Hand an sich legen

Diskurs über den Freitod
 
 
Klett-Cotta (Verlag)
  • erschienen am 6. Februar 2015
 
  • Buch
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  • Softcover
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  • 173 Seiten
978-3-608-93947-7 (ISBN)
 
»Wer abspringt, ist nicht notwendigerweise dem Wahnsinn verfallen, ist nicht einmal unter allen Umständen >gestört< oder >verstört
Neuauflage, Nachdruck
  • Deutsch
  • Stuttgart
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  • Deutschland
  • Höhe: 203 mm
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  • Breite: 125 mm
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  • Dicke: 17 mm
  • 223 gr
978-3-608-93947-7 (9783608939477)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jean Améry, im Oktober 1912 als Hans Mayer in Wien geboren, zählt zu den bedeutendsten europäischen Intellektuellen der sechziger und siebziger Jahre. Seine bahnbrechenden Essays sind in ihrer Bedeutung vielleicht nur mit den Schriften Hannah Arendts und Theodor W. Adornos zu vergleichen. Als Reflexion über die Existenz im Vernichtungslager stehen sie vermutlich Primo Levis Büchern am nächsten. Zugleich jedoch hat Améry wie kaum ein anderer Intellektueller die deutsche Öffentlichkeit mit französischen Denkern und Schriftstellern bekannt gemacht und konfrontiert. Jean Améry starb im Oktober 1978 durch eigene Hand.
Vorwort

Wer die Bücher des Verfassers kennt, und namentlich seine Studie »Über das Altern«, als dessen direkte Fortsetzung die hier nachfolgenden Überlegungen zum Problem des Freitods gelten können, der muß nicht erst orientiert werden: er weiß, daß der vorliegende Band nichts enthalten kann, was von näher oder fernher an wissenschaftliche Arbeit gemahnen könnte.
Wem hingegen der Autor ein Unbekannter ist, der muß redlicherweise gewarnt werden. Niemand wird aus den hier angestellten Erwägungen zu Einsichten gelangen, wie die wissenschaftliche Selbstmordforschung, die »Suizidologie«, sie darzubieten sich anheischig macht. Weder wird er also erfahren, in welchem Lande und warum gerade in diesem sich mehr Menschen töten als in einem anderen, noch wird er über die seelischen und gesellschaftlichen Vorgänge (oder Vor-Verläufe), die schließlich zum Freitod führen, Substantielles zu lesen bekommen. Keine Statistiken werden sein Kenntnisvolumen erweitern, keine graphischen Darstellungen sind da, wissenschaftliche Erkenntnis zu veranschaulichen, nirgendwo hat der Autor ein Modell des Suizids entworfen.
Dieser Text ist jenseits von Psychologie und Soziologie situiert. Er beginnt dort, wo die wissenschaftliche Suizidologie endigt. Ich habe versucht, den Freitod nicht von außen zu sehen, aus der Welt der Lebenden oder der Überlebenden, sondern aus dem Inneren derer, die im die Suizidäre oder Suizidanten nenne.
»Phänomenologie des Freitods« also? Das wäre zu hoch gegriffen. Aller aus dem Worte Logos abgeleiteten und sachbestimmten Begriffe habe im mir entschlagen: aus Bescheidenheit vor der positiven Forschung. Auch aus Skepsis. Teile der einschlägigen Literatur sind mir bekannt. Ich habe mich aber nur ausnahmsweise da und dort an diese Literatur gehalten, weswegen ich darauf verzichtete, eine Bibliographie beizufügen. Gleichwohl erscheint es mir als nötig, zu verweisen auf Werke und Persönlichkeiten, denen ich Anregungen und Kenntnisse verdanke, ohne die meine Schrift nicht hätte entstehen können. An erster Stelle steht hier Jean-Paul Sartre mit seinem gesamten opus. Wie radikal verschieden auch meine Option und meine Konklusionen von denen Sartres seien, ich habe in geistigen Nöten bei der Niederschrift so oft Zuflucht gesucht in seinem gewaltigen Denk-Bauwerk, daß ich mich gehalten fühle, schon an dieser Stelle ganz ausdrücklich davon zu sprechen. Des weiteren hat das sehr schöne und tiefsinnige, unbegreiflicherweise nicht ins Deutsche übertragene Buch »La Mort« von Vladimir Jankelevitsch wesentliche Einflüsse auf die hier wiedergegebenen Gedanken gehabt. Schließlich verdanke ich einem wissenschaftlichen Werke, dem schon im ersten Hauptstück zitierten (und bislang ebenfalls noch nicht übersetzten) bedeutenden Buch »Les Suicides« von Jean Baechler, für mich völlig neue Einblicke in wissenschaftlich-objektive Tatbestände.
Das Wesentliche aber ereignet in diesem Band sich jenseits der objektiven Forschung. Ein ziemlich langes Leben intimen Umgangs mit dem Tod im allgemeinen, dem Freitod im besonderen, Gespräche mit kenntnisreichen Freunden, lebensentscheidende individuelle Erfahrungen gaben mir jene Selbst-Legitimation, die Bedingung des Schreibens ist.
An manchen Stellen wird man mißverstehend vielleicht meinen, im hätte hier eine Apologie des Freitods konzipiert. Solcher Fehlauffassung ist nachdrücklich vorzubeugen. Was nämlich als apologetisch erscheinen mag, ist nur die Reaktion auf eine Forschung, die dem »Selbstmord« nachgeht, ohne den seinen Freitod suchenden Menschen zu kennen. Dessen Befindlichkeit ist eine absurde und paradoxe. Ich habe nichts anderes versucht, als den unauflöslichen Widersprüchen der »condition suicidaire« nachzugehen und von ihnen Zeugnis abzulegen - soweit die Sprache reicht.
Brüssel, Februar 1976
Jean Amery

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