Eine Stimme in der Nacht

Commissario Montalbano hört auf sein Gewissen. Roman
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. April 2018
 
  • Buch
  • |
  • Hardcover
  • |
  • 268 Seiten
978-3-7857-2612-9 (ISBN)
 

Im sizilianischen Vigàta verschwindet eine stattliche Summe aus der Geldkassette eines Supermarkts, der von der Mafia kontrolliert wird. Tags darauf findet man den Geschäftsführer erhängt. Wenig später erhält Commissario Montalbano Besuch von Giovanni Strangio, dem Sohn eines einflussreichen Lokalpolitikers. Strangio hatte nach der Rückkehr von einer Geschäftsreise seine Lebensgefährtin ermordet in der Wohnung aufgefunden.

Während der Polizeipräsident aus Furcht vor einem Skandal manchem Schwur nur allzu gerne Glauben schenkt, bleibt Montalbano unbeirrt von wasserdichten Alibis. Und läuft zur Bestform auf, wenn es darum geht, skrupellose Mörder mit seinen ganz eigenen Methoden in die Falle zu locken...

1. Aufl. 2018
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • Höhe: 205 mm
  • |
  • Breite: 126 mm
  • |
  • Dicke: 25 mm
  • 346 gr
978-3-7857-2612-9 (9783785726129)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Andrea Camilleri begeistert mit seinem vielfach ausgezeichneten Werk ein Millionenpublikum. Ob er seine Leser mit seinem unwiderstehlichen Helden Salvo Montalbano in den Bann zieht, ihnen mit kulinarischen Köstlichkeiten den Mund wässrig macht oder ihnen unvergessliche Einblicke in die mediterrane Seele gewährt: Dem Charme der Welt Camilleris vermag sich niemand zu entziehen.

 

Eins

 

Um halb sieben Uhr morgens erwachte er, frisch und ausgeruht und glasklar im Kopf.

Er stand auf, öffnete die Fensterläden und sah hinaus.

Das Meer war ruhig und glatt wie ein Spiegel, der Himmel strahlend blau mit ein paar kleinen weißen Wölkchen, als hätte ein Sonntagsmaler sie zur Verzierung hingetupft. Ein Tag ohne Eigenschaften, aber gerade dieser Mangel an besonderen Merkmalen gefiel ihm.

Denn andere Tage zwingen einem schon am frühen Morgen ihren Charakter auf, und man hat keine andere Wahl, als sich zu fügen, sich zu unterwerfen und es zu ertragen.

Er legte sich wieder hin. Im Kommissariat gab es nichts zu tun, er konnte es also gemächlich angehen lassen.

Hatte er eigentlich etwas geträumt?

In einer Zeitschrift hatte er gelesen, dass der Mensch jede Nacht träumt, und wenn er glaubt, nichts geträumt zu haben, dann nur, weil er sich nicht mehr daran erinnert, sobald er die Augen öffnet.

Vielleicht hatte der Verlust der Traumerinnerung aber auch etwas mit den Jahren zu tun, die er inzwischen auf dem Buckel hatte. Denn bis zu einem bestimmten Alter hatte er seinen Traum vor Augen gehabt, sobald er aufwachte, und die Bilder liefen vor ihm ab wie in einem Film. Irgendwann jedoch hatte er anfangen müssen zu überlegen, was er geträumt hatte, und jetzt vergaß er es schlicht und einfach.

In letzter Zeit hatte er beim Einschlafen das Gefühl, in einem schwarzen Loch zu versinken, seiner Sinne und seines Verstandes beraubt. Wie ein Toter.

Und was bedeutete das?

Dass jedes Erwachen als eine Auferstehung zu betrachten war?

Eine Auferstehung, die in seinem Fall jedoch nicht vom Schall der Posaunen, sondern zu neunzig Prozent von Catarellas Stimme begleitet war.

Ist es denn überhaupt wahr, dass die Posaunen etwas mit der Auferstehung zu tun haben?

Sind sie nicht eher die Begleitmusik zum Jüngsten Gericht?

Da! Genau in diesem Moment erschollen Posaunen. Oder war es das Schrillen des Telefons?

Er schaute auf die Uhr, unentschlossen, ob er rangehen sollte oder nicht. Sieben.

Er beschloss abzuheben.

