Die Marschallin

Roman
 
 
C.H. Beck (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 14. Juli 2020
 
  • Buch
  • |
  • Hardcover
  • |
  • 382 Seiten
978-3-406-75482-1 (ISBN)
 

Zora del Buono hat von ihrer Großmutter nicht nur den Vornamen geerbt, sondern auch ein Familienverhängnis, denn die alte Zora war in einen Raubmord verwickelt. Diese Geschichte und ihre Folgen bis heute erzählt dieser große Familienroman.

Die Slowenin Zora lernt ihren späteren Ehemann, den Radiologieprofessor Pietro Del Buono, am Ende des Ersten Weltkriegs kennen. Sie folgt ihm nach Bari in Süditalien, wo sie, beide überzeugte Kommunisten, ein großbürgerliches und doch politisch engagiertes Leben im Widerstand gegen den Faschismus Mussolinis führen. Zora ist herrisch, eindrucksvoll, temperamentvoll und begabt, eine Bewunderin Josip Broz Titos, dem sie Waffen zu liefern versucht und dem ihr Mann das Leben rettet. Sie will mehr sein, als sie kann, und drückt doch allen in ihrer Umgebung ihren Stempel auf. Ihr Leben und das Leben ihrer Familie, ihrer Kinder und Enkelkinder, vollziehen sich in einer Zeit der Kriege und der Gewalt, erbitterter territorialer und ideologischer Kämpfe, die unsere Welt bis heute prägen.

In einem grandiosen Schlussmonolog erzählt die alte Zora Del Buono ihre Geschichte zu Ende, eine Geschichte der Liebe, der Kämpfe, des Hasses und des Verrats. "Die Marschallin" ist ein farbiger, lebenspraller Roman über eine unvergessliche Frau und ein tragisches Familienschicksal.

gebunden
1. Auflage 2020
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • Höhe: 223 mm
  • |
  • Breite: 149 mm
  • |
  • Dicke: 35 mm
  • 610 gr
978-3-406-75482-1 (9783406754821)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Zora del Buono, geboren 1962 in Zürich, lebt in Berlin und Zürich. Studium der Architektur an der ETH Zürich, fünf Jahre Bauleiterin im Nachwende-Berlin. Gründungsmitglied und Kulturredakteurin der Zeitschrift "mare". In der Reihe "Naturkunden" bei Matthes & Seitz veröffentlichte sie den Band "Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen" (2015).

Personenverzeichnis
Prolog

I

Bovec, Mai 1919

Berlin, November 1920

Neapel, Dezember 1923

Ustica, August 1927

Bari, November 1932

Bari, November 1935

Bovec, August 1938

Im Zug, Mai 1939

Bari, Juni 1940

Bari, April 1942

Bovec, Oktober 1943

Bari, Juni 1944

El Shatt, Februar 1946

Castel del Monte, Mai 1947

Bari, April 1948

Monopoli, Juli 1948

Bari, September 1948


II

Nova Gorica, Februar 1980

Epilog

Bovec, Mai 1919

Wann hatte sie angefangen, ihre Mutter zu hassen? An dem Tag, als die Mutter sie verließ? Als der Vater sie frühmorgens anherrschte, sie solle sämtliche Schuhe, die nicht der Mutter gehörten, in die Stube bringen, ihre eigenen, die von den Brüdern und auch seine, und zwar zackig!, um dann mit ausgreifenden, rhythmischen Bewegungen die glatten Sonntagsschuhe, die feinen und die weniger feinen Stiefeletten, die Pantoffeln, die Landarbeitsschuhe und die Fellstiefel mit dem Besen aus dem Hausflur auf die Straße zu fegen und immer weiter zu fegen, auch als längst kein Krümel mehr auf dem Boden zu entdecken war? Zwölf Damenschuhe lagen zwischen plattgefahrenen Pferdeäpfeln vor ihrer Haustür, damit alle sehen konnten, dass Marija mehr Schuhe besaß als jede andere Frau im Dorf, was sowieso jeder wusste. Damit alle sehen konnten, was Marija aufgegeben hatte. Zwölf weggefegte Schuhe bedeuteten aber auch: Mutter war mit kleinem Gepäck gegangen.

