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Klaus HildebrandUdo WengstAndreas Wirsching (Hrsg.)

Geschichtswissenschaft und Zeiterkenntnis - Von der Aufklärung bis zur Gegenwart: Festschrift zum 65. Geburtstag von Horst Möller

Autor: Klaus HildebrandUdo WengstAndreas Wirsching (Hrsg.)
Verlag: Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH
Band: 0
Zusatzinfo: 1. Ausgabe, 794 Seiten.
ISBN13: 9783486585070
ISBN10: 348658507X
Erschienen: 2008
Medientyp: E-Book
Einbandart: ebook
Sprache: Deutsch
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348658507X (14430 KB)

Horst Möller hat als Hochschullehrer und Leiter außeruniversitärer Forschungsinstitute, die letzten 15 Jahre als Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München - Berlin, tiefe Spuren in der deutschen Geschichtswissenschaft hinterlassen. Zu seinem 65. Geburtstag verehren ihm Freunde, Kollegen und Schüler eine Festschrift, deren Beiträge das ungemein breite Themenspektrum im OEuvre des Jubilars widerspiegeln und dessen herausragende historiographische Leistungen würdigen.


 
Auszug aus dem Inhalt:
"Manfred Kittel (S. 455-456)

Vorläufer ?ethnischer Säuberungen""?

Flucht und Vertreibung in der Frühen Neuzeit

I

Unter ?Vertreibung"" verstehen wir heute die ?mit Drohung oder Gewalt bewirkte Ausweisung oder Umsiedlung einer Bevölkerung oder eines Bevölkerungsteils (v.a. Minderheiten) aus ihrer Heimat über die Grenzen des vertreibenden Staates hinweg"". Als ?eine Wurzel""1 des Phänomens benennt der Brockhaus explizit nur den Nationalismus des 19. Jahrhunderts. Mit Bezug auf diese Wurzel ? die Ideologie des ethnisch homogenen Nationalstaats und ihre um 1900 spürbar wachsende ?postdarwinistische [...] Extremform""2 ? hat Hans Lemberg das 20. Jahrhundert als das ?Jahrhundert der Vertreibungen""3 charakterisiert.

Gerade auch aus deutscher Perspektive, im Blick auf den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen, ist diese Einschätzung nachvollziehbar. Andererseits berichtet bekanntlich schon die Genesis von der Vertreibung aus dem Garten Eden, und auch die Alte Geschichte ist voller ?Zwangsmigrationen"", am bekanntesten wohl die ?babylonische Gefangenschaft"" der Oberschicht des jüdischen Volkes nach der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar II. im Jahr 586 v. Chr. Die Kontinuitäten des universalhistorischen Phänomens ?population cleansing"" 4 von den assyrisch-babylonischen Vertreibungen des Altertums bis ins 20. Jahrhundert hinein betont auch der Bostoner Soziologe Andrew Bell-Fialkoff, der den Versuch einer Typologisierung unternommen hat.

Anders als der Verlagstitel ?Ethnic cleansing"" suggeriert, hält Bell-Fialkoff den Begriff der ?ethnischen Säuberung"", der sich seit den serbischen Angriffen auf die bosnischen Muslime 1992 eingebürgert hat 5 , für problematisch. Zum einen sei der Begriff euphemistisch, zum anderen hätten Säuberungen in der Geschichte der Menschheit nicht nur ethnischen, sondern auch religiösen oder sozialen Gruppen gegolten. Wenn die Herrschenden eine Bevölkerungsgruppe als Bedrohung für ihre Macht empfanden, hätten sie gegebenenfalls mit einer Politik der Vertreibung reagiert oder ? im Extremfall von ?population cleansing"" ? mit Genozid. ,

Für die Säuberungen im Altertum war nach Bell-Fialkoff kennzeichnend, dass sie als ?politisches Instrument"" gebraucht wurden, um die Kontrolle über gerade eroberte Bevölkerungen zu erlangen. Typisch für diese erste Phase sei vor allem der ökonomische Aspekt gewesen, d. h. die Möglichkeit, Volksgruppen als Rekrutierungspotenzial für neue Sklaven zu nutzen. Das ethnische Moment habe damals wie im Mittelalter ? als der religiöse Faktor für die Säuberungen immer entscheidender wurde ? zumindest keine primäre Rolle gespielt, ohne indes völlig irrelevant gewesen zu sein. , Als zentrale Wegmarke in der langen Geschichte des ?population cleansing"" arbeitet Bell-Fialkoff ein Ereignis der Frühen Neuzeit heraus:

