MERKUR Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken - 2019-01

Nr. 836, Heft Januar 2019
 
 
Klett-Cotta (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Januar 2019
 
  • Buch
  • |
  • Softcover
  • |
  • 104 Seiten
978-3-608-97475-1 (ISBN)
 
Ivan Krastev und Stephen Holmes erklären den Weg osteuropäischer Staaten in Richtung illiberaler Demokratien aus dem Unglück der nachholenden Imitation des Westens. Über den "Extremismus der Mitte" schreibt Philip Manow. Und Monika Rinck geht es in ihrem Essay um das, was Texte nicht sagen - und das, was sie damit meinen.

In ihrer ersten Literaturkolumne nähert sich Eva Geulen der kleinen bzw. knappen literarischen Form, mit der sie es bei den Büchern von Maruan Paschen zu tun hat. Eva Behrendt erkennt in ihrer Theaterkolumne Menschen und Reflexionen im Nebel. Kritisch liest Jürgen Große den Briefwechsel zweier Ostdeutscher, nämlich von Jana Hensel und Wolfgang Engler. Sehr beeindruckt zeigt sich David Wagner von Rachel Cusks fast plotloser Romantrilogie. Harun Maye verabschiedet das Popkulturmagazin Spex.

Um Derrick geht es in einem Essay von Robin Detje, um das München der achtziger Jahre, um Walter Sedlmayr und die Waffen-SS. Erhard Schüttpelz klärt allerlei Dinge mit links. Vom Alltagsleben in Warschau berichtet Felix Ackermann, während Jochen Rack in Nowosibirsk unterwegs war. Catalin Partenie schreibt über den rumänischen Philosophen Alexandru Dragomir und dessen postum veröffentlichte Notizen.
1., Aufl.
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • Höhe: 23.7 cm
  • |
  • Breite: 15.6 cm
  • 202 gr
978-3-608-97475-1 (9783608974751)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Der Herausgeber Christian Demand, Jg. 1960, hat Philosophie und Politikwissenschaft studiert und die Deutsche Journalistenschule absolviert. Er war als Musiker und Komponist tätig, später als Hörfunkjournalist beim Bayerischen Rundfunk. Nach Promotion und Habilitation in Philosophie unterrichtete er als Gastprofessor für philosophische Ästhetik an der Universität für angewandte Kunst Wien. 2006 wurde er auf den Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg berufen, wo er bis 2012 lehrt. Buchveröffentlichungen: Die Beschämung der Philister: Wie die Kunst sich der Kritik entledigte (2003), Wie kommt die Ordnung in die Kunst? (2010).
ESSAY

IVAN KRASTEV/STEPHEN HOLMES
Osteuropa erklären.
Das Unbehagen an der Nachahmung

PHILIP MANOW
Der Extremismus der Mitte

MONIKA RINCK
Das Ungesagte meinen.
Poetische Verlässlichkeit


KRITIK

EVA GEULEN
Literaturkolumne.
Kurz und knapp durch Dick und Dünn (mit Maruan Paschen)

EVA BEHRENDT
Theaterkolumne.
Im Nebel

DAVID WAGNER
Um zu erzählen.
Rachel Cusks Lebensromane

JÜRGEN GROßE
Blickwende.
Von der Erfahrung, eine zu große Minderheit zu sein

HARUN MAYE
Die Spex-Jahre


MARGINALIEN

ROBIN DETJE
Derrick, Walter Sedlmayr, die Schauspielkunst und ich

ERHARD SCHÜTTPELZ
zweihändige variationen (nach Robert Hertz)

FELIX ACKERMANN
Herr Grzesiek und mein Großvater

JOCHEN RACK
Nowosibirsk

CATALIN PARTENIE
Alexandru Dragomir: In der Zeit sein

Zitate aus Merkur, Nr. 836, Januar 2019

Dass ausgerechnet jemand wie Martin Schulz sich so freigiebig mit Demokratiegefährdungsdiagnosen zeigt, muss überraschen, wo doch er wie fast kein Zweiter die ganze Alternativlosigkeit europäischer Politik verkörpert, wie sie dann auch in die deutsche hineinragt. Denn "Europa" als zentrales Element deutscher Staatsräson motivierte ja in beiden Krisen, der Euro- und der Flüchtlingskrise, eine Politik, die zuhause die außerparlamentarische Kritik provozierte, weil die parlamentarische ausblieb, und schließlich der AfD in den Bundestag verhalf.
Philip Manow, Der Extremismus der Mitte

