er hatte auch schon was gekauft. Er selbst nahm die Sachen nicht, er hasste es, Tabletten zu schlucken, aber ab und zu tat er dem einen oder anderen Kumpel einen Gefallen. Deshalb wusste er, was das Zeug wert war. Er lächelte, als er ans Ende der Folie kam. Mit so einem Erlös könnte er locker die hübsche Servicekraft bezahlen.

Das Lächeln gefror, als er im Dämmerlicht sah, was er da in der Hand hatte. Der Beutel enthielt keine bunten Pillen, sondern ein weißes Pulver. Pit ahnte sofort, was das war, öffnete vorsichtig eine Ecke und tupfte mit feuchtem Finger ein paar Krümel auf die Zunge . Vom Wert dieses Beutels konnte er bis zu seiner Rente mehrere Servicekräfte bezahlten. Ihm wurde heiß und kalt. Er hatte hier schätzungsweise ein Kilo Kokain auf dem Schoß. Und unter seinem Sitz lag nochmal so viel. Hektisch wickelte er die Folie wieder drum und schob die Beutel unter den Beifahrersitz. Sein Herz pochte, er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Wie festgetackert blieb er im Auto sitzen, die Finger um das Lenkrad geklammert, den Blick aufs Armaturenbrett fixiert. Wer immer das Zeug von oben in den Hinterhof geworfen hatte: Er würde es wiederhaben wollen. Und zwar schnell. Kill you. Pit sah plötzlich das Tattoo am Hals vor sich. Pit atmete tief ein und aus. Er musste jetzt cool bleiben, ganz cool.

Andererseits hatten die Jungs keine Ahnung, dass er das Kokain hatte. Dank der kaputten Lampen sah die Kneipe geschlossen aus, niemand hatte ihn gesehen, er hatte auch niemanden getroffen. Seit Eva weg war, war die Kneipe sowieso nicht mehr jeden Tag geöffnet. Das war nichts Besonderes. Aber es war ausgeschlossen, das Zeug...


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