
Homo Deus
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Inhalt
Kapitel 1 Die neue menschliche Agenda
Teil I: Homo sapiens erobert die Welt
Kapitel 2 Das Anthropozän
Kapitel 3 Der menschliche Funke
Teil II: Homo sapiens gibt der Welt einen Sinn
Kapitel 4 Die Geschichtenerzähler
Kapitel 5 Das seltsame Paar
Kapitel 6 Der moderne Pakt
Kapitel 7 Die humanistische Revolution
Teil III: Homo sapiens verliert die Kontrolle
Kapitel 8 Die Zeitbombe im Labor
Kapitel 9 Die große Entkopplung
Kapitel 10 Der Ozean des Bewusstseins
Kapitel 11 Die Datenreligion
Danksagung
Anmerkungen
Bildnachweis
Register
Kapitel 2
Das Anthropozän
Was andere Tiere angeht, so sind die Menschen schon lange zu Göttern geworden. Wir denken nicht gerne allzu intensiv darüber nach, denn wir waren keine besonders gerechten oder gnädigen Götter. Wenn man sich Sendungen von National Geographic anschaut, in einen Kinofilm aus dem Hause Disney geht oder ein Märchenbuch liest, könnte man leicht den Eindruck gewinnen, der Planet sei überwiegend von Löwen, Wölfen und Tigern bevölkert, die dem Menschen gleichgestellt sind. Simba, der König der Löwen, herrscht über die Tiere des Urwalds; das kleine Rotkäppchen versucht dem bösen Wolf zu entkommen; und der kleine Mogli stellt sich tapfer dem Tiger Shir Khan entgegen. In Wirklichkeit aber gibt es sie schon lange nicht mehr. Unsere Fernsehprogramme, Bücher, Fantasien und Albträume sind noch immer voll von ihnen, doch die Simbas, Shir Khans und bösen Wölfe auf unserem Planeten verschwinden allmählich. Die Welt ist überwiegend von Menschen und ihren domestizierten Tieren bevölkert.
Wie viele Wölfe leben heute noch in Deutschland, dem Land der Gebrüder Grimm, dem Land von Rotkäppchen und dem bösen Wolf? Nicht einmal einhundert. (Und selbst bei denen handelt es sich überwiegend um polnische Wölfe, die in den letzten Jahren heimlich über die Grenze kamen.) Hingegen ist Deutschland die Heimat von fünf Millionen domestizierten Hunden. Insgesamt durchstreifen noch rund 200.000 wilde Wölfe die Wälder des Planeten, während es mehr als 400 Millionen gezähmte Hunde gibt.[1] Die Welt zählt 40.000 Löwen und 600 Millionen Hauskatzen; 900.000 afrikanische Büffel und 1,5 Milliarden Kühe und Rinder; 50 Millionen Pinguine und 20 Milliarden Hühner.[2] Trotz gewachsenen Umweltbewusstseins haben sich die Wildtierpopulationen seit 1970 halbiert (und schon 1970 ging es ihnen alles andere als prächtig).[3] 1980 gab es in Europa zwei Milliarden Wildvögel. 2009 waren davon nur noch 1,6 Milliarden übrig. Im gleichen Jahr züchteten die Europäer 1,9 Milliarden Hühner, um deren Fleisch und deren Eier zu verzehren.[4] Gegenwärtig sind mehr als neunzig Prozent aller großen Tiere dieser Welt (die also mehr als nur ein paar Kilogramm wiegen) entweder Menschen oder domestizierte Tiere.
Wissenschaftler unterteilen die Geschichte unseres Planeten in Zeitalter wie das Pleistozän, das Pliozän und das Miozän. Offiziell leben wir heute im Holozän. Besser wäre es freilich, die letzten 70.000 Jahre als «Anthropozän» zu bezeichnen: das Zeitalter der Menschheit. Denn im Verlauf dieser Jahrtausende wurde Homo sapiens zur wichtigsten Kraft, die den globalen ökologischen Wandel vorantrieb.[5]
Die weltweite Biomasse großer Tiere
Dieses Phänomen ist beispiellos. Seit Beginn des Lebens vor rund vier Milliarden Jahren hat keine einzelne Art die globale Ökologie ganz allein verändert. Zwar mangelte es nie an ökologischen Revolutionen und massenhaftem Aussterben, aber Grund für diese Ereignisse war nie eine bestimmte Echse, Fledermaus oder Pilzart. Vielmehr wurden sie durch das Wirken großer Naturgewalten wie Klimaveränderungen, tektonische Plattenverschiebungen, Vulkanausbrüche und Asteroideneinschläge verursacht.
Manche Leute befürchten, wir seien heute wieder tödlichen Bedrohungen durch riesige Vulkanausbrüche und Asteroiden ausgesetzt. Die Produzenten in Hollywood verdienen mit diesen Ängsten Milliarden. In Wirklichkeit freilich ist die Gefahr gering. Zu massenhaftem Aussterben kommt es alle paar Millionen Jahre. Und ja, ein großer Asteroid wird irgendwann in den nächsten hundert Millionen Jahren vermutlich mit unserem Planeten kollidieren, aber dass das schon kommenden Dienstag passieren wird, ist eher unwahrscheinlich. Statt vor Asteroiden sollten wir lieber vor uns selbst Angst haben.