Überall in Europa konnten die Parteien der ext¬remen Rechten den größten Stimmenzuwachs in den Regionen verbuchen, die während der letzten Jahrzehnte diesbezüglich den größten Aderlass hinnehmen mussten. Das legt nahe, dass auch in Mitteleuropa die illibe¬rale Wende eng mit dem Massenexodus vor allem junger Leute und den demografischen Ängsten zu tun haben könnte, die durch die Abwanderung ausgelöst wurden.
Ivan Krastev/Stephen Holmes, Osteuropa erklären

Und schon sind Sie auf der Lyriklesung angekommen, haben einen bescheidenen einstelligen Betrag bezahlt, balan¬cieren ein Glas mediokren, nicht ganz durchgekühlten Riesling auf dem lin¬ken Knie und lehnen sich zurück. Es sind diese Lesungen, womit Dichterni ihr Geld verdienen; die Bücher sind es nicht. Allein die eilfertige Bereitschaft zur Verkörperung des Ausgedachten - in einem sehr armen, dem ärmsten Theater.

Was mich umwirft, wirft mich auf mich selbst zurück. Da war ich aber schon. Mich interessiert eine poetische Qualität, die verlässlich ist, weil oder indem sie mir hilft, mich zu verlassen. Die das Beisichsein um das Nichtge¬wusste, Unerhörte, Ungemeine, Ungemeinte erweitert.
Monika Rinck, Das Ungesagte meinen

Aber in Zeiten der XXL-Literatur kann einem auch etwas fehlen; man gerät ge¬legentlich ins Grübeln, ob bei der Maxi¬malanreicherung, einschließlich üppiger Ausflüge ins Phantastische oder anders Exzessive, das dann zu einem "Zeitenpa¬norama" sich verdichtet (oder auch nicht), etwas verloren geht, in der Überfülle das Fehlen fehlt. Will man nicht als modernis¬tischer Nörgler gelten, behält man derglei¬chen besser für sich; es sei denn, man hätte einen kleinen Trumpf in der Hinterhand. Meiner heißt Maruan Paschen.
Eva Geulen, Literaturkolumne

Ankunft im Herzen der Nebelproduktion. Auf der Bühne stapeln sich die Apparatu¬ren. Ein ganzes Spektrum von Nebelma¬schinen lagert die mittelständische, vom Bankrott bedrohte Fabrik, in der Thom Luz' Inszenierung Girl from the Fog Ma¬chine Factory (2018) spielt, eine Koproduktion der Kaserne Basel mit verschie¬denen Produktionshäusern: große, kleine, mittlere, solche, die auf Bodennebel spezi¬alisiert sind, und die neuesten Modelle aus China, die mit ferngesteuerten Schwenk¬köpfen Licht und Nebel zugleich gezielt in alle Richtungen ausstoßen können.
Eva Behrendt, Theaterkolumne

Ist ein Schriftsteller oder eine Schrift¬stellerin eine interessante Protagonistin? Ich bin mir da gar nicht so sicher. Und ich verstehe auch nicht, warum ich schon wieder, und das sehr gerne und mit grö߬tem Vergnügen, ein mehrbändiges Werk lese, dessen Hauptfigur ein Schriftstel-ler ist - aber Moment, nein, hier ist die Hauptfigur ja Schriftstellerin und nicht männlich. Nach der Lektüre der Schrift¬steller-Romane von Tomas Espedal, Karl Ove Knausgård und nach Emmanuel Car¬rères Ein russischer Roman ist das schon eine Abwechslung.
David Wagner, Um zu erzählen. Rachel Cusks Lebensromane

