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Prüfe Blick ins Buch ...

Jan Cep

Der Mensch auf der Landstraße

Erzählungen - Ausgewählt von Urs Heftrich

Autor: Jan Cep
Übersetzer: Hanna DemetzPeter DemetzBettina Kaibach
Verlag: DVA, München
Zusatzinfo: 1. Auflage; 312 Seiten. GB
ISBN13: 9783421052469
ISBN10: 3421052468
Erschienen: 11.02.2003
Medientyp: Buch
Einbandart: Gebunden
Land: Deutschland
Sprache: Deutsch
Maße: Höhe 170 mm, Breite 104 mm
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»Ein außerordentlich ruhiger und aufmerksamer Erzähler, voller Sinn für das freundliche, warme, vertrauliche Detail und das Leben der Dinge.« So rühmte die Kritik Jan Cep (1902 - 1974), einen der großen Autoren der katholischen Moderne. In seinen Bildern aus dem mährischen Landleben gelingt es ihm, das ganze Drama der menschlichen Existenz einzufangen: von den seelischen Nöten des Dorfjungen, der zum ersten Mal in die Stadt geschickt wird, bis zu den Geschichtskatastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts. Auch so brisanten Themen wie der Deportation der tschechischen Roma und der wahllosen Gewalt gegen die Okkupanten am Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich Cep gewidmet. Mit seinem kritischen Blick auf die eigene Nation war ihm eine Außenseiterrolle beschieden. Nach der kommunistischen Machtergreifung blieb ihm nur die Flucht. Die Auswahl von großenteils erstmals übersetzten Texten spannt einen Bogen von Ceps Anfängen bis zu seiner Exilzeit.



"Aber er weiß doch schon Bescheid, immer der Nase nach!" lachte der Vater, während sich die Mutter noch Sorgen machte, ob Frantisek sich zurechtfinden würde. Das Lachen des Vaters war Frantisek kostbar, und um nichts auf der Welt hätte er es sich verdorben. Und deshalb gab er sich tapfer und schaute lieber gar nicht erst auf die Mutter, die ihn mit ihrer Besorgnis immer beschämte.
"Vierunddreißig - zweiundvierzig", wiederholte er unterwegs die Maße der Glasscheiben, die er in der Stadt kaufen sollte. Zuerst ging es durch den Wald, und auf den Wegen waren Wagenspuren, bei denen sich Frantisek nie vorstellen konnte, wer sie dort eingegraben hatte. Nie hatte er gesehen, daß ein Wagen durch den Wald gefahren wäre. Die Wiese blieb zurück und mit ihr Josef Vybiral, der bei der letzten Hütte mit Murmeln spielte, während doch Frantisek ein ernstes Ziel vor sich hatte.
Er kam an einen Scheideweg und überlegte: nach rechts oder nach links? Zu Hause hatten sie ihm gesagt, er solle immer geradeaus gehen. Wie aber geradeaus gehen, wenn es da zwei Wege gibt, einer biegt nach rechts und einer nach links, und keiner führt geradeaus? Frantisek macht ein paar Schritte auf dem
Weg zur Linken und kehrt zurück. Dann geht er auf dem Weg zur Rechten und kehrt zurück. Er steht da und überlegt, und der Himmel über ihm ist blau und tief wie die Augen der Waldnymphen, ohne ein Lächeln. Da kommt ein Bauer mit den Händen in der Tasche gegangen und blickt Frantisek prüfend an. Frantisek schreitet gleich auf einen der Wege los und tut entschlossen, als wüßte er, wohin er geht. Er schämt sich für seine Zweifel. Aber er wird immer langsamer, je weiter er geht. Was, wenn es nun doch nicht der richtige Weg ist? Schließlich begegnet er einer alten Frau mit einem Grasbündel und vertraut sich ihr an. Er muß natürlich zurückgehen, rot wie Blut.
Er kommt aus dem Wald heraus und befindet sich inmitten von Feldern. Das Getreide steht hoch zu beiden Seiten des Pfades, und nichts regt sich. Alles verharrt in goldener Stille, die nach Sattheit duftet wie gesegnetes Brot. Aber die blaue Farbe des Himmels und die blauen Augen der Kornblumen zwischen dem Getreide wecken durch ihre Tiefe in Frantisek eine seltsame Angst. Dafür brennt der Klatschmohn rot und ist entschlossen wie die Leidenschaft. Frantisek schaudert, seine bloßen Füße tapsen allzu laut im heißen Staub. Ein nackter Kerl geht angeblich im Getreide um und spukt. Frantisek weiß nicht, wodurch er ihm etwas antun könnte, aber er erschrickt bei jedem lauteren Geraschel.
Auf einmal tat sich jedoch das Getreide auf, und Frantisek erblickte den Rathausturm der Stadt. Die Straßen lärmten auf ihn ein, und Frantisek mußte sich an den Wänden festhalten, damit es ihn nicht mit sich fortriß. Nachdem er seine Sache ausgerichtet hatte, eilte er rasch davon und hielt nicht inne, bis er kühles, grünes Gras unter den Füßen spürte. Behutsam legte er das Glas auf den Feldrain und sah zu, wie Käfer aus den Poren der Erde krochen und die Grashalme entlangkletterten. "Sie tummeln sich im Gras wie die Menschen unter den Bäumen", dachte er, und sein Blick sank voller Wehmut in den abgrundtiefen Himmel. Aber dann tröstete er sich, als er sich an zu Hause erinnerte. Bestimmt denken sie daheim schon an ihn, und die Mutter schaut wahrscheinlich schon auf die Uhr.
Frantisek nahm das Glas auf und schritt aus. Ein wenig taten ihm die Füße weh, aber dann verging es wieder. Er beeilte sich, um damit angeben zu können, daß er allein in der Stadt gewesen war. Er wird freilich nicht erzählen, wie er sich am Scheideweg geirrt hat. Er wird auch nichts von der blauen Angst verraten, die tief in der Stille der Felder sitzt. Das würde ohnehin keiner glauben.
Frantisek ging am Dorf vor dem Wald vorbei, und dann war er bereits auf Wegen, die er gut kannte, wenngleich den Menschen im Wald stets eine gewisse Angst befällt. Er wußte aber, daß er zu Hause in Rufweite war, und weil er sich für seine Angst schämte, ging er absichtlich um Kaders Steinbruch herum, vor dem sie ihn daheim immer warnten. Das Röhricht spiegelte sich reglos in der dunklen Vertiefung, auf deren Grund die Schaufeln und Spitzhacken jener Steinbrecher lagen, die eines Morgens zum Felsen gekommen waren und ihn überflutet gefunden hatten. Die Steinbrecher sind längst schon gestorben, und die Leute erzählen sich Geschichten über die Tiefe des überfluteten Steinbruchs, aber an Sommerabenden leuchtet die Schlucht dennoch von den Körpern der Badenden, und in der Frühe treibt über die Wasserfläche trauriges, abgerissenes Gras.
Frantisek setzte sich über dem Steinbruch hin und schaute mit Furcht in das unheildrohende Wasser. Sie sagen, es sei sehr sauber. Wenige Schritte vom Rand ist es angeblich nicht allzu tief, dort können auch kleine Kinder baden. Frantisek hatte es erlebt, daß er Durst verspürte, wenn er Wasser in einer Pfütze sah. Und jetzt war er von der Mittagshitze so gepeinigt, daß sein ganzer Körper nach Wasser lechzte. Er ging hinunter und begann sich die Kleider auszuziehen. Er sah im Wasser seine nackte Gestalt. Er hatte ein Gefühl von furchtbarer Freiheit. Aber sobald er näher trat, wich er vor dem Bild des Himmels zurück, der sich im Wasser wie von einem Verhängnis verdüsterte. Frantisek gab jedoch nicht auf. Er ging langsam weiter, und als ihm das Wasser über die Knie reichte, setzte er sich hinein und schlug mit den Armen um sich, daß die Wasserfläche bis zum anderen Ufer aufgeschreckt wurde. Frantisek wurde still und horchte, wie das Wasser gegen das Gras schwappte. Er war ihm nicht angenehm, dieser Laut, der allzu sehr einer lebendigen Stimme glich, und deshalb begann er wieder um sich zu schlagen. Als ihn das ermüdete, nahm er sich vor zu erkunden, wie weit man gehen konnte. Zwar fuhr ihm durch den Kopf: "Wenn ich so ertrinken würde ...", doch verwarf er es wieder, weil ihm die Dinge, mit denen er sich in seinen Vorstellungen beschäftigte, regelmäßig nicht in
Erfüllung gingen.

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