Modeste Mignon

Roman
 
 
Manesse (Verlag)
erschienen im September 2009
 
Buch | Hardcover | 576 Seiten
978-3-7175-2180-8 (ISBN)
 
'Nichts Menschliches, nichts Allzumenschliches war ihm fremd. Lesen Sie Balzac!' Marcel Reich-Ranicki

Seelenverwandtschaft oder Prestige, Gefühl oder Marktwert - was ist die gültige Währung im großen Tauschgeschäft der Partnerwahl? Unter den vielen Perlen in Balzacs Jahrhundertwerk, der monumentalen 'Menschlichen Komödie', leuchtet dieser Roman als besonderes Glanzstück hervor: Inspiriert vom Werben um die Frau seines Herzens, der das Buch gewidmet ist, gelang dem französischen Nationaldichter seine charmanteste Amoureske.

Eine Wirtschaftskrise reißt Charles Mignon, einen der reichsten Kaufleute Le Havres, über Nacht in den finanziellen Ruin und zwingt ihn, das Land zu verlassen. Allen gesellschaftlichen Umgangs beraubt, flüchtet sich seine Tochter Modeste in die Welt der Bücher. Besonders schwärmt sie für Canalis, den gefeierten Pariser Dichterfürsten, dem sie heimlich einen enthusiastischen Brief schreibt. Der landet, wie alle Verehrerpost, auf dem Schreibtisch von dessen Sekretär. So findet sich Modeste alsbald in einen innigen Briefwechsel verstrickt - doch mit einem anderen Mann, als sie glaubt.

Vor dem Hintergrund der dramatischen Finanzkrise von 1826, die Firmen bankrottgehen und Banken zusammenbrechen ließ, entfaltet Balzac diese ebenso schwungvolle wie tiefgründige Komödie der Irrungen.

Seelenverwandtschaft oder Prestige, Gefühl oder Marktwert - was ist die gültige Währung im großen Tauschgeschäft der Partnerwahl? Unter den vielen Perlen in Balzacs Jahrhundertwerk, der monumentalen 'Menschlichen Komödie', leuchtet dieser Roman als besonderes Glanzstück hervor: Inspiriert vom Werben um die Frau seines Herzens, der das Buch gewidmet ist, gelang dem französischen Nationaldichter seine charmanteste Amoureske.

Eine Wirtschaftskrise reißt Charles Mignon, einen der reichsten Kaufleute Le Havres, über Nacht in den finanziellen Ruin und zwingt ihn, das Land zu verlassen. Allen gesellschaftlichen Umgangs beraubt, flüchtet sich seine Tochter Modeste in die Welt der Bücher. Besonders schwärmt sie für Canalis, den gefeierten Pariser Dichterfürst, dem sie heimlich einen enthusiastischen Brief schreibt. Der landet, wie alle Verehrerpost, auf dem Schreibtisch von dessen Sekretär. So findet sich Modeste alsbald in einen innigen Briefwechsel verstrickt - doch mit einem anderen Mann, als sie glaubt.

Vor dem Hintergrund der dramatischen Finanzkrise von 1826, die Firmen bankrott gehen und Banken zusammenbrechen ließ, entfaltet Balzac diese ebenso schwungvolle wie tiefgründige Komödie der Irrungen.
Johannes Willms
Caroline Vollmann
Deutsch
Zürich | Deutschland
Höhe: 155 mm | Breite: 101 mm | Dicke: 27 mm
276 gr
978-3-7175-2180-8 (9783717521808)
3717521802 (3717521802)
Honore de Balzac (1799-1850), eigentlich der Generation der Romantiker angehörend, bildet zusammen mit Stendhal und Flaubert das große Dreigestirn der französischen Realisten. Ruinöse Unternehmungen als Verleger und Spekulant sowie sein hemmungslos verschwenderischer Lebensstil stürzten Balzac schon in jungen Jahren in gewaltige Schulden und zwangen ihn zeitlebens zu rastloser literarischer Arbeit. Seine fast hundert Titel umfassende, als universelles Sittengemälde seiner Zeit angelegte "Comédie humaine", ist Geniestreich der Selbstvermarktung und virtuoses Monumentalwerk der Weltliteratur in einem.