Aber genau in dem Moment, als seine rechte Hand nach dem Hörer tastete, griff seine linke Hand - eigenmächtig und ohne dass jemand es ihr befohlen hatte - nach dem Telefonstecker und zog ihn aus der Buchse. Montalbano schaute verdutzt auf seine Hand. Wohl wahr, er hatte keine Lust, der Stimme Catarellas zu lauschen, die ihm den Mord des Tages verkünden würde. Aber gehörte sich so ein Verhalten für eine Hand? Wie ließ sich ein solcher Akt der Eigenmächtigkeit erklären?

Machten sich seine Gliedmaßen jetzt, da er älter wurde, etwa selbstständig?

Wenn sich der eine Fuß in die eine und der andere Fuß in die andere Richtung in Bewegung setzte, würde bald auch das Gehen zum Problem werden.

Er öffnete die Verandatür, trat hinaus und sah, dass Signor Puccio, der allmorgendlich zum Fischen aufs Meer hinausfuhr, schon zurück war und soeben sein Boot an Land gezogen hatte.

Der Commissario lief, so wie er war, in der Unterhose zum Strand hinunter.

»Wie war der Fang?«

»Dottori mio, heutzutage bleiben die Fische immer weiter draußen. Das Wasser an der Küste ist ja die reinste Drecksbrühe. Viel hab ich nicht gefangen.«

Er beugte sich ins Boot hinunter und zog einen etwa siebzig Zentimeter langen Tintenfisch heraus.

»Den schenk ich Ihnen.«

Es war ein riesiges Ding, ausreichend für vier Personen.

»Nein, danke. Was soll ich damit?«

»Was Sie damit sollen? Essen sollen Sie ihn und dabei an mich denken. Sie müssen ihn nur lange genug kochen. Und sagen Sie Ihrer Haushälterin, sie soll ihn mit einem Stock weichklopfen.«

»Wirklich, vielen Dank, aber .«

»Jetzt nehmen Sie ihn schon«, drängte Signor Puccio.

Montalbano nahm den Tintenfisch und kehrte zur Veranda zurück.

Auf halbem Weg spürte er plötzlich einen stechenden Schmerz im linken Fuß. Der Tintenfisch, den er ohnehin schlecht zu fassen bekommen hatte, rutschte ihm aus der Hand und fiel in den Sand. Fluchend hob er den Fuß und begutachtete ihn.

Er war in den verrosteten Deckel einer Tomatendose getreten, den irgendein Depp in den Sand geworfen hatte, und jetzt hatte er eine blutende Schnittwunde an der Fußsohle.

Kein Wunder, dass die Fische das Weite suchten! Die Leute luden ihren Müll an den Stränden ab, und an der gesamten Küste wurden die Abwässer ins Meer geleitet.

Montalbano bückte sich, hob den Tintenfisch auf und humpelte zum Haus, so schnell er konnte. Er war zwar gegen Wundstarrkrampf geimpft, trotzdem schien ihm Vorsicht geboten.

In der Küche legte er den Tintenfisch ins Spülbecken und ließ Wasser darüber laufen, um ihn vom Sand zu reinigen, dann klappte er auch hier die Fensterläden auf, ging ins Bad und desinfizierte die Schnittwunde sorgfältig mit Alkohol. Er fluchte vor Schmerz, denn es brannte höllisch. Schließlich klebte er ein Pflaster auf die Wunde.

Jetzt brauchte er dringend einen Kaffee.

Während er in der Küche die übliche Kanne Espresso aufsetzte, beschlich ihn ein ungutes Gefühl, das er sich nicht erklären konnte.

Er verlangsamte seine Bewegungen im Versuch, die Ursache zu ergründen.

Und plötzlich hatte er die untrügliche Gewissheit, dass zwei Augen auf ihn gerichtet waren.

Jemand starrte ihn durch das Küchenfenster an.

Jemand, der ihn stumm fixierte und deshalb bestimmt nichts Gutes im Sinn hatte.

Was sollte er machen?

Zunächst einmal musste er so tun, als hätte er nichts bemerkt. Er pfiff den Walzer aus der Lustigen Witwe, entzündete die Gasflamme und setzte die Espressokanne auf den Herd. Dabei spürte er die fremden Augen in seinem Nacken wie die Mündungen einer Doppelflinte.

