
Waisenkind
Beschreibung
Avitals Kindheit und Jugend verlaufen alles andere als glatt. Sie wächst am Rande Jerusalems bei ihren Großeltern in prekären Verhältnissen auf. Auch als sie Reißaus nimmt, wendet sich zunächst nichts zum Besseren: Avital schlittert von einem Unglück ins nächste und träumt dabei unermüdlich von einem Vater, der kommt und sie rettet - wie in den Waisenkindergeschichten, die sie so gerne liest. Und tatsächlich taucht eines Tages der ehemalige Mossad-Agent Achituv Porat auf und nimmt sie unter seine Fittiche. Endlich scheint Avitals Leben eine gute Wendung zu nehmen, doch war die Begegnung mit Achituv wirklich so zufällig, wie er vorgibt?
Mit Mut, Witz und Unerschrockenheit trotzt die junge Heldin allen Rückschlägen. Spannend und voller unerwarteter Wendungen - ein Buch, das man nicht aus der Hand legen kann.
Rezensionen / Stimmen
»Die Sprache ist frisch, die Hauptfigur gewitzt, frech, leidenschaftlich, rebellisch und feurig... es reißt einen mit, die Spannung bleibt.« Carsten Hueck, Deutschlandfunk Kultur Lesart, 04.05.2026Weitere Details
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Personen
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Inhalt
Erster Teil
Gegenüberstellung
1
Um euch zu erzählen, wie ich Ramon ermordet habe, muss ich zunächst erzählen, wie ich Achituv erledigt habe. Und um zu erzählen, wie ich Achituv erledigt habe, muss ich erst mal erzählen, wie ich meine Mutter umgebracht habe.
Ich befinde mich hier im Marienkloster, und vielleicht ist ein Kloster nicht der beste Ort auf Erden, um dort Morde zu beichten, obwohl es hier einen Beichtstuhl gibt. Nicht, dass dieser Beichtstuhl jemandem helfen würde: Wer Schwerverbrechen begeht, soll nicht erwarten, in ein winziges Beichtschlupflöchlein entwischen zu können.
Dieses Kloster ist nach den drei Marias benannt: Jesu Mutter, Maria Magdalena und noch einer, die ich vergessen habe. Aber die ist ohnehin unwichtig. Hier bestimmt Maria Magdalena, wer reinkommt.
Die Überlieferung besagt: Bevor diese Maria Magdalena mit Jesus ging, an ihn glaubte und zur Heiligen wurde, war sie schlichtweg eine Hure. Jetzt sieht man sie überall im Kloster auf Gemälden an den Wänden, und mit ihrem komischen Lächeln heißt sie alle Nutten willkommen, die an die Tür klopfen. Und das ist ein Glück für sie: Hier werden sie nicht weggeschickt. Dieses Kloster ist für sie da.
Erst gestern tauchte eine verletzte Frau hier auf, der mordsmäßig viel Blut aus den Armen lief, und sagte, sie sei die Nichte des heiligen Lazarus und hätte ein Medikament gegen Aussatz. Die hat man gleich ins Irrenhaus nach Kfar Schaul geschickt. Die dumme Kuh hätte bloß sagen müssen, ein Zuhälter hätte sie bei der Arbeit mit einem Messer geschnitten, und schon hätte sie Kost und Logis bekommen, statt im Irrenhaus zu landen.
Das Kloster ist perfekt für jemanden, der sich verstecken will. Man muss bloß leicht rechts abbiegen, da, wo Jesus zum ersten Mal gefallen ist und seine Mutter ihn mit Leidensmiene angeschaut hat, dann bei einem Abfallhaufen die Nase zuhalten, weil der Traktor der Müllabfuhr es hier nicht herschafft, danach vorbei an einer Saftbude mit steinharten Granatäpfeln, die todsicher schon vor zweitausend Jahren gepflückt wurden, und schließlich hin zum Kloster, wo überm Tor ein Gemälde vom heiligen Georg prangt, der auf einem weißen Pferd reitet und gegen einen bunten Drachen kämpft.
Drinnen ist ein Hof mit Bänken, die im Halbkreis angeordnet sind. Vielleicht für Jesus, der eines Tages wiederkehren und hier einen großen Auftritt hinlegen wird.
Auf der rechten Hofseite ist ein schmaler Pfad, umgeben von Bougainvilleas. Der führt direkt zur Bibliothek, damit Männer in Ruhe dorthin stiefeln und alte Schriften aus dem Mittelalter studieren können, ohne unterwegs eine Nonne zu schwängern.
Als würde das was helfen. Kaum hat ein Kerl das Kloster betreten, geht Rosi oder Toni oder Sophie (sucht euch einen Namen aus, egal, die sind sowieso nicht echt), die in etwa so Nonne ist wie ich Christin, am Fenster der Bibliothek vorbei, in der Hand eine Bibel, die sie allerhöchstens mal aufgeschlagen hat, um dem Pfarrer bei der Sonntagspredigt schöne Augen zu machen, und blickt dann den Kerl an, in der Hoffnung, dass er zurückschaut, um gleich danach die Bibel zu küssen, so mit den Lippen, gänsemäßig, wobei gleich klar wird, dass die schon mal im Einsatz gewesen sind, diese Lippen.
Sie denken, man würde sie nicht sehen. Aber von da, wo ich sitze, sehe ich al-les.
Dies ist mein zweites Mal im Kloster. Das erste Mal war vor ungefähr vier Jahren, als ich sechzehn war, und mittlerweile hat sich echt allerhand geändert.