Die neue Popmusik-Kritik der Spex unterschied sich vom Mainstream der Populärkultur durch Nonkonformität und produktiven Hass auf "die Ästhetik von MTV, die formgewordene Verwer¬tungslogik der Pearl Jams dieser Welt und der mit ihr verschwippschwägerten Emotionalisierungsrhetorik". In ande¬ren Worten: Es war ein wohltuend dissi¬dentes Schreiben und Sprechen, das bis in die zweite Hälfte der neunziger Jahre tatsächlich so einzigartig war, dass der Spex völlig zu Recht der Ehrentitel "beste Band Deutschlands" verliehen wurde.
Harun Maye, Die Spex-Jahre

Die Schande hätte sich ver¬meiden lassen, wenn es nur nicht die¬se Triebe gäbe, die immer ins Verderben führen und für die man nun büßen muss, so wie der Apotheker, der nach dem Abi-Treffen nicht betrunken die beiden Anhal¬terinnen hätte mitnehmen und sich von ih¬nen ablenken lassen dürfen, dann hätte er auch nicht Derricks Kollegen totgefah¬ren und wäre auch nicht von den bösen Freunden der Anhalterinnen erpresst wor¬den, deren Zwielichtigkeit ja schon einzig dadurch klar war, dass sie Anhalterinnen sind. Keine Anhalterinnen = kein Risiko = kein Verbrechen.
Robin Detje, Derrick, Walter Sedlmayr, die Schauspielkunst und ich

man stelle sich vor, die linke hand wüsste nicht, was die rechte tut - dann gehörte ihr die welt, ihre eigene ungeschickte welt. sie wäre weniger als die hälfte wert, aber glücklich. sie müsste al¬leine zurechtkommen und würde von tag zu tag mehr lernen. konfrontiert mit der ständigen virtuosität einer besseren hand würde sie allerdings vielleicht irgendwann resignieren und am eigenen entwurf zwei¬feln. man stelle sich vor, die rechte hand wüsste nicht, was die linke tut - sie wäre ganz und gar desorientiert.
Erhard Schüttpelz, zwei variationen

Das offiziel¬le Polen sieht Deutschland nicht mehr als starken Verbündeten. PiS-nahe Medien stellen es seither systematisch als feindse¬lig und antipolnisch dar. Das Staatsfernse¬hen bezeichnet die deutsche "Flüchtlings- und Multikultipolitik" als Geheimwaffe, mit der Berlin gezielt das Ende des Abend¬lands einleiten will.
Felix Ackermann, Herr Grzesiek und mein Großvater

An einer Ecke der Stadt sieht es aus wie in Ostberlin, an der anderen wie in New York. Neben sozialistischen Repräsentationspalästen sind die Bürotürme von Banken, Öl- und Gaskonzernen in die Höhe geschossen. Der Grundriss aus kommunistischer Zeit ist ruiniert. Gegen¬über der orthodoxen Nikolaus-Kapelle, die den geografischen Mittelpunkt Russ¬lands markiert, steht ein dekonstruktivis¬tisch angehauchter Shopping-Komplex mit verknautschter Glasfassade, in dem Burger King und russische Telekom ihre Filialen haben. Der Rundbau des sozia¬listischen Globus-Theaters, durch dessen Dach es angeblich hineinregnet, schaut verwundert auf ein Gebäude, das aussieht wie ein überdimensioniertes Fabergé-Ei. Im Innern befindet sich eine Diskothek.
Jochen Rack, Nowosibirsk

Der Wagen begann, sich zu drehen. Ich geriet in Panik, sah schon die Schlag¬zeile: "Rumäniens prominentester Phi¬losoph von einem Philosophiestudenten getötet." Ich beobachtete die beiden im Rückspiegel, der wie ein stiller Punkt in¬mitten des Wirbels von Blocks und Häu¬sern war, und dachte mir: "Gottseidank ist es Sonntag, und die Straßen sind men¬schenleer." Dann geriet das Auto in ei¬nen Schneehaufen, und die Welt kam zum Stillstand. Die beiden jedoch fuhren mit ihrer Debatte fort, die Arme in der Luft, Noica nach oben deutend, Drago¬mir nach unten.
Catalin Partenie, Alexandru Dragomir: In der Zeit sein



Sofort lieferbar

14,00 €
inkl. 7% MwSt.
in den Warenkorb