Oder begann der Hass an dem Tag, als die Mutter zu ihnen zurückkehrte, mit dem Kind eines Fremden im Bauch, gedemütigt zwar, aber mit jener Aura der Verwegenheit, die sie fortan umgeben sollte, vom Sitz des Fuhrwagens steigend, der sie nach Hause gebracht hatte, wissend, dass Cesaro sie wieder aufnehmen würde? War es überhaupt Hass? Es war schließlich nicht so, dass Zora ihre Mutter ununterbrochen hasste, manchmal vergaß sie das brennende Gefühl, dem sie überhaupt einen Namen hatte geben müssen, was erst im Alter von vierzehn Jahren der Fall gewesen war, als sie die Mutter dabei beobachtete, wie sie einen Blumenstrauß in der Vase drapierte und dabei versonnen die Blütenblätter eines Rittersporns streichelte, mit einem Blick, den Zora nicht deuten konnte, doch der sie verstörte, weil er aus einer anderen Welt zu kommen schien, einer, die Zora verschlossen war. Da dachte sie zum ersten Mal: Ich hasse dich. Vorher hatte sie nur diesen Unmut gespürt, ein Unbehagen in der Anwesenheit ihrer Mutter, vor allem ein körperliches, als ob aus dem einst urvertrauten Mutterleib ein fremder geworden wäre, ein mächtiger Frauenkörper, der ihr bei unzähligen Gelegenheiten zu nahe kam und den sie nicht wegzustoßen wagte.

Fünf Monate war Marija weggeblieben. Vom ersten Tag an hatte Cesaro seiner Tochter klargemacht, dass jetzt sie die Frau im Hause sei, was das achtjährige Mädchen fraglos akzeptierte, der Vater hatte deutlich gesagt, man wisse nicht, ob die Mutter jemals wieder zurückkehre, und nein, sie habe ihm nicht erzählt, wohin sie gehe. Nur tot, das hatte er den drei Kindern eingebläut, tot sei sie nicht, das wisse er mit Sicherheit. Tot ist sie nicht, hatten Franc, Zora und Ljubko einander immer wieder zugeraunt, wenn ihre Sehnsucht nach der Mutter zu groß wurde. An diese hoffnungsfrohen, im Laufe der Monate verzagter werdenden Flüstereien erinnerte Zora sich, als sie jetzt auf der Brücke an Ljubko vorbeifuhr, der kein wimmerndes Kind mehr war, das nachts in ihr Bett geschlichen kam, um bei der älteren Schwester Trost zu suchen. Manchmal hatte er nach Honig gerochen, morgens klebte ihr Haar, weil er seinen Honigmund darin vergraben hatte. Irgendwann hatte sie beim Putzen (die Frau im Haus!) einen Honigtopf unter seinem Bett gefunden und gemerkt, dass es im Leben des kleinen Ljubko eine Reihenfolge des Getröstetwerdens gab und sie am Ende der Rettungsleiter stand: Daumen nuckeln, Hasenfell streicheln, Honig naschen, zu Zora kriechen. Groß war er geworden, dachte sie, und stark, wie er da neben der mit Steinbrocken gefüllten Schubkarre stand, lässig eine Zigarette rauchend, ein Jüngling mit kastanienbraunem Haar, bergbachklaren Augen und kräftigem Knochenbau, wie alle in der Familie - oder fast alle. Obwohl sie nur drei Jahre älter war, verspürte sie eine mütterliche Zuneigung zu ihm, und die hatte nicht zuletzt mit dem Honigtopf zu tun; betrachtete sie Ljubko, roch sie Honig, noch heute. Sie beschleunigte. Der Blick aus dieser Höhe war herrlich. Wenn sie etwas liebte, dann das: die totale Übersicht. Und dank der Vollgummireifen fuhr sich der neue Lastkraftwagen weitaus besser als der alte mit den Eisenrädern. Auch die Windschutzscheibe war eine feine Erfindung: weniger Staub im Gesicht, kaum noch tränende Augen. Der Krieg hatte der Lastwagentechnik zahllose Neuerungen beschert, immerhin das.