Damals war Theresa die Äbtissin, und heute ist es Agnes. Damals hat Jesus mich als Nutte hergebracht, und diesmal bin ich von allein gekommen, als Mörderin.
Nur Kamal, der arabische Gärtner, ist noch da und sieht genauso aus wie früher, vielleicht weil einer, der sich mit Pflanzen und nicht mit Menschen beschäftigt, selber nie welkt. Als ich vor zwei Tagen hier ankam, hat Kamal mich angeschaut, als Agnes einen Rundgang mit mir machte, und dann den Mund aufgesperrt. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich sah, dass er sich daran erinnerte, wie ich das erste Mal mit Jesus hier angelangt war, halb nackt und pausenlos saufend. Bis Theresa es schaffte, mich von der Flasche abzubringen, hat Kamal, der einzige Muslim im Kloster, all das Leergut eingesammelt, das ich unter meinem Fenster versteckte.
Diesmal habe ich ihn scharf fixiert und ihm in Gedanken geboten, kein Wort zu sagen, und Gott sei Dank hat er den Mund gehalten.
Agnes war kein bisschen begeistert von mir, was noch ein Unterschied dazu ist, wie es damals mit Theresa lief, denn die war nett zu mir und hat immer nur darauf geachtet, dass ich was esse und nicht kotze und keinen Alkohol im Zimmer verstecke, und sie hat auch jede Menge Gespräche mit mir geführt - über die Menschenseele und Gott, so Dinge, die sich ganz anders anhörten als die Reden der Sozialarbeiter und der Leute vom Sozialamt.
Ich habe Agnes angelogen. Hab ihr gesagt, Jesus hätte mich hergeschickt. Natürlich habe ich nicht Jesus gesagt, sondern John Scotus - Agnes sah aus wie eine von denen, die niemals begreifen werden, dass jeder Mensch mehr als einen Namen hat. Also habe ich ihr gesagt, John Scotus hätte mir aufgetragen, stets ins Kloster zu gehen, wenn ein Problem auftauchte. Als sie dann nach meinem Namen fragte, hab ich sicherheitshalber wieder schnell gelogen: »Atalia«.
Agnes hat nicht zu viele Fragen gestellt.
Sie starrte bloß unverwandt auf mein Haar, wie alle Leute als Erstes da draufgaffen. Auf ihrem Gesicht spielte sich ein sichtlicher Kampf ab zwischen dem, was man mit mir machen müsste, und dem, was sie gern machen würde, und dann stieß sie einen Seufzer aus und sagte, vorerst, nur fürs Erste, könnte ich bleiben. Sie hoffe bloß, dass die städtische Aufsicht nicht käme und sie in Schwierigkeiten brächte. Ich hätte ihr beinah gesagt, dass noch vor der Stadt sicher die Polizei ankäme und Probleme machen würde, aber stattdessen folgte ich ihr stumm.
Wie Theresa befreite auch Agnes die Wände meines Kämmerleins von allen Bildern und Kreuzen und den putzigen Engelchen, weil sie sich seit der Schoah Juden gegenüber lieber in Acht nehmen. Dann zeigte Agnes mir die Dusche, und da erst merkte ich, wie übel ich roch, schlicht nach Schweiß stank. Als Agnes weg war, sah ich, dass sie ein kleines Kruzifix übersehen hatte, mit Jesus, dem man einen Haufen Nägel in den Kopf geschlagen hatte, als hätte er nicht genug Schläge im Leben abbekommen. Jetzt, wo ich all das hier schreibe, berühre ich ihn am Kopf, und das schmerzt mich angenehm an den Fingern. Gleich am Anfang erbat und erhielt ich ein großes Heft und einige Stifte, und bis man mich verhaften kommt, schreibe ich euch genau auf, was passiert ist, zur Vorbereitung auf den Prozess. Ich werde mich bemühen, ordentlich vorzugehen, obwohl es schwerfällt, denn manchmal bestürmen die Gedanken mein Gehirn, wie die griechischen Soldaten, die Troja einnehmen wollten und dort zehn Jahre lang hängenblieben, was aber nicht heißt, dass sie die Stadtmauern unterdessen nicht belagerten.
Schaul, der Weltverbesserer und wandelnde Wohltäter von Lifta, hat immer gesagt, die Bücher würden mich weit bringen. Obwohl Schaul zu denen gehört, die gut im Rechthaben sind, hat er damit so gar nicht recht behalten: Bücher haben mich nie weit gebracht. Das Weiteste waren die Caracas-Häuser, die sich im Viertel Kiriat Jovel versteckten - vielleicht anderthalb Kilometer von Lifta - , und auch da habe ich nur ein halbes Jahr gewohnt, bis Achituv kam und mich rausholte. Ich hätte ihm nicht folgen sollen. Hätte mich in Acht nehmen müssen. Glück ist noch nie meine Stärke gewesen, weder jetzt im Kloster noch damals, aber ich greife voraus.
Sehr geehrter Herr Richter und alle Sozialamtsangestellten und Sozialarbeiter, die ihr diesen Brief jetzt lest: Bevor ihr entscheidet, ob ihr mich wegen meiner Taten ins Gefängnis stecken wollt, müsst ihr lesen, was ich geschrieben habe, und hören, wieso ich überhaupt mit einem mitgegangen bin, den ich nicht kannte, und ihr müsst von meiner Vergangenheit hören, über Lifta, wo ich geboren und aufgewachsen bin, bei der Terroristin und ihrem Informanten mit seinen vielen Verbindungen, oder kurz gesagt und der Genauigkeit halber: bei Malka und Jakob Ochajon, meinen Großeltern.