Aus Erfahrung wusste er, dass ein so starrer und bedrohlicher Blick nur tiefem Hass entspringen konnte. Da war jemand, der ihm nach dem Leben trachtete.

Auf seiner Oberlippe bildeten sich Schweißperlen.

Seine rechte Hand langte nach einem großen Küchenmesser und packte den Griff.

Wenn der Kerl vor dem Fenster bewaffnet war, würde er den Commissario in dem Moment erschießen, in dem er sich umdrehte.

Doch Montalbano blieb keine Wahl.

Er schnellte herum und warf sich gleichzeitig bäuchlings auf den Boden.

Der Aufprall schmerzte und ließ die Scheiben des Küchenschranks und die Gläser darin klirren.

Aber es fiel kein Schuss.

Weil vor dem Fenster niemand stand.

Was ja nichts heißen musste. Vielleicht verfügte der andere über gute Reflexe und hatte sich in dem Moment, als der Commissario sich umdrehte, blitzschnell weggeduckt.

Bestimmt kauerte er jetzt unter dem Fenster und wartete auf Montalbanos nächsten Zug.

Der Commissario war mittlerweile klatschnass geschwitzt und klebte förmlich am Boden.

Ohne den Himmelsausschnitt aus den Augen zu lassen, richtete er sich ganz langsam auf, bereit, sich mit einem Sprung aus dem Fenster auf seinen Gegner zu stürzen wie die Polizisten in amerikanischen Filmen.

Als er endlich stand, schreckte ein Geräusch in seinem Rücken ihn derart auf, dass er wie ein scheuendes Pferd einen Satz nach vorn machte. Dann wurde ihm klar, dass es das Blubbern des durchlaufenden Espresso war.

Er trat vorsichtig einen Schritt vor, und das Spülbecken geriet in sein Blickfeld.

Das Blut stockte ihm in den Adern.

Mit den Tentakeln an der Marmorplatte neben dem Spülbecken festgeklammert, starrte ihn der Tintenfisch drohend an.

Das Tier erschien ihm wie ein zwei Meter großes Ungeheuer, das im nächsten Moment angreifen würde.

Aber es kam nicht zum Kampf.

Vielmehr wich Montalbano mit einem gellenden Schrei zurück. Er stieß gegen den Gasherd, die Espressokanne kippte um, und vier, fünf Spritzer siedend heißen Kaffees verbrannten ihm den Rücken. Brüllend rannte er aus der Küche, lief panisch vor Angst den Korridor entlang, riss die Haustür auf und prallte mit Adelina zusammen, die gerade hereinwollte.

Beide stürzten mit einem Schrei zu Boden. Adelina erschrak zu Tode, als sie den Commissario so verstört sah.

»Was ist passiert, Dutturi? Was ist los?«

Doch er konnte nicht antworten, er brachte einfach kein Wort heraus.

Denn noch immer am Boden liegend, bekam er plötzlich einen Lachanfall, der ihm Tränen in die Augen trieb.

Die Haushälterin packte den Tintenfisch mit geübtem Griff und schlug den Kopf des Tiers ein paar Mal auf die Marmorplatte, bis es tot war.

Montalbano nahm eine Dusche, ließ sich von Adelina die verbrannten Stellen verarzten, trank einen frisch gebrühten Espresso und machte sich fertig zum Aufbruch.

»Soll ich das Telefon wieder einstecken?«, fragte Adelina.

»Ja, bitte.«

Es klingelte sofort. Montalbano hob ab. Livia war am Apparat.

»Warum bist du vorhin nicht rangegangen?«

»Wann, vorhin?«

»Vorhin.«

Matre santa, mit dieser Frau brauchte man wirklich eine Engelsgeduld!

»Darf ich erfahren, wann du angerufen hast?«

»Gegen sieben.«

Er erschrak. Was konnte passiert sein, dass sie ihn zu dieser Tageszeit anrief?

»Und warum?«

»Warum was?«

Herrgott noch mal, das war ja das reinste Frage-und-Antwort-Spiel!

»Warum hast du mich so früh angerufen?«

»Weil ich heute Morgen nach dem Aufwachen als Erstes an dich gedacht habe.«

Warum auch...

 


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