Anfang Oktober 1829 ging der Notar Monsieur Simon Babylas Latournelle von Le Havre nach Ingouville hinauf, Arm in Arm mit seinem Sohn und in Begleitung seiner Frau, die den ersten Schreiber der Kanzlei, einen kleinen Buckligen namens Jean Butscha, wie einen Pagen mit sich führte. Als die vier Personen, von denen mindestens zwei jeden Abend diesen Weg zurücklegten, an der Kehre der Fahrstraße ankamen, die sich nach oben windet wie die Straßen, die die Italiener corniche nennen, sah sich der Notar um, ob ihn niemand von einer Terrasse herab, hinter oder vor ihnen, hören konnte, und er sprach aus einem Übermaß an Vorsicht nur mit halber Lautstärke.
"Exupere", sagte er zu seinem Sohn, "versuche, das kleine Manöver, das ich dir gleich andeuten werde, mit Verstand auszuführen und ohne weiter nach dem Sinn zu forschen; wenn du ihn dennoch errätst, befehle ich dir, ihn in jenen Styx zu werfen, den jeder Notar oder jeder Mann, der sich einem obrigkeitlichen Amt widmen will, für die Geheimnisse der anderen in sich haben muss. Nachdem du Madame und Mademoiselle Mignon, Monsieur und Madame Dumay sowie Monsieur Gobenheim, wenn er im Chalet ist, deine Hochachtung, deine Ehrerbietung und deinen Respekt erzeigt hast und wieder Ruhe eingekehrt ist, wird dich Monsieur Dumay beiseitenehmen; die ganze Zeit, während er mit dir spricht, wirst du (ich erlaube es dir) Mademoiselle Modeste mit Neugier betrachten. Mein würdiger Freund wird dich bitten, draußen spazieren zu gehen, um nach etwa einer Stunde, gegen neun Uhr, mit erregter Miene zurückzukommen; versuche dann, das Keuchen eines atemlosen Menschen nachzuahmen, und sage ihm ganz leise, aber doch so, dass Mademoiselle Modeste dich hört, ins Ohr: "
Exupere sollte am nächsten Tag nach Paris aufbrechen, um dort sein Rechtsstudium zu beginnen. Dieser bevorstehende Aufbruch hatte Latournelle dazu veranlasst, seinem Freund Dumay seinen Sohn als Komplizen für die bedeutsame Verschwörung vorzuschlagen, die dieser Auftrag vermuten lässt.
"Verdächtigt man Mademoiselle Modeste etwa, ein geheimes Liebesverhältnis zu haben?", fragte Butscha mit schüchterner Stimme seine Herrin.
"Pst! Butscha", entgegnete Madame Latournelle, indem sie den Arm ihres Gatten nahm.
Madame Latournelle, Tochter des Amtsschreibers am Stadtgericht, findet sich durch ihre Geburt hinreichend berechtigt, sich als Spross einer zum Parlament gehörigen Familie zu bezeichnen. Dieser Anspruch zeigt schon, warum diese Frau mit dem etwas rötlich aufgedunsenen Gesicht versucht, sich die Würde des Gerichts zu geben, dessen Urteile von ihrem Herrn Vater aufgezeichnet werden. Sie schnupft Tabak, hält sich steif wie ein Stock, tritt wie eine angesehene Frau auf und gleicht völlig einer Mumie, der der Galvanismus für einen Augenblick das Leben zurückgegeben hat. Sie versucht, ihrer kreischenden Stimme einen aristokratischen Klang zu verleihen; aber es gelingt ihr ebenso wenig wie das Kaschieren ihrer fehlenden Bildung. Ihre gesellschaftliche Nützlichkeit scheint angesichts der mit Blumen ausgerüsteten Hauben, die sie trägt, sowie der gekräuselten Haartour über den Schläfen und der Kleider, die sie wählt, unbestreitbar. Wo würden die Kaufleute diese Waren unterbringen, wenn