Zora wusste viel vom Krieg. Jeder im Socatal wusste viel vom Krieg. Dreisprachig sogar, die schweren Worte gingen den meisten geschmeidig über die Lippen: Soske bitke. Battaglie dell' Isonzo. Isonzoschlachten. Zora fiel das Deutsch leichter als den anderen; die zwei Jahre im Mädchenpensionat in Wien hatten sie nicht nur mit der deutschen Sprache vertraut werden lassen, sondern ihr eine gewisse großstädtische Noblesse eingehaucht, die im Dorf nicht jedem gefiel (oder genauer gesagt: fast keinem). Auch den Dorfnamen gab es in drei Varianten: Bovec. Plezzo. Flitsch. Als Kind hatte sie je nach Laune mal dieses, mal jenes gesagt, am liebsten aber Flitsch. Flitsch klang lustig, wie glitsch; sie und ihre Brüder hatten Reime gesungen, sich den Hang zur grün schillernden, eiskalten Soca hinunter glitschen lassen und einander mit Glitsch beworfen, ihrem Familienwort für Schlamm und überhaupt allem, was eklig war, Schnecken zum Beispiel, Schnecken waren auch glitsch.

Der Fluss hatte sogar vier Namen. Soca. Isonzo. Lusinç. Sontig. Zwar sagte kein Mensch mehr Sontig, nicht einmal die hartgesottensten k. u. k. Monarchisten; Sontig war heimlich verloren gegangen. Aber man hatte noch die Wahl zwischen der slowenischen Soca, dem furlanischen Lusinç und dem italienischen Isonzo. Doch seit die Italiener die Herren im Tal waren .

Sie bremste, als sie in die Dorfstraße einbog. Dass Teile der Fracht, die sie auf dem Wagen transportierte, gefährlich waren, wusste sie natürlich. Doch irgendjemand musste schließlich den Schrott zur Deponie bringen, all die Munitionshülsen, Patronen, Bajonette, viele davon für das M1895, die Feldspaten, zerbrochenen Keramik-Stielhandgranaten, Stücke von österreich-ungarischen Repetiergewehren, manchmal auch ganze italienische Carcanogewehre und Stahlhelme natürlich; an vielem klebte Blut. Zwischenzeitlich hatte sie ganz vergessen, was da in den Holzkisten lag. Als sie die Passstraße hinuntergerollt war, hatte sie kurz an ihre Mutter gedacht, an das, was sie beide trotz allem verband und wovon sie dachte, dass es der eigentliche Grund war, warum die Mutter damals zurückgekehrt war: die Liebe zu diesem Flecken Gebirgslandschaft, die ungeheure Weite der Ebene, umrahmt von Bergen, die sich wie kantige Brocken um das Hochplateau lagerten, darin die smaragdgrüne Soca; eine erhabene Landschaft, vom zehntausendfachen Soldatentod gänzlich ungerührt.

Sie erhaschte einen Blick auf ihr Elternhaus, bevor sie abbog. Es sah gut aus, so kompakt. Und weniger zerstört, als sie erwartet hatte, als sie Franc' Telegramm in den Händen hielt: «BOVEC FREI ABER ZERSTÖRT KOMMT».

Fast alle waren zurückgekehrt. Die Armen, die man ins Flüchtlingslager nach Bruck an der Leitha verfrachtet hatte, weil sie nicht wussten, wohin sonst. Die Glücklichen, die bei Verwandten fernab der Socafrontlinie hatten unterschlüpfen können. Und dann sie, die Familie Ostan, die einfach umgezogen war, in ein Haus in Ljubljana, das der Vater nach Kriegsbeginn gekauft hatte. Man hatte sich an jenem 24. Mai 1915 kaum voneinander verabschieden können, als der Dekan Vidmar in der Morgenmesse die Nachricht überbrachte: Die Italiener haben uns den Krieg erklärt, sie greifen an. Ihr müsst weg, jeder Einzelne von euch! Packt nur das Nötigste, einen Handkoffer für jeden. Eine Wolldecke. Proviant für drei Tage. Versammelt euch morgen früh auf dem Platz. Geht jetzt! Gott behüte euch. Amen.

Sie wussten nicht, wie lange sie wegbleiben würden, viele glaubten, man kehre nach kurzer Zeit zurück, einige mauerten Kostbarkeiten im Keller ein, Hühner und Gänse wurden freigelassen, Ziegen auch, Kühe trieb man mit. Bürgermeister Jonko verstaute die wichtigsten Gemeindedokumente in einem Fass und ließ es im Garten vergraben, das Fass war nach Kriegsende verschwunden, nur Reste verbrannter Dokumente fand man noch vor, wahrscheinlich von den Italienern zum Heizen benutzt.

...


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