Den Augsburger Religionsfrieden von 1555, der die schon früher durch religiöse Intoleranz verursachten Säuberungen erstmals als politisches Prinzip anerkannte. ?Cuius regio eius religio"" ? der Landesherr bestimmte nach zeitgenössischem Rechtsverständnis fortan über die Konfession seiner Landeskinder, denen aber gleichzeitig zumindest prinzipiell das beneficium emigrandi, also das Recht auf Auswanderung mit Hab und Gut, zugestanden wurde, wenn sie ihre Konfession nicht wechseln wollten.8 Diese religiöse Prägung der Säuberungsprozesse ging am Ende der frühen Neuzeit allmählich wieder verloren und wich nach Ansicht des Bostoner Soziologen einer bis heute anhaltenden ?ethnischen Orientierung""."
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Prolog
    • Wege zur Zeitgeschichte
  • Geist und Politik - von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg
    • Mozart und die Aufklärung
    • "Friedrich der Einzige"
    • Fürstenlehre und Spätaufklärung in Preußen
    • Staatsräson und Kritik in einigen Stadtrepubliken des 18. Jahrhunderts
    • Die letzte "Ruhe des Nordens"
    • Die Bayerische Patriotenpartei und das Zentrum 1871-1898
    • Preußen im Fußball
  • Demokratien und Diktaturen im 20. Jahrhundert
    • Militär und Politik in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts
    • Universität und Revolution 1918/19
    • Joseph Goebbels und der Sozialismus 1923-1933
    • "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet."
    • Republik in der Krise
    • "La France est ici et non ailleurs"
    • "Finden Se dat so schön?"
    • Parteien in Bewegung
    • Die ersten wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten: eine "schleichende Revolution"
    • Die Motive für die Einladung Molotovs nach Berlin im November 1940
    • Die Entscheidung zur Vernichtung aller europäischer Juden
    • Justizielle und außerjustizielle Repression: Kontinuität und Wandel eines zentralen Strukturmerkmals der SED-Diktatur
  • Deutschland, Frankreich und der Westen
    • Verhandlungsfühler nach Frankreich?
    • Die deutsch-französischen Beziehungen im Spiegel von Pressekarikaturen zwischen Kriegsende und Wiedervereinigung (1945-1990)
    • Ein "Fernsehvorhang" quer durch Deutschland?
    • Internationale Politik und deutsch-französische Beziehungen im zweiten Halbjahr 1967
    • Staatspräsident Valery Giscard d'Estaing und die deutsche Frage
    • "La faiblesse soviétique fait la force des Allemands"
    • Der Westen als Hort
    • Epochenbewusstsein, europäisches Einigungsdenken und transnationale Integrationspolitik bei Heinrich von Brentano
    • "Freundschaft in Freiheit"
    • Zwischen Konsens, Krise und Konflikt
  • Flucht und Vertreibung
    • Vorläufer "ethnischer Säuberungen"?
    • Ilse Bandomir im "Jahrhundert der Deportationen und Vertreibungen"
    • Der italienische Exodus aus Istrien und Dalmatien nach dem Zweiten Weltkrieg
  • Geschichtsschreibung und historische Ausstellungen
    • Die ersten Begegnungen der Monumenta Germaniae Historica mit Frankreich
    • "Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts"
    • Das bayerische Heer im Ersten Weltkrieg
    • Die Rolle der Archive bei der Aufarbeitung der totalitären Diktaturen
    • Widerstand oder Abstand?
    • Was heißt und zu welchem Ende studiert man Exilgeschichte?
    • 50 Jahre Leo Baeck Institut
    • Treviranus als Interpret Brünings (1955-1973)
    • Zeitgenössische politische Größen im Fokus der Biografen
    • Machen Männer wieder Geschichte?
    • Kulturelle Wiederbelebung
    • "Kunst" als Politik
  • Ideengeschichtliche Analysen und Zeitdiagnosen
    • Demokratie und Menschenrechte in Antike und Neuzeit
    • Hannah Arendt und die Sinnstiftung des Freiheitsmythos
    • Hannah Arendt im Zwiegespräch mit Karl Jaspers
    • Die Macht der Medien
  • Schriftenverzeichnis von Horst Möller
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Personenverzeichnis
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