Die Frauen vom Löwenhof

Agnetas Erbe
 
 
Ullstein (Verlag)
  • 12. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Mai 2018
 
  • Buch
  • |
  • Softcover
  • |
  • 736 Seiten
978-3-548-28996-0 (ISBN)
 

Ein schwedisches Landgut, eine mächtige Familie, eine Frau zwischen Liebe und Pflicht

Agneta kämpft mit den Tränen. Ein Telegramm hat sie nach Hause gerufen, ihr Vater ist bei einem Brand ums Leben gekommen. Dabei hatte sie sich schweren Herzen von ihrer mächtigen Familie losgesagt und in Stockholm ein freies Leben als Malerin geführt. Eine Aussöhnung schien unmöglich. Jetzt werden ihr Titel, Glanz und Vermögen zu Füßen gelegt, sie soll das Erbe ihres Vaters antreten als Gutsherrin vom Löwenhof. Ihre Wünsche und Träume sind andere, sie sehnt sich nach einem Leben an der Seite von Michael, einem aufstrebenden Anwalt. Selbstlos stellt Agneta sich der Pflicht und Familientradition. Ihr Herz jedoch kann nicht vergessen und sehnt sich nach Liebe.

12. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • Höhe: 188 mm
  • |
  • Breite: 126 mm
  • |
  • Dicke: 40 mm
  • 480 gr
978-3-548-28996-0 (9783548289960)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Corina Bomann ist in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen und lebt mittlerweile in Potsdam. Sie hat bereits erfolgreich Jugendbücher und historische Romane geschrieben, bevor ihr mit "Die Schmetterlingsinsel" der absolute Durchbruch gelang. Seither gehört sie zur ersten Garde der deutschen Unterhaltungsschriftstellerinnen.

 

1. Kapitel

Etwas blendete mich. Als ich die Augen aufschlug, glaubte ich, in meinem alten Zimmer auf dem Löwenhof zu sein. Doch was ich im ersten Moment für eine Stuckverzierung hielt, entpuppte sich als langer Riss in der Decke, um den sich Wasserflecke gebildet hatten. Die dunkleren waren bereits da gewesen, als ich hier vor zwei Jahren eingezogen war, die hellen waren erst vor Kurzem dazugekommen. In der Wohnung über mir war ein Wassereimer umgefallen und hatte dem Kunstwerk eine weitere Facette hinzugefügt. Das Mauerwerk der Häuser in Stockholms Universitätsviertel war löchrig wie ein Schwamm und sog das Wasser genauso schnell auf, wie dieses dann unten wieder heraustropfte.

Dafür lebte man als Studentin hier billig. Meine Mutter würde es ärmlich und unter meinen Verhältnissen nennen, aber ich konnte hier sein, wer ich wirklich war. Ich konnte studieren, auch wenn es von den Mitgliedern der höheren Gesellschaft nicht gern gesehen wurde. Ich musste nicht auf Konventionen achten. Was machten da ein paar Flecke an der Zimmerdecke aus?

Kühle strich über mein Gesicht. Ich blickte in die Richtung des Luftstroms und bemerkte, dass das Zeitungspapier wieder einmal aus dem Loch im Glas gefallen war. Die unterste Scheibe des Sprossenfensters war schon lange kaputt. Zu verdanken hatte ich den Schaden einem Jungen, der beim wilden Spiel auf der Straße mein Fenster mit einem Stein erwischt hatte. Mein Vermieter sah nicht ein, dass er das Fenster reparieren lassen sollte. Und ich konnte es mir nicht leisten, denn dann hätte ich meinen Vater um mehr Geld bitten müssen. Seit dem letzten großen Streit an Weihnachten war ich nicht mehr auf dem Löwenhof gewesen, und ich hatte auch keinen Kontakt gesucht.

Ich wusste, dass meine Eltern die Art, wie ich lebte, missbilligten. Als ich vor zwei Jahren das Gericht aufsuchte, um meine Mündigkeit erklären zu lassen, hatten sie beide lange Gesichter gezogen, denn sie hatten gehofft, dass ich noch vor meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr heiraten würde. Dem war nicht so, und indem ich mein Leben selbst in die Hand nahm, zeigte ich ihnen deutlich, dass mein Weg nicht der sein würde, den sie für mich vorgesehen hatten.