es nicht Madame Latournelles gäbe? Alle Lächerlichkeiten dieser würdigen, durchaus mildherzigen und frommen Frau wären vielleicht fast unbemerkt geblieben; aber die Natur, die sich bisweilen einen Scherz erlaubt, indem sie solche albernen Geschöpfe in die Welt setzt, hat sie mit der Statur eines Tambourmajors ausgestattet, um die Einfälle dieses provinziellen Geistes deutlich hervorzuheben. Sie hat Le Havre nie verlassen, sie glaubt an die Unfehlbarkeit Le Havres, sie kauft alles in Le Havre, sie lässt sich dort einkleiden; sie gibt sich als Normannin bis in die Fingerspitzen, sie verehrt ihren Vater und vergöttert ihren Mann. Der kleine Latournelle hatte die Kühnheit besessen, dieses Mädchen, das bereits das ehefeindliche Alter von dreiunddreißig Jahren erreicht hatte, zu heiraten, und er hatte es verstanden, einen Sohn von ihr zu bekommen. Da er die Mitgift von sechzigtausend Francs, die ihm der Amtsschreiber gab, auch sonst überall erhalten hätte, schrieb man seine wenig verbreitete Unerschrockenheit dem Wunsch zu, den Einbruch des Minotaurus zu vermeiden, vor dem ihn seine persönlichen Anlagen schwerlich geschützt haben würden, wenn er die Unvorsichtigkeit besessen hätte, das Feuer bei sich zu entzünden, indem er sich eine junge, hübsche Frau ins Haus holte. Der Notar hatte ganz einfach die großen Qualitäten von Mademoiselle Agnès (sie hieß Agnès) erkannt und wahrgenommen, wie rasch die Schönheit einer Frau für den Ehegatten dahinschwindet. Was den jungen, unbedeutenden Mann betrifft, dem der Amtsschreiber seinen normannischen Namen über dem Taufbecken gab, so ist Madame Latournelle selbst heute noch so überrascht darüber, mit fünfunddreißig Jahren und sieben Monaten Mutter geworden zu sein, dass sich ihre Brüste, wenn es hätte sein müssen, für ihn mit Milch gefüllt hätten; diese Übertreibung allein vermag ihre närrische Mutterschaft zu beschreiben.
"Wie schön er ist, mein Sohn!", sagte sie zu ihrer kleinen Freundin Modeste, indem sie diese ohne jeden Hintergedanken auf ihn aufmerksam machte, wenn sie gemeinsam zur Messe gingen und ihr schöner Exupère vor ihnen herschritt.
"Er gleicht Ihnen", entgegnete Modeste, als würde sie sagen: "Was für ein schlechtes Wetter!"
Der Schattenriss dieser ziemlich nebensächlichen Person wird berechtigt erscheinen, wenn gesagt wird, dass Madame Latournelle seit ungefähr drei Jahren die Anstandsdame des jungen Mädchens war, dem der Notar und sein Freund Dumay eine jener Fallen stellen wollte, die in der "Physiologie der Ehe" Mausefallen genannt werden.
Unter Latournelle müssen Sie sich einen gutmütigen kleinen Mann vorstellen, der so verschlagen ist, wie die lauterste Biederkeit es nur erlaubt, und den jeder Fremde angesichts seiner seltsamen Physiognomie, an die sich Le Havre gewöhnt hat, für einen Spitzbuben halten würde. Seine schwache Sehkraft zwingt den würdigen Notar, grüne Brillengläser zu tragen, um seine Augen, die ständig gerötet sind, zu schützen. Die beiden mit einem spärlichen Flaum geschmückten Augenbrauenbogen überwölben in einer schwachen Linie die braune Schildpatteinfassung der Gläser, indem sie deren Kreis gleichsam verdoppeln.

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