Denn Homo sapiens hat die Spielregeln neu geschrieben. Diese eine Affenart hat es innerhalb von 70.000 Jahren geschafft, das globale Ökosystem radikal und beispiellos zu verändern. Unser Einfluss entspricht schon heute dem der Eiszeiten und der tektonischen Verschiebungen. Binnen eines Jahrhunderts dürfte unser Einfluss noch den des Asteroiden übertreffen, der vor 65 Millionen Jahren den Dinosauriern den Garaus machte.
Der Asteroid veränderte den Verlauf der Evolution zu Lande, aber nicht ihre Grundregeln, die seit dem ersten Auftauchen von Organismen vor vier Milliarden Jahren feststehen. Während all dieser Äonen entwickelten sich Lebewesen, ob Virus oder Dinosaurier, nach den gleichbleibenden Prinzipien der natürlichen Auslese. Überdies blieb das Leben, mochte es auch noch so seltsame und bizarre Formen annehmen, auf den Bereich des Organischen beschränkt - ob Kaktus oder Wal, alle bestanden aus organischen Komponenten. Heute ist die Menschheit drauf und dran, die natürliche Auslese durch das intelligente Design zu ersetzen und das Leben vom organischen auf den nicht-organischen Bereich auszudehnen.
Selbst wenn wir von diesen Zukunftsaussichten einmal absehen und nur auf die letzten 70.000 Jahre zurückblicken, ist offenkundig, dass das Anthropozän die Welt auf noch nie da gewesene Weise verändert hat. Asteroiden, die Plattentektonik und der Klimawandel mögen sich auf Organismen überall auf der Welt ausgewirkt haben, aber ihr Einfluss fiel von Region zu Region unterschiedlich aus. Der Planet bestand nie aus nur einem einzigen Ökosystem, sondern aus einer Ansammlung vieler, nur lose miteinander verbundener Ökosysteme. Als tektonische Verschiebungen Nord- und Südamerika zusammenführten, starben die meisten südamerikanischen Beuteltiere aus, während das australische Känguruh keinen Schaden nahm. Als die letzte Eiszeit vor 20.000 Jahren ihren Höhepunkt erreichte, mussten sich die Quallen im Persischen Golf und die Quallen in der Bucht von Tokio an den Klimawandel anpassen. Doch weil zwischen den beiden Populationen keinerlei Verbindung bestand, reagierten sie jeweils unterschiedlich und entwickelten sich in verschiedene Richtungen.
Der Sapiens hingegen durchbrach die Grenzen, die den Globus in eigenständige Ökozonen aufgeteilt hatten. Im Anthropozän wurde der Planet erstmals zu einer großen ökologischen Einheit. Australien, Europa und Amerika wiesen zwar weiterhin klimatische und topographische Unterschiede auf, doch die Menschen sorgten dafür, dass sich Organismen aus aller Welt auf geregelte Art vermischten, unabhängig von Entfernung und Geographie. Was als Rinnsal aus Holzbooten begann, entwickelte sich zu einem reißenden Strom aus Flugzeugen, Öltankern und riesigen Frachtschiffen, die jeden Ozean durchqueren und jede Insel und jeden Kontinent miteinander verbinden. Folglich lässt sich die Ökologie beispielsweise Australiens nicht mehr verstehen, wenn man die europäischen Säugetiere oder die amerikanischen Mikroorganismen, die seine Küsten und Wüsten überschwemmen, außer Acht lässt. Schafe, Weizen, Ratten und Grippeviren, die Menschen in den letzten dreihundert Jahren nach Australien brachten, sind für die dortige Ökologie heute weitaus wichtiger als die einheimischen Kängurus und Koalas.
Doch das Anthropozän ist kein neues Phänomen der letzten paar hundert Jahre. Schon vor Zehntausenden von Jahren, als unsere Steinzeitvorfahren sich von Ostafrika aus in alle Winkel des Planeten ausbreiteten, veränderten diese die Flora und Fauna auf jeder Insel und auf jedem Kontinent, auf denen sie sich niederließen. Alle anderen Menschenarten auf der Welt, 90 Prozent der großen Tiere Australiens, 75 Prozent der großen Säugetiere in Amerika und rund 50 Prozent aller großen Landsäugetiere des Planeten trieben sie in den Untergang - und das alles, noch bevor sie das erste Weizenfeld bestellt, das erste Metallwerkzeug geformt, den ersten Text geschrieben, die erste Münze geprägt hatten.[6]
Die Hauptleidtragenden waren große Tiere, weil es von ihnen relativ wenige gab und sie sich nur sehr langsam fortpflanzten. Man vergleiche beispielsweise die Mammuts (die ausstarben) mit den Kaninchen (die überlebten). Ein Trupp von Mammuts umfasste ...