Doch ohnehin würde nicht ich eines Tages das Gut erben, sondern mein Bruder. Hendrik war ein Musterkind, der beste Sohn, den sich ein Mann wie Graf Thure Lejongård vorstellen konnte. Vater wurde nicht müde, mir das vorzuhalten. Ich war kein Sohn, und ich war auch nur das zweite Kind. Ich konnte mein Leben führen, wie ich wollte. Jedenfalls waren meine Freundinnen und ich fest davon überzeugt, und für unsere Anschauung traten wir so oft wie möglich ein.

Zu meinem selbstgewählten Leben gehörte auch der scharfe Geruch, der in der Luft schwebte. Das beißende Aroma des Terpentins mischte sich mit dem milderen des Firnis und der Ölfarben. Auch wenn ich nicht an einem Bild arbeitete, schien er immer da zu sein. Ich hatte keine Ahnung, wer vor mir diese Wohnung belegt hatte, doch wer immer mir folgte, würde wissen, dass seine Vorgängerin eine Malerin war.

Michael regte sich neben mir. Sein rotblonder Haarschopf tauchte zwischen den Kissen auf, wenig später sah ich sein zerknautschtes Gesicht. Erst öffnete er ein Auge, dann das andere, um beide angesichts des Sonnenlichts, das mein Appartement flutete, wieder zusammenzukneifen.

»Warum bist du schon so früh auf?«

Ein Lächeln stieg in mir auf wie Sprudel in einem Sodaglas. Ich griff nach seinem Schopf. Sein Haar war dicht und so unglaublich weich wie das Fell einer Katze. Ich liebte es, meine Finger darin zu vergraben, besonders dann, wenn wir unserer Lust freien Lauf ließen und sein Kopf zwischen meinen Schenkeln ruhte.

»Es ist nach neun«, antwortete ich. »Eigentlich hätten wir schon längst wach sein müssen.«

»Sagt wer?« Er sah mich an und streckte beide Arme nach mir aus.

Es gab unter den Frauenrechtlerinnen einige regelrechte Männerhasserinnen, die es sich ausgebeten hätten, von einem Mann an sich gezogen zu werden. Doch mir gefiel es. Mir kam es eher darauf an, dass ich mir selbst aussuchen konnte, wen ich in mein Bett ließ. Seit einem Jahr war es ausschließlich Michael, und oftmals ertappte ich mich dabei, wie ich daran dachte, ihn nie wieder fortzulassen. Wenn er mit seinem Jurastudium fertig war, würden wir vielleicht heiraten. Es war komisch, dass ich, die ihrem Elternhaus entflohen war, an Heirat dachte, aber der Gedanke wärmte mir ungemein das Herz. Auch wenn ich dann meine hart erkämpfte Selbstständigkeit wieder verlor. Aber ich war sicher, dass Michael nichts dagegen haben würde, wenn ich weiterhin malte. Immerhin hatte er auch keine Vorbehalte gehabt, sich in eine Suffragette zu verlieben.

»Ich bin in einem guten Haus aufgewachsen, in dem Pünktlichkeit und Ordnung herrschen«, entgegnete ich.

Er küsste mich und vertrieb den aufsteigenden Gedanken an meine Eltern.

»Ach wirklich?«, fragte Michael und begann meinen Hals zu liebkosen und langsam an mir herunterzugleiten. Ich spürte ein Pochen zwischen den Beinen, das mich dazu brachte, ihn gewähren zu lassen. Ich mochte es sehr, wenn wir uns kurz nach dem Aufstehen liebten, es war einfach wunderbar und gab mir Kraft für den Tag, der vor mir lag.

Ein Klopfen ließ mich jäh zusammenzucken. Auch Michael hielt inne. Zunächst blickte er zur Tür, dann sah er mich fragend an. »Erwartest du jemanden?«

Sein Kopf glühte hochrot. Ich spürte, dass er nur schwerlich gegen seine Erregung ankam. Und auch ich hätte jetzt andere Dinge lieber getan, als darüber nachzudenken, wer um diese Zeit an meine Tür klopfte.

»Fräulein Lejongård? Sind Sie da?«, fragte eine Stimme, begleitet von einem weiteren Klopfen, das noch dringlicher klang. »Ich habe ein Telegramm für Sie. Es ist eilig!«

Ein Telegramm?

»Einen Moment, ich komme!«, rief ich und sah Michael an.

»Musst du wirklich?«, murrte er und begann erneut, meinen Hals zu küssen. So gern ich unter der warmen Decke in seinen Armen geblieben wäre, entzog ich mich ihm doch und stieg aus dem Bett. Die kalte Märzluft vertrieb meine Müdigkeit und leider auch meine Lust schlagartig. Hastig langte ich nach meinem Morgenmantel und schnürte ihn um die Taille zu. Dann ging ich zur Tür.

Der Mann, der die Uniform der Königlich Schwedischen Post trug, blickte mich ein wenig verlegen an. »Guten Morgen, verzeihen Sie die Störung, aber das hier sollte Ihnen sofort zugestellt werden.«

Ich nahm den kleinen Briefumschlag an mich und drehte ihn um. Das Telegramm kam von meiner Mutter. »Warten Sie einen Augenblick.«

Während der Mann an der Tür stehen blieb, ging ich zu der Kommode, wo ich immer etwas Geld aufbewahrte. Ich drückte dem Boten zehn Öre in die Hand und schloss die Tür. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der kleine Umschlag mehr wog als ein Kartoffelsack.

»Was ist denn?«, fragte Michael, der sich inzwischen im Bett aufgesetzt hatte. Im Gegensatz zu mir schien er nicht zu frieren, denn er lehnte mit freiem Oberkörper an den Kissen. So, wie die Sonne seiner Haut einen goldenen Schimmer verlieh, hätte er auch einem der zahlreichen Maler in unserem Viertel Modell sitzen können.

»Das werden wir gleich sehen.« Ich schob meinen Finger in die Öffnung zwischen den Brieflaschen und riss den Umschlag auf.

Was konnte Mutter wollen? Wir hatten seit dem Weihnachtsfest keinen Kontakt mehr. Ich zog das Telegramm hervor und klappte es auf. Erschrocken sog ich die Luft ein, als ich sah, was darauf geschrieben stand.

+++ Vater und Hendrik verunfallt +++ Komm bitte umgehend nach Hause +++ Mutter +++

Ich war wie erstarrt. Ein Unfall?

Mein Herz raste, und für einen Moment versuchte ich mir einzureden, dass dies nur ein gemeiner Trick meiner Mutter war, um mich nach Hause zu holen. Doch Stella Lejongård machte keine Scherze, wenn es um die Gesundheit und das Leben ihrer Familienangehörigen ging.

»Was ist?«, fragte Michael und erhob sich.

Ich konnte nicht antworten. Wie versteinert stand ich im Raum und konnte meinen Blick nicht von dem Telegramm lösen. Die Schreibmaschinenschrift darauf schien zu brennen.

Erst, als er mir seine Hand auf die Schulter legte, kam ich wieder zu mir.

»Mein . mein Vater .«, stammelte ich. »Er und mein Bruder . sie hatten einen Unfall.«

»Wobei?«, fragte Michael.

»Das steht hier nicht, vielleicht war etwas mit den Pferden .«

Meine Gedanken rasten. Vater und Hendrik waren hervorragende Reiter. Ein Reitunfall, bei dem beide verletzt worden waren, erschien mir unwahrscheinlich. Wie schwer mochten sie verletzt sein? Es war gewiss ernst, sonst würde Mutter mich nicht nach Hause rufen. Das Blatt entglitt meinen Händen. Michael bückte sich und hob es auf.

»Ich muss nach Hause.« Beinahe flüsterte ich diese Worte nur.

Da ich vor Michael keine Geheimnisse hatte, ließ ich zu, dass er das Telegramm las.

»Du lieber Himmel!«, murmelte er erschrocken, dann blickte er mich an und griff nach meiner Hand, die sich anfühlte, als gehörte sie nicht zu mir. »Kann ich etwas für dich tun? Soll ich mitkommen?«

»Nein«, sagte ich und versuchte, mich wieder zu sammeln. »Ich . ich muss einen Zug nehmen. Oder eine Kutsche.«

»Mit der Kutsche wärst du zu langsam«, bemerkte Michael. »Aber vielleicht fährt heute ein Zug nach Kristianstad.«

Ich nickte, aber es kam mir so vor, als würde mir mein Körper nicht gehorchen. Ich musste mich beeilen, aber ich konnte nicht. Am liebsten hätte ich mich unter die Decke verkrochen und so getan, als hätte mich das Telegramm nicht erreicht....

 


Sofort lieferbar

10,00 €
inkl. 7% MwSt.
In